Spreitenbach

Wegen Onlinekonkurrenz: Im Tivoli gibt nun eine Beraterin Stylingtipps

Corinne Kuhn bietet im Shoppi Tivoli Einkaufsberatungen an. Eine az-Redaktorin hat ihre Dienste in Anspruch genommen. Später wird sie gleich mehrmals gefragt, wo sie ihren Mantel gekauft habe. Ein Erlebnisbericht.

Das künstliche Licht liefert sich auf der Passerelle zwischen Tivoli- und Shoppimall ein Duell mit der einfallenden Sonne. Draussen lockt der Frühling – drinnen die passende Kleidung dazu. Doch was, wenn man selbst nicht weiss, was einkaufen? Was einem steht, was man in dieser Saison so trägt? Im Spreitenbacher Shoppi Tivoli gibt es für die Modezaghaften seit rund einem Jahr Abhilfe: Die persönliche Shoppingberaterin Corinne Kuhn streift mit einem durch die Läden, versucht herauszuspüren, was gefällt, und aufzuzeigen, was passt.

Um herauszufinden, was man sich unter diesem Angebot vorstellen muss, treffe ich Kuhn für eine Probeberatung. Sie wartet am Infopoint, und ich bin erleichtert, dass ich sie unter den Leuten sofort als potenzielle Stilberaterin erkenne. Gut gekleidet, wie sie ist, sticht sie tatsächlich etwas heraus aus der Masse der Shopper. Stylingtipps von jemandem entgegenzunehmen, mit dessen Stil ich gar nichts anfangen kann, wäre mir dann doch etwas schwer gefallen. So weit, so gut.

Laut Marketing-Teamleiterin Elisabeth Meier habe sich das Shoppi Tivoli nicht zuletzt deshalb für die Schaffung des Beratungsangebots entschieden, um der wachsenden Konkurrenz durch Onlinegeschäfte entgegenzuhalten. «Heutzutage muss das Shoppen vor Ort einen Mehrwert bieten», sagt sie. So soll die Stylingberatung Menschen, denen die virtuelle Shopping-Spielwiese zu anonym ist, oder die von deren grenzenlosem Angebot überfordert sind, mit dem persönlichen Touch abholen. Hier ist die Kundin noch Mensch, nicht Nummer.

Die Shoppingberatung beginnt mit einem Kaffee. Kuhn will mich kennenlernen, wissen, ob ich etwas Spezifisches suche oder einfach meine Garderobe etwas auffrischen will. Arbeitstauglich soll es sein, sage ich, aber nicht langweilig – schwarze T-Shirts und Jeans habe ich zu Hause genug. «Ein schmaler Grat», sagt Kuhn und lacht. Nun will sie herausfinden, wie weit sie mit mir gehen kann: Suche ich nur neue Variationen der bewährten Kombis, oder bin ich auch offen für Neues?

Natürlich letzteres, versteht sich – sonst wäre die Beratung doch überflüssig. Oder nicht? «Das muss nicht sein», sagt Kuhn. Manchmal wünschten sich Kundinnen auch einfach, dass die Shoppingberaterin ihnen zeigt, wie sie ihren bevorzugten Stil etwas moderner interpretieren können. «Ich will niemandem etwas aufdrängen. Es geht mir auch nicht darum, nur aktuelle Trends an die Frau zu bringen.» Die Hauptsache sei, dass es der Kundin in ihren Vorschlägen wohl ist. «Wenn jemand an einem von mir zusammengestellten Outfit Freude hat und Selbstbewusstsein ausstrahlt, ist das der schönste Lohn für mich», sagt Kuhn.

Nur von Luft und Freude kann sie dann aber doch nicht leben. 90 Franken kostet die erste Stunde mit der Personal Shopperin, 80 jede weitere. Sie legt Wert darauf, zu betonen, dass sie weder vom Shoppingcenter noch von dort ansässigen Geschäften Lohn oder Provisionen bezieht – so müsse niemand befürchten, dass sie einem Waren unterjubeln will, ob sie nun passen oder nicht. Kuhn hat den Anspruch, für jeden die passende Garderobe zu finden: Alter, Figur oder Budget sollen niemanden davon abhalten, sich gut zu kleiden.

Jetzt, wo Kuhn eine vage Ahnung hat, wonach ich auf der Suche bin, beginnt die Einkaufsreise durchs Shoppi. In den Läden schnappt sich Kuhn Stück um Stück aus den Regalen, hält sie vor mich hin, neigt den Kopf zur Seite, kneift die Augen zusammen. Mein Stil-Freipass lässt sie zur Hochform auflaufen: Innert kurzer Zeit schwillt der Klamottenstoss auf ihrem Unterarm zu einem Turm an, hinter dem sie fast verschwindet.

Bevor die zierliche 40-Jährige unter der Last zusammenbricht, gehts in die Kabinen. Kuhn hängt mir die Kleider in Komplettoutfit-Einheiten an die Haken und wartet geduldig, bis ich mich umgezogen habe. Im gnadenlosen Neonlicht der Kabinen zupft sie etwas an mir herum, strahlt, wenn ihr etwas gefällt, runzelt die Stirn, wenn nicht. Zu Fehlkäufen will sie mich nicht ermuntern, gibt unumwunden zu, wenn ein Outfit die Hüfte etwas gar mächtig daherkommen lässt – auch wenn sie sich Mühe gibt, die Botschaft sanft zu verpacken.

Am Schluss einigen wir uns auf Hose, Streifenbluse, Plateausandalen, eng anliegenden Blazer und einen gelben Mantel, den ich selbst nie vom Gestell geholt hätte. Dass mich draussen gleich zwei Frauen darauf ansprechen, woher ich diesen schicken Mantel habe, dürfte für Kuhn wiederum Lohn genug sein.

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