Im 1906 erbauten Landhaus, der Villa Lewin, an der Parkstrasse in Baden, gleich gegenüber dem Kurtheater, lebte und arbeitete bis zu ihrem Tod Yolanda Van den Bergh-Lewin (1918– 1996). Sie war die erste Frau im Kanton Aargau, die 1943 das Notariatspatent erworben hatte.

Als Anwältin und Notarin übernahm sie 1952 das Geschäft des Vaters: «Dabei hat sie von Beginn an vor allem Frauen in Not geholfen und sie zum Beispiel bei Scheidungen unterstützt. Etwas, das zu dieser Zeit ja nicht üblich war», erklärt Denise Werder (38), eine der beiden Besitzerinnen der 10-Zimmer-Villa.

Hier haben sie und ihre Schwester Michèle Clemen (33), beide bekannt als Inhaberinnen des Tabakhauses beim Stadtturm, das neue Zentrum «Frau und Familie» eingerichtet. Frauen finden hier verschiedene Angebote rund um frauenspezifische Themen, von der ersten Periode bis zu den Wechseljahren.

Familien sollen nach Geburt entlastet werden

Neben Beratungen, einer Hebammenpraxis und alternativen Therapieangeboten werden diverse Kurse durchgeführt und Vorträge, zum Beispiel zu natürlicher Verhütung, gehalten. Ausserdem haben die Schwestern einen Mahlzeitendienst ins Leben gerufen, der Familien in der Zeit nach der Geburt im Alltag entlastet.

Ihre Vision eines Frauen-Kompetenzzentrums entwickelte sich aus ihren eigenen Erfahrungen: «Wir hatten, wie so viele Frauen, eine schwere erste Geburt und wollten es beim nächsten Mal anders angehen», sagt Clemen. Sie hat vor vier Monaten ihr drittes Kind geboren, Denise Werder ist Mama von zwei Kleinkindern. «Wir haben gemerkt, dass uns ein Ort fehlt, an dem wir über Alternativen zu Geburtsvorbereitungskursen oder zu Spitalgeburten aufgeklärt und auch darin bestärkt worden wären, diese wahrzunehmen.»

Ziel: Tabus abbauen

Das seien Themen, die viele schwangere Frauen beschäftigen. Genauso aber Themen wie die erste Periode oder die Wechseljahre, die noch immer tabuisiert und nur wenig besprochen würden. Deshalb bieten sie das Gesamtpaket: «Wir wollen Frauen aufklären und ihr Selbstbewusstsein fördern.»

Auf ein solch umfassendes Angebot sind sie in der ganzen Schweiz bisher nicht gestossen, sagen sie, und so sind die beiden mit ihrem Frauenzentrum schon fast so etwas wie Pionierinnen. Ihre Idee kam denn auch bei vielen gut an. Im Februar legten die beiden los, organisierten einen Infoanlass und suchten in einem Inserat nach Therapeuten, die unter einem Dach arbeiten wollten.

«Innerhalb dreier Wochen waren alle Räume besetzt», sagt Werder. Anfang Mai sind die ersten Therapeutinnen in die sieben Zimmer im oberen Stockwerk eingezogen – darunter auch ein Therapeut: «Natürlich sind Männer im Haus herzlich willkommen. Und sie dürfen die Angebote natürlich ebenfalls nutzen», so Clemen. Schliesslich würden sie einen wichtigen Part in der Familie einnehmen.

Dass sie das Familienzentrum Karussell, das sich in Gehdistanz befindet, oder die Väter- und Mütterberatung konkurrenzieren könnten, glauben Clemen und Werder nicht: «Wir sind vielmehr eine Ergänzung zu deren Angebot und können uns vorstellen, dass manche Frauen an uns weitervermittelt werden, weil wir etwas bieten, was sie nicht bieten können.»

«Es ist eine Herzensangelegenheit»

Und wie geht dieses alternative Angebot mit der Leitung des Tabakhauses, das die beiden Nichtraucherinnen 2015 von ihren Eltern übernommen haben, einher? «Beides sind Herzensangelegenheiten. Wir sind mit dem Tabakhaus gross geworden und wollen die Tradition in der Stadt aufrechterhalten», so Clemen. «Frau und Familie» hingegen sei ihre ganz eigene Vision, die sie nun umgesetzt haben.

Und dafür eigne sich die Villa an der Parkstrasse mit ihrem aussergewöhnlichen Spirit sehr, finden die beiden. Sie kennen das Haus seit Kindesbeinen: «Wir haben eine tiefe Beziehung zu diesem Haus, sind hier schon immer ein- und ausgegangen.

Unsere Mutter arbeitete hier im Anwaltsbüro», erzählt Werder. Als die Tochter von Yolanda Van den Bergh-Lewin starb, vermachte sie das historische Landhaus 2017 den beiden Schwestern. Die Vision des Frauen-Kompetenzzentrums kristallisierte sich aber erst in diesem Jahr heraus: «Erst war das Haus, dann die Idee», sagt Denise Werder lachend. Sollte hier also ein Geist wehen, dann eindeutig ein weiblicher.