Allein schon am Titel der Zeitschrift «Der Rütihöfler» des Dorfvereins Rütihof lässt sich erkennen, dass es sich nicht einfach um ein Badener Quartier handelt: Hier ist man noch Dorf, hier ist man «Rütihöfler». «Uns ist wichtig, dass die Vergangenheit von Rütihof nicht verloren geht», sagt Peter Züllig. Der 70-Jährige ist Mitglied und ehemaliger Präsident der Chronikgruppe Rütihof. Auf die Frage, ob er sich nun lieber als Rütihöfler oder als Badener bezeichne, antwortet er: «Für mich sind das zwei verschiedene Ebenen von Identität. Wir sind sowohl Rütihöfler als auch Badener.»

Die Dorfidentität habe durch die Eingemeindung zu Baden 1962 nicht gelitten – im Gegenteil, findet Züllig: «Dorfidentität bleibt eher erhalten, wenn man irgendwo angeschlossen wird, als wenn man separat bleibt. Ein Anschluss bedeutet eben nicht Identitätsverlust, sondern Identitätswachstum.» Denn erst durch die Eingemeindung keimte in den Rütihöflern der Wunsch auf, eine Chronikgruppe zu initiieren.

Von Anfang an im Dorf präsent

«Oral History», also die Geschichtserzählung durch Zeitzeugen, sei zu jener Zeit im Trend gewesen, erinnert sich Margot Fempel-Anner. Die 69-Jährige war 1988 Gründungsmitglied und erste Präsidentin der Chronikgruppe. «Ich hatte für das Badener Schulblatt einen Artikel über meine Jugend in Rütihof geschrieben. Danach kam der Präsident des Dorfvereins auf mich zu und hat gefragt, ob man eine Chronikgruppe gründen könnte», sagt sie.

Kurz-Interview mit Peter Züllig von der Chronikgruppe  Baden-Rütihof

Kurz-Interview mit Peter Züllig von der Chronikgruppe Baden-Rütihof

Die damals 36-Jährige erwartete ihr drittes Kind und lehnte zunächst ab. Durch eine erneute Anfrage zwei Jahre später liess sich Fempel-Anner schliesslich überreden. «Es haben sich so viele Interessierte gemeldet und mit einem Dutzend Leuten haben wir dann einfach losgelegt.»

Die Gruppe habe begonnen, alte Leute im Dorf nach früheren Fotografien zu fragen. «Wir wollten nicht, dass die Bilder verloren gehen und haben dann für eine Fotoausstellung gesammelt», erzählt sie. Anlässlich der Ausstellung wurde eine Broschüre der Chronikgruppe gefertigt. In dieser hat Margot Fempel-Anner die Geschichte ihrer Eltern niedergeschrieben. Damit wurde versucht, exemplarisch das Dorfleben in Rütihof von 1920 bis 1950 zu beschreiben. Fempel-Anner sieht sich selbst als Geschichtenerzählerin: In drei Broschüren, die die Chronikgruppe bald veröffentlichen will, wird sie anhand ihres Lebens die Verhältnisse in Rütihof ab 1950 nacherzählen.

Das Engagement der sieben Mitglieder der Chronikgruppe ist ehrenamtlich. «Mich bewegt die Identifikation als Rütihöfler, das Interesse an dem Ort und den Menschen», sagt Züllig. In der Zeit , die er in der Chronikgruppe verbracht hat, habe er Zugang zu Menschen und Geschichten bekommen, die ihm zuvor verwehrt blieben.

Akribische Archivare

Bisher wurden 29 Broschüren veröffentlicht – unter anderem zu den Jubiläen des Kirchenchors oder des Remisentheaters, aber auch Nachschlagewerke über die Zeit der Eingemeindung und den Mord an einem Lehrer.

Alle Dokumente, wie auch alle Ausgaben des «Rütihöflers», finden sich auf der Website des Vereins. Dort haben Interessierte zudem Zugriff auf historische Fotos, ein Dorflexikon und Zeitzeugen-Tonaufnahmen (zum Beispiel «Robert Busslinger erzählt vom ersten Dorfladen»). Züllig betreut den Internetauftritt. 25 Jahre lang war er IT-Leiter der Stadt Baden – «mitunter einer der Gründe, warum ich für die Chronikgruppe angefragt wurde», vermutet der 70-Jährige.

Von diesem breiten Informationsangebot abgesehen, bringt sich die Chronikgruppe auch proaktiv im Dorfleben ein: Sie gestalten beispielsweise jährlich Projekttage für die Rütihöfler Primarschule, um Schüler für den Ort und seine Geschichte zu sensibilisieren. Der Dorfrundgang – ursprünglich für Neuzuzügler gedacht, mittlerweile beliebt bei allen Rütihöflern – lockt jährlich rund 100 Teilnehmer. Momentan veranstaltet die Chronikgruppe anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens eine Fotoausstellung im Gemeinschaftszentrum «Arche». Noch bis zum 29. März werden dort abgerissene Gebäude heutigen Bauten gegenüber gestellt.