Bald fahren deutlich weniger Busse durch die Weite Gasse in Baden. Wenn der umgebaute Schulhausplatz im Sommer in Betrieb geht, werden sämtliche Postautos durch den neuen Bustunnel fahren. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember werden dann auch die meisten – oder je nach Stadtratsentscheid sogar alle – Busse der RVBW aus der Weiten Gasse verbannt. Schon jetzt ändert sich aber der Ladenmix in der Hauptschlagader der Badener Altstadt.

Weil auch an der Badstrasse gebaut wird, zieht dort unter anderem das Traditionsgeschäft Kovats Optik aus. Inhaber Gabor Kovats, der das Geschäft 2010 von seinem Vater Nicolas und seiner Tante Marika Kovats übernommen hat, nahm das zum Anlass, bei seinem Cousin Manuel von «Kovats zum scharfen Aug» an der Rathausgasse anzuklopfen – mit der Idee, die Geschäfte zusammenzulegen.

Das ist seit dieser Woche nun beschlossene Sache: Ende Januar zieht Gabor Kovats mit seinen Mitarbeitern und dem ganzen Ladensortiment vorübergehend an die Rathausgasse. Im Mai eröffnen dann die beiden Cousins einen neuen, gemeinsamen Laden an der Weiten Gasse 32, im Haus zum Widder. Dort soll auf drei Etagen ein Fachgeschäft für Brillen, Kontaktlinsen, Fotografie, Optometrie und optische Instrumente sowie ein Fotostudio entstehen.

Erst muss noch der Tresor weg

Mit diesem Schritt wächst wieder zusammen, was einst zusammengehörte. Ururgrossvater Karoly Kovats gründete 1870 das Optikergeschäft «Kovats Optik und Spielwaren» in Hermannstadt in Siebenbürgen. Sein Enkel Harry kam 1935 nach Baden und eröffnete 1956 die beiden Betriebe an der Badstrasse und an der Rathausgasse – letzterer war ursprünglich nur als Ausweichlokal angedacht.

«Dass das jetzt 62 Jahre später doch noch Realität wird, ist ein lustiger Zufall», sagt Gabor Kovats. Im Mai zieht dann das fusionierte Unternehmen unter dem Namen «Kovats Optik» an die Weite Gasse 32. In dem Ladenlokal war bis vor kurzem eine Filiale von UPC Cablecom (mit zusätzlichem Verkauf von Apple-Produkten) eingemietet. UPC hat den Standort ersatzlos aufgegeben.

Was mit dem Ladenlokal «Zum scharfen Aug» an der Rathausgasse geschieht, ist noch offen. Das Haus gehört Manuel Kovats’ Vater Imre, der das Geschäft seit den Achtzigerjahren eigenständig geführt hatte, bis er es letztes Jahr seinem Sohn übergab. Mit dem Umzug zieht sich Imre Kovats nun ganz aus dem Betrieb zurück. Die fünfte Kovats-Generation freut sich sehr auf die Zusammenarbeit: «Zuerst hatte mein Cousin etwas Bedenken», sagt Gabor Kovats. «Schon nach einer Woche war ich aber begeistert von der Idee, gemeinsam an einen neuen Ort zu ziehen», sagt Manuel Kovats und lacht.

Im ersten Untergeschoss des neuen Geschäfts an der Weiten Gasse sollen Untersuchungsräume für Kontaktlinsen und Optometrie entstehen. Dort muss der Hausbesitzer allerdings noch den Tresorraum herausbrechen lassen – denn hier war bis vor einigen Jahren die Raiffeisenbank.

Neues Bistro, Restaurant und Bar

Schon seit drei Jahren wird auch vis-à-vis am Löwenplatz gebaut. An der Weiten Gasse 29, wo früher das Reformhaus Müller (ehemals Wiedemeier) eingemietet war, gehen seit diesem Montag wieder Handwerker ein und aus. Zuvor stand die Baustelle neun Monate lang still.

Zwischen Bauherr Markus Schön und der städtischen Abteilung Planung und Bau gab es lange Unstimmigkeiten, weil Schön einen Personen- und einen Warenlift einbauen liess. Schön plant im Erdgeschoss ein Bistro, in dem es frische Säfte und guten Kaffee geben wird. Daneben möchte er ein Restaurant eröffnen, das von einem Pächter geführt werden soll.

Im früheren Reformhaus an der Weiten Gasse 29 am Löwenplatz entstehen bis im Mai ein neues Bistro, eine Bar und ein Restaurant. Darüber gibt es kleine Wohnungen.

Im früheren Reformhaus an der Weiten Gasse 29 am Löwenplatz entstehen bis im Mai ein neues Bistro, eine Bar und ein Restaurant. Darüber gibt es kleine Wohnungen.

In den oberen Etagen entstehen 13 kleinere und mittelgrosse Wohnungen. «Stellen Sie sich mal vor, wie das in einem fünfstöckigen Haus ohne Lift möglich sein soll», sagt Schön. Er habe sich von der Stadt schikaniert gefühlt, mittlerweile habe man sich aber verständigt und die Baubewilligung für den Lift liege nun vor.

Nur der Warenlift ist noch ein Streitpunkt. «Im Untergeschoss wird es eine Bar geben», sagt Schön. «Ohne Warenlift geht auch das nicht.» Er habe sich geärgert, weil das Haus, das eigentlich aus vier alten Häusern besteht, gar nicht unter Denkmalschutz steht und der Lift keine alte Bausubstanz zerstört habe.

Die städtische Bau- und Nutzungsordnung schreibt allerdings vor, dass die Altstadt «in ihrem Gesamtbild und ihrer Struktur» zu erhalten sei. Die Liegenschaft entstand einst aus den Häusern zum weissen Kreuz, zur Kanne (beide 1449 erbaut), zur kleinen Krone (1690) und dem Hinterhaus «zur Kanone».

Eine attraktive Flaniermeile

Im ehemaligen Coiffeursalon Wörndli an der Rathausgasse wird bald ein asiatischer Take-away eröffnen. Das Reformhaus Müller ist schon 2015 an die Weite Gasse 8 neben den «Chäsegge» gezogen. Gleich nebenan ist vor kurzem die «Stoffzentrale» eingezogen, die ebenfalls dem geplanten Bauprojekt an der Badstrasse weichen musste.

Leer steht zurzeit das grosse Ladenlokal in den Häusern «Zum Hecht» und «Zur Sonne» an der Weiten Gasse. Spätestens im kommenden Sommer dürfte sich die Gasse aber zu einer attraktiven Flaniermeile gemausert haben.