Eine Fussgängerbrücke führt von Wettingen aus mitten ins Herz der Webermühle: Graffiti-Sprayereien zieren die verblichenen Fassadenplatten der ersten Wohnblöcke. In den Plattenspalten nisten Vögel. Sie zwitschern munter, der Fluss rauscht. Von aussen scheint die Siedlung menschenleer, an deren Flanke glaubt einer sich im Naturparadies. Die rostigen Lüftungsrohre erinnern an ein U-Boot auf hoher See. Unter dem roten Sonnenschirm sitzen munter plaudernde Männer bei Bier, Kaffee und Zigarette – ein Stammtisch im Freien. Der kleine Quartierladen lockt mit frischem Gemüse, das Kebabfleisch ist im Grill eingespannt.

Eine Gruppe Jugendlicher tummelt sich mit Bikes und Fussball auf dem Vorplatz. Der Ladenbesitzer José grüsst freundlich, wenn einer dazustösst. Der Quartierladen gilt als Treffpunkt schlechthin. «Schweizer und Ausländer sitzen hier friedlich zusammen», sagt der Perser José. «Ich habe noch nie einen Ort gesehen, wo so viele Nationen auf einem Flecken Land zusammenleben.»

Mietzinse werden steigen

Werden die Bewohner der Webermühle an diesem lauen Frühlingsabend auf die Sanierung ihrer Siedlung angesprochen, bricht eine hitzige Diskussion aus. Grund dafür sind die Mietpreise, die nach der Totalsanierung steigen werden sollen. Wie viel der Aufschlag genau beträgt, weiss noch niemand genau, obwohl die Mietzinse bereits im kommenden Sommer angepasst werden. «Wissen Sie, wie viele meiner Kunden bereits weggezogen sind?», fragt José und weist auf den Block Nord, der gleich vor seinem Geschäft in die Höhe ragt. «Die Webermühle soll zu einem Paradies werden. Sie wollen alles verschönern», sagt er. «Sie werben damit, dass es so wird, wie es vor 25 Jahren war. Dann werden wieder reichere Schweizer Familien einziehen.» Die Verwaltung wolle einen Ausgleich schaffen, damit der Ausländeranteil nicht zu hoch werde, vermutet José.

«Ich lebe gerne hier»

Die Verunsicherung hat ihre Gründe: Die Anwesenden schätzen das Leben in der Webermühle. «Es ist wie eine Stadt voller Überraschungen», sagt José. «Ich lebe wirklich gerne hier, die Umgebung ist wunderbar», sagt ein portugiesischer Koch, der seit acht Jahren in der Webermühle wohnt. José berichtet von einer 84-jährigen Schweizerin, die nach der Hiobsbotschaft der Mietzinserhöhung fast verzweifelt sei: «José, wie soll ich das mit meiner Rente nur bezahlen?», habe sie gefragt. Mithilfe der Nachbarn konnte sie dann in eine kleinere Wohnung umziehen.

«Meine Wohnung wird zu teuer»

Demir rechnet für seine zwei Zimmer mit 200 bis 300 Franken mehr Miete – insgesamt wären es dann 1400 Franken. «Das ist nicht normal. Meine Wohnung wird zu teuer. Ich werde eine andere Bleibe suchen», sagt er. Zudem funktioniere die Waschbox in der Garage seit Monaten nicht, für Besucher gebe es keine Gratisparkplätze und durch die Garage würden regelmässig Diebe in die Wohnblöcke eindringen. «Die Siedlung ist zu gross für diese Verwaltung», sagt der Portugiese. «Wenn sie den Zins erhöhen wollen, dann müssen sie im Gegenzug etwas bieten», fügt José an. Es brauche realistische Mietpreise, keine Fantasiepreise.

«Nach der Sanierung haben wir zwar eine schöne Webermühle, aber viele leere Wohnungen», fürchtet ein 60-jähriger Schweizer, der seit 30 Jahren in der Webermühle lebt. «Denn die Aufschläge sind gewaltig», sagt er. Dennoch möchte er bleiben: «Finden Sie zuerst eine andere Siedlung, wo man aus jeder Wohnung ins Grüne schauen kann.» Eine 35-jährige Mutter wird mit Mann und Kind aus der Webermühle wegziehen, weil sie für ihre 4,5-Zimmer-Wohnung 500 bis 600 Franken mehr bezahlen soll: «Es ist wahnsinnig, für eine 30-jährige Wohnung in Neuenhof fast 2000 Franken zu verlangen», sagt sie.

Kleinere Wohnung, um zu bleiben

Die Schrebergärten am Rande der Siedlung werden bei schönem Frühlingswetter rege bestellt. «Wenn es wirklich so viel teurer wird, ziehe ich nach 30 Jahren halt weg», sagt Smilja Gajic . Bei einer Rente von 1500 Franken kann die pensionierte Verkäuferin keine zusätzlichen 400 bis 600 Franken aufwerfen. Etwas wehmütig wirft sie einen Blick auf ihren Garten, den sie seit Jahren liebevoll hegt und pflegt. «Ich kenne jeden Baum, jedes Gras. Ich habe einen schönen Garten: Alles ist voller Peperoni und Tomaten.» Vielleicht wird die 64-jährige Serbin doch in eine kleinere Wohnung in der Webermühle ziehen, damit sie ihren Garten behalten kann. «Denn das hier ist mein Zuhause geworden.»