Nagra

Wenn die Nagra die Dorfruhe von Dättwil stört

Dass die Nagra gegenwärtig an verschiedenen Standorten seismische Messungen durchführt, ist bekannt. Nicht überall stösst das Projekt auf Gegenliebe. So fühlten sich Anwohner einer Quartierstrasse in Dättwil durch die Vibrationen stark gestört.

Am Montagvormittag staunten Anwohner der Pilgerstrasse in Baden-Dättwil nicht schlecht, als plötzlich die Erde zu vibrieren begann: Laptops wackelten und Kaffeebecher ergaben sich der Schwerkraft. Ein Erdbeben? Mitnichten.

Grund für die spürbaren Vibrationen im Wohnquartier waren die laufenden Bodenuntersuchungen der Nagra. Bekanntlich untersucht die Nagra gegenwärtig am Jura Ost sowie an der Lägern Nord die Bodenbeschaffenheit mit dem Ziel, zu vergleichbaren Messdaten zu gelangen, die eine Einengung der geeigneten Standorte für ein geologisches Tiefenlager ermöglichen.

Und ebendiese grossen Hämmer der Vibrationsfahrzeuge der deutschen Firma DMT aus Essen (es gibt keine Schweizer Firma, die solche Messungen durchzuführen in der Lage wäre) erzeugten jenes Beben an der Pilgerstrasse, das die Anwohner aufschreckte.

«Zuerst wackelte der Tisch, dann der Laptop, der auf einem Tisch stand», sagte ein Anwohner zur az. Viele seiner Nachbarn seien bass erstaunt gewesen, als die riesigen Maschinen durch die Wohnstrasse fuhren. «Plötzlich standen bunte Stecken am Strassenrand und wurden orangenfarbene Kabel gezogen, auch durch unsere Grünflächen. Wir wussten von nichts.»

Gesucht: Informationen

Sie hätten «keinerlei Informationen» erhalten, dass an diesem Tag die grossen Hämmer durch die Strassen fahren würden, empören sich die Anwohner der Pilgerstrasse. Ein Anruf der Zeitung bei der Gemeinde Baden ergibt vorerst keine Klärung, man gibt sich überrascht und wenig zuständig.

Auch bei der Nagra ist die Ignoranz kaum nachvollziehbar, wird doch transparent informiert; bereits im April 2011 informierte der zuständige Regierungsrat Peter Beyeler die Gemeinden schriftlich über die geplanten tektonischen Messungen.

Im Oktober schlossen die sogenannten «Permitter» der Nagra die Vorarbeiten zur Messung ab. In einer Medienmitteilung teilt die Nagra mit, dass «die Behörden, die Bevölkerung und die Medien während der Messekampagne periodisch informiert werden.» Auch die «Fachbehörden von Bund und Kantonen» würden die Messungen «begleiten», heisst es.

Doch der sprachlichen Stolpersteine gibt es bekanntlich viele. Unter einer Begleitung versteht die Nagra wohl etwas anderes als in diesem Fall die Stadt Baden. Der Leiter Stabs- und Personaldienste, Patrick Schärer sieht sich «aufgrund der Informationsarbeit der Nagra nicht beauftragt, die Bevölkerung zusätzlich zu informieren».

Zumal bereits umfangreiche Gespräche seitens Vermittlergruppen der Nagra und dem Leiter der Stadtökologie Baden, Georges Schoop, stattgefunden hätten, denn seismische Messungen werden auch auf kleineren Strassen, am Waldrand und auf bewaldetem oder begrünten Flächen durchgeführt.

Schwierige Aufgabe, alle zu erreichen

«Wir möchten klarstellen, dass nur dort seismische Messungen vorgenommen werden, wo vorher die ausdrückliche Erlaubnis hierfür vorliegt», bekräftigt Jutta Lang vom Mediendienst der Nagra.

«Das gilt auch für private Grundstücke. Unsere Vermittler gehen in der Regel von Tür zu Tür und holen sich die Bewilligung der Grundstücksbesitzer ein. Bis anhin haben sie über 1700 Eigentümer angefragt, und nur 6 haben eine Messung auf ihrem Gut abgelehnt.

Es gibt aber leider auch Fälle, wo das nicht so einwandfrei klappt, wie wir uns das wünschen.« Jutta Lang räumt allerdings ein, «dass es sehr schwer sei, die entsprechende Aufmerksamkeit zu bekommen; man bekommt sie oft erst, wenn persönliche Betroffenheit herrscht. Und selbst dann erreichen wir nie alle.»

Die Untersuchungen sind in der Tat spektakulär. Die rund 28 Tonnen schwere Fahrzeuge, im Fachjargon «Vibs» genannt, erzeugen kleine Erdbeben, sie rütteln und schütteln und erfordern von den Fahrern solide Mägen.

Die Schwingungen wandern im Boden abwärts und werden von den Gesteinsschichten zurückgeworfen. Sensible Messgeräte, die Geofone, messen diese Wellen und zeichnen sie auf. So entsteht ein Querschnitt des Untergrunds. Als die Nagra 1997 im Zürcher Weinland Messungen vornahm, waren beispielsweise die regionalen Boykottaufrufe weitaus zahlreicher.

Budget für eventuelle Schäden

Obwohl laut Nagra «Gebäude und andere Bauten» grundsätzlich durch die entstehenden Vibrationen «nicht gefährdet seien», befürchten Anwohner der Pilgerstrasse mögliche Risse in Gebäuden. Das ist laut Nagra-Sprecherin selten der Fall. weitaus häufiger sind Landschäden. Hierfür steht der Nagra ein eigenes Budget zur Verfügung. Für seismische Messungen, die die Dorf- oder Quartierruhe erschüttern, gibt es allerdings keine Entschädigungsmöglichkeit.

Seismische Untersuchungen des Untergrundes gibt es deren viele - zur Eruierung von Werkhofstandorten etwa, aber auch, um etwaige Erdrutsche zu prognostizieren. Nur wenn die Nagra in Mutter Erde misst, werden Vibrationen schlecht geduldet.

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