Baden-Balladen Nummer 67: Simon Libsig werkelt drauflos
Wenn die Welt wackelt

Merken
Drucken
Teilen

Ich bin kein Meister mit Hammer und Nagel oder mit Bohrmaschine und Schraube. Völlig klar. Anstelle einer Wasserwaage benutze ich meine Augen. Und ich mache auch keine Skizze. Ich habe eine Vision. So halbwegs.

Vor zwei Wochen hatte ich zum Beispiel die Vision eines Apéro-Plätzlis im Garten. Dieses Plätzli gab es bereits seit dem ersten Lockdown. Ein Tisch, ein Bänklein, zwei Stühle, am Rande des Gartens, sodass wir schön zu den lieben Nachbarn hinüberprosten konnten. Nun. Dieses Plätzli wollte ich verbessern.

Ich sah ein Holzdeck vor mir. Ein schönes Holzdeck, auf dem dann der Tisch, das Bänklein und die beiden Stühle draufstehen würden. Zweifellos würde man dann noch besser zu den lieben Nachbarn hinüberprosten können. Sie merken natürlich, das Thema ist hier «Beschäftigung». Oder wie ich es für mich abbuche, «Therapie».

Ich also los in den Laden. Und ich nehme es gleich vorneweg, ich musste mehrmals hin. Mit einer genauen Skizze wäre das natürlich nicht... aber gut. Dafür entdeckte ich dann beim dritten Baumarktbesuch die Paletten-Deckel. Ha! Dachte ich mir. Ein Paletten-Deckel ist eigentlich nichts anderes als ein Holzdeck. Ein sehr kleines Holzdeck zwar, aber wenn man mehrere davon zusammenzimmert, genau! Ich passte meine Vision an. Und legte los.

Die Hämmer- und Bohrgeräusche lockten schon bald den lieben Nachbarn an. Ein wahrlich begnadeter Handwerker. Und noch grösserer Menschenkenner. Ehrlich interessiert, hörte er sich meine Vision an. Dann werde man sich ja bald noch gehobener zuprosten können, machte er mir Mut. Und streute im Gespräch, in homöopathischer Dosis, Tipps ein, wie sich die Stabilität des Konstrukts verbessern liesse oder wie man es eben brächte.

Meine Therapie machte Fortschritte. Ganz zur Freude auch meiner Frau. Sie musste mich ja auch immer aushalten, wenn ich gerade keine Vision hatte und ideenlos vor mich hinstarrte oder stänkerte. Das hier war gut. Ich konnte ihr mit Stolz das neue Holzdeck präsentieren und sie fand durchweg lobende Worte. Sie bestärkte mich sogar noch, weiterzumachen. Vielleicht könne man es noch anstreichen, meinte sie. Ein wenig Farbe, wer weiss, das gäbe dem Ganzen vielleicht einen noch freundlicheren Anstrich? Ich küsste sie und verschwand in der Garage. Der Baumarkt hatte bereits zu. Sicher hatte meine Frau gehofft, dass ich mit der neuen Aufgabe auch noch in den nächsten Tagen Beschäftigung fände, aber wenn ich eine Vision habe, dulde ich keinen Aufschub, da muss ich sofort ans Werk.

Natürlich ist mir nicht entgangen, dass auf dem einzigen Farbtopf, den ich in der Garage fand, «Wandfarbe» und «Innenbereich» stand. Und natürlich fielen mir auch die dunklen Wolken am Himmel und der auffrischende Wind auf. Aber ich wollte einfach, dass es mir besser geht. Und wissen Sie was? Ich habe es geschafft. Kurz bevor der erste Regentropfen fiel, hatte ich das neue Holzdeck fertiggestrichen. Mehr brauchte ich gar nicht für diesen Tag. Ich schaute schliesslich durchs Fenster zu, wie die ganze Farbe in die Wiese floss. Es kratzte mich nicht. Mintgrün, dachte ich. Ich mache es mintgrün.

Simon Libsig Poet (42) hat zuletzt den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» veröffentlicht. Seine Kolumne erscheint immer am ersten Donnerstag im Monat.