Samichlaus
Wenn Naseschnäuzen für einmal strikt verboten ist

Die az-Redaktorin ist als Schmutzli mit dem Samichlaus in den Strassen von Oberrohrdorf unterwegs

Christine Fürst
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Der Samichlaus zu Besuch bei den Kindern aus Niederrohrdorf, Oberrohrdorf und Remetschwil

Samstagnachmittag im Samichlaus-Basislager im Kirchenzentrum Gut Hirt in Niederrrohrdorf: Es wimmelt von halb kostümierten Chläusen und «Schwarzgesichtern» vom Samichlaus-Team Rohrdorf. Auch ich werde mich bald in die Maske begeben und einen Abend als Schmutzli – oder sagt man Schmutzline? – mit Samichlaus Beni unterwegs sein.

Nur kurz werfe ich einen Blick in das Samichlaus-Studierzimmer. Hier herrscht absolute Ruhe. Die Samichläuse – zum Teil schon mit weissem Bart und Augenbrauen aus echtem Büffelhaar und weissem Unterrock bekleidet – sitzen da. Sie studieren in ihren roten Samtordnern ihre Route und die Steckbriefe der Kinder. Eigentlich ist dieser Raum für mich tabu, denn ich bin «nur» ein Schmutzli. Und deren Reich ist getrennt von dem der Samichläuse. Ich gehe also runter in den Luftschutzkeller, dort tigern bereits mehr Schmutzli in den Gängen herum. Fränzi schminkt mich mit brauner Theaterfarbe: «Kussmund machen, Nase langziehen, Augen zu.»

Im Nu bin ich braun im Gesicht. Werner gibt mir einen Umhang, bindet mir den Schal um und ich bekomme den grossen Sack. Schmutzli Toni bekommt das Glöckchen und Schmutzline Maya die Laterne.

10 Chläuse und 30 Schmutzli sind heute Abend im Einsatz. Wir alle fahren mit dem Postauto zur katholischen Kirche in Oberrohrdorf. Dort findet die traditionelle Aussendungsfeier statt. Die Chläuse werden gesegnet und ermahnt, gegenüber den Kindern die richtigen Worte zu wählen. Ich sitze neben den anderen Schmutzli-Kollegen auf der Treppe vor dem Altar. Ein kleiner Bub mit grossem Schnuller im Mund schaut mich mit Rehaugen an, er kommt nicht mehr aus dem Staunen heraus. Vor der Kirche verteilen wir denjenigen Kindern, die ein Versli aufsagen, Grittibänze – natürlich selbst gebacken in unseren Häuschen im Wald. Dort wohnen auch unsere Esel. Die haben wir heute aber zu Hause gelassen, so viele Menschen sind ihnen nicht geheuer.

Dann geht es auf zur ersten Familie. Mein Team und ich sind heute den ganzen Abend in Oberrohrdorf unterwegs. Die anderen Teams übernehmen Besuche in Niederrohrdorf, Remetschwil und Busslingen. Insgesamt werden heute 45 Orte und 139 Kinder vom Samichlaus besucht.

Es ist kalt. Gefühlte minus 15 Grad. Die Nacht sternenklar. Der Boden eisig und glatt. Meine Nase läuft jetzt schon, aber schnäuzen ist absolut verboten. Wir marschieren vorbei am grossen Mammut-Weihnachtsbaum, begutachten die Engel darunter und zupfen Samichlaus Beni die letzten Mandarinenreste aus dem langen, weissen Bart. «Bei uns darf der Schmutzli auch lachen – sie sind nicht die Bösen, sondern die treuen Helfer des Samichlaus», sagt Beni. Kurz schauen wir noch in den Samtordner: Welche Hausnummer? Wo haben die Eltern die Bescherung deponiert? Wie heissen die Kinder? Was machen sie gerne, was weniger?

Die Geschenke liegen vor der Haustür, ich packe sie in den Sack und kann ihn kaum noch tragen. Der Samichlaus klopft an die Tür. Kindergeschrei. Kaum ist die Türe offen, ist es still. Zwei Mädchen und zwei Buben sitzen angespannt auf dem Sofa. Mich trifft fast der Schlag, im Wohnzimmer ist es sicher 30 Grad. Das Feuer knistert im Kamin und die Bodenheizung läuft wohl auf Hochtouren. Und es riecht nach frisch gebackenen Grittibänzen. Beni gibt seinen Stab einem der Buben. Dieser beäugt ihn und betastet vorsichtig die glitzernden Diamanten. Der Samichlaus redet mit den Kindern.

Nach etwa 45 Minuten kommt mein Part: Ich hole das Geschenk aus dem Sack: Mandarinen, Lebkuchen, Guetzli und Nüssli. Und, o Schreck: Mein Pulli rutscht aus meinen Handschuhen, helle Haut ist zu sehen. Meine Tarnung ist aufgeflogen! Die Kinder haben es glücklicherweise nicht bemerkt. Wir verabschieden uns, die Mutter gibt uns versteckt einen Brief mit einem kleinen Zustupf für das Samichlaus-Team Rohrdorf.

Wir besuchen noch zwei Familien und ich gebe meinen Job als Sackträgerin ab – ich will nicht, dass mir die Kinder noch auf die Schliche kommen. Von nun an bin ich Laternenträgerin. Das ist gut, denn die Laterne wärmt meine Finger wunderbar.

Dann bestellen wir ein Taxi zur Waldhütte Staretschwil. Dort feiern mehrere Familien zusammen den Samichlaus-Abend. Das ist Tradition. Wir drücken uns ins Auto, der Fahrer stopft unsere Umhänge rein, bewegen können wir uns nicht mehr. Kurz vor der Waldhütte steigen wir aus – der Samichlaus hat noch ein dringendes Geschäft zu erledigen.

Wir laufen den restlichen Weg zur Hütte. Erwartungsvoll gucken die Kinder aus dem Fenster. Racletteduft. Mein Magen meldet sich zu Wort. Die Stimmung ist locker, der Samichlaus ist nicht zum ersten Mal hier. Wir kommen in den Genuss von Konzerten: Blockflöte-Spieler, Trommler, Keyboarder und sogar zwei Sängerinnen geben ihr Bestes.

Zum Schluss sind die Erwachsenen an der Reihe: Sie müssen ihr Versprechen vom letzten Jahr – ein Ständchen zu singen – einlösen. Und dann ertönt es, das Fliegerlied. «Heute ist so ein schöner Tag, lala, lala, laaa.» Jeder singt mit und gestikuliert mit den Händen – auch der Samichlaus und wir Schmutzli stehen auf und tanzen zum Rhythmus.

Das Lied ist fertig, wir verabschieden uns und merken plötzlich, dass wir vor lauter Party schlichtweg die Geschenke vor der Tür vergessen haben. Naja, auch dem Samichlaus-Team kann mal ein kleiner Fehler passieren.