Künten
Wer 1889 die Probe schwänzte, musste 20 Rappen zahlen

Der Musikverein feiert sein 125-jähriges Bestehen mit einem Auftritt im Radio. Veteranen-Obmann Werner Leuenberger erinnert sich gern an die Vergangenheit des Vereins.

Susanne Brem
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Das erste Foto des Musikvereins von 1896 mit den Mitgliedern Josef Steffen, Xaver Meier, Kastor Wendel, Josef Staubli, Arnold Meier, Julius Keller, Johann Itenz (v.l.).

Das erste Foto des Musikvereins von 1896 mit den Mitgliedern Josef Steffen, Xaver Meier, Kastor Wendel, Josef Staubli, Arnold Meier, Julius Keller, Johann Itenz (v.l.).

zvg

Es war im Jahr 1889, als sich im Dorf acht Männer zusammentaten, um den Musikverein Künten zu gründen: «Zur Pflege und Übung der Volksmusik sowie zur Hebung und Veredelung des gesellschaftlichen Lebens.»

So steht es geschrieben im Gründerprotokoll. Wer waren diese Männer? «Auf diese Frage können wir heute nur noch Mutmassungen anstellen», sagen Ehrenpräsident Franz Steger und der Veteranen-Obmann Werner Leuenberger.

Eindeutig ist, dass der Lebensrhythmus ein anderer war. Die Firma Birchmeier war zu dieser Zeit der grösste Arbeitgeber in der Gegend. Die meisten Männer im Dorf hatten in der Fabrik eine Anstellung. Daneben lebten die Menschen von dem, was das Heim hergab. Man zog eigenes Gemüse im Garten.

Im Stall standen eine oder zwei Kühe, vielleicht ein Schwein oder eine Ziege und ein paar Hühner. Sie waren Kleinbauern. Familien mit sechs oder mehr Kindern waren normal. Wohl gab es einige Kleinhandwerker wie Wagner, Schmiede, Küfer oder Schuhmacher.

20 Rappen Mitgliederbeitrag

Im Protokoll von 1889 steht: Seit einiger Zeit habe sich starke Regung gemacht, in der Gemeinde eine Musikgesellschaft zu gründen. Acht Männer trafen sich am 23. Juni im alten Schulhaus. Der Mitgliederbeitrag wurde auf 20 Rappen pro Monat festgelegt. Und sollte einer unentschuldigt von einer Probe fernbleiben, wurde er mit einem Bussgeld von ebenfalls 20 Rappen bestraft. Bloss 4.40 Franken betrug der aktive Saldo in der ersten Jahresbilanz.

An Weihnachten spielte der Musikverein am mitternächtlichen Gottesdienst, im Mai am Auffahrtsfest während der Prozession. Die ersten Jahre des Vereins waren geprägt von Höhen und Tiefen: Mehrere Male schrumpften die Vereinstätigkeiten unter dem Jahr auf ein Minimum.

Die Zahl der Mitglieder schwankte in den ersten Jahren zwischen 5 und 11 Mann. 1913 wurde einmal mehr über eine Vereinsauflösung diskutiert. Dann kam der Krieg und die Männer mussten an die Landesgrenzen. Der Verein hielt durch.

In den 1920er-Jahren erhielt der Verein einen ersten Aufschwung: Man konnte sich neue Instrumente anschaffen. 1925 erhielt der Dirigent erstmals eine Jahresbesoldung von 20 Franken. Und 1929 wurde die Anschaffung einer Uniform beschlossen. Es war die erste Uniform nach 40 Jahren Vereinsbestehen, notabene. 1932 wurde beschlossen, dem Kantonalen Musikverband beizutreten.

Traditionell waren die Jahreskonzerte im Restaurant Waage mit anschliessendem Theater. Veteranen-Obmann Werner Leuenberger erinnert sich: «Meine Eltern waren Gastwirte im Restaurant – sechzig Jahre lang seit 1929. Als kleiner Bub hatte ich manchmal zuschauen dürfen vom Treppenabsatz her, hinter der Türe.» 1944 durfte er mit dem Vater nach Mellingen zum Kreisspieltag. Werner war damals sieben Jahre alt. Er erinnert sich sehr gut an den Tag.

1952 wurde Leuenberger, damals 15-jährig, selber Mitglied beim Musikverein. Hoch waren die Ansprüche noch nicht: «Drei Tonleitern musste ich können auf der Trompete.» Von richtiger Atemtechnik konnte keine Rede sein.

Ab 1946 übernahm Ernst Irniger den Dirigentenstab: Am Kantonalen Musikfest ein Jahr später erreichte der Verein zum ersten Mal das Prädikat «Vorzüglich». Damals spielte man noch in der 4. Kategorie. Seit 1974 spielt der MVK ununterbrochen in der 1. Klasse, was eine beachtliche Leistung ist – kaum ein anderer Verein im Kanton kann das toppen.

«Wir kämpfen gegen Mitgliederschwund – wie viele Vereine heutzutage»

Der Musikverein Künten spielt seit 1974 auf Topniveau. Worauf ist das zurückzuführen?

Franz Steger: Wir hatten immer grosses Glück mit unseren Dirigenten. Das waren Herbert Wendel von 1987 bis 1997, Reto Näf von 1997 bis 2006 und ab 2006 Stefan Märki – um nur die letzten drei zu erwähnen. Sie brachten und bringen gute Dynamik in den Verein. Unsere Mitglieder spielen mit aussergewöhnlich guter Disziplin und grossem Ehrgeiz. Das ist nicht selbstverständlich.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

Wir kämpfen gegen Mitgliederschwund – wie viele Vereine heutzutage. Das Freizeitangebot ist heute ganz anders. Früher kamen aus einer Familie gleich zwei, drei oder mehr Kinder, die Freude am Musizieren hatten. Das ist heute nicht mehr so. Die Familien sind viel kleiner geworden. Heutzutage sind die jungen Leute allerdings sehr gut ausgebildet, wenn sie die Musikschule bis zum Ende durchziehen. Wenn wir jedes Jahr zwei bis drei Neumitglieder gewinnen können, sind wir sehr froh.

Ihr habt das Jugendspiel Rohrdorferberg für die Nachwuchsförderung …

Das Jugendspiel gibt es seit 1965. Wir haben es damals zusammen mit den umliegenden Musikvereinen mitgegründet. Wir arbeiten auch heute sehr eng mit dem Jugendspiel zusammen. Das ist sehr wichtig. Alle zwei Jahre führt der Musikverein Künten zudem ein Kinderkonzert durch, um die kleineren Kinder abzuholen. Unser Dirigent, Stefan Märki, hat sogar ein Kindermärchen komponiert. Es heisst «Wie der Frosch den Elefanten heiratete.»

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