Jedes Jahr machen die Gemeinden ihre Grundeigentümer darauf aufmerksam, dass sie Hecken und Bäume auf ihren Anwesen zurückschneiden müssen. Nicht selten geschieht dies mitten im Frühling oder gar im Sommer: Stöbert man in den Gemeindenachrichten vergangener Jahre aus der Region, findet man einige solche Beispiele. Aus der Sicht des Naturschutzes ist aber gerade diese Zeit fürs Heckenschneiden ungeeignet. Ein Leser schrieb letzte Woche: «In Turgi werden Büsche und Hecken während der Brutzeit geschnitten, das ist ja voll bescheuert. Arme Vögel.»

Kathrin Hochuli, Geschäftsführerin des Verbands Birdlife Aargau, bestätigt: «Es ist definitiv der falsche Zeitpunkt.» Von April bis August dauere die Brutzeit verschiedener einheimischer Tierarten, dann sollten keine massiven Eingriffe in die Hecken gemacht werden. Das Abschneiden einzelner Äste im Sommer geht gemäss eines Merkblatts von Birdlife in Ordnung, wäre aber gar nicht erst nötig, wenn die Hecken im Winter korrekt geschnitten würden. Fruchttragende Sträucher dürfen hingegen nur im frühen Frühling geschnitten werden, da sie Tieren auch im Winter als Nahrungsquelle dienen. Kathrin Hochuli bekräftigt aber: «Spätestens Ende März muss dies erledigt sein.»

Bis zu einem Jahr Gefängnis

Grundstückbesitzer stehen dabei in einem Clinch: Sie müssen einerseits das Baugesetz befolgen und Gehwege und Strassen freihalten, andererseits sind sie auch punkto Naturschutz rechtlich verpflichtet. Gemäss Jagdgesetz darf das Brutgeschäft der Vögel nicht gestört werden – egal, ob es sich um eine geschützte Vogelart handelt oder nicht. Widerhandlungen können mit einer Busse, einer zusätzlichen Geldstrafe und bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden.

Im Januar wurden im Wallis ein Gemeindepräsident und sein Mitarbeiter zur Zahlung von insgesamt 7800 Franken verurteilt. Der Gemeindepräsident hatte seinen Angestellten beauftragt, Mehlschwalbennester vom Dach der Kirche zu entfernen. Zwölf Jungvögel kamen dabei ums Leben.

In der Turgemer Bau- und Nutzungsordnung werden Hecken explizit als Naturschutzobjekte erwähnt. Und es wird erklärt, man solle deren Struktur erhalten und sie periodisch zurückschneiden – im gleichen Jahr aber nicht mehr als ein Drittel einer Hecke.

«Es ist völlig daneben»

123 Vereine setzen sich im Aargau für den Schutz von Vögeln ein. Claudio Puppis vom Natur- und Vogelschutzverein Turgi sagt: «Es ist völlig daneben, Hecken jetzt zu schneiden.» Vom beobachteten Vorfall in Turgi sei ihm aber nichts bekannt. «Wenn das in einem Privatgrundstück passiert, sieht man es halt nicht.» Die Hecken auf öffentlichem Grund würden sicher zur richtigen Zeit geschnitten, sagt er.

«Wenn wir erfahren, dass jemand eine Hecke zur falschen Zeit geschnitten hat, nehmen wir Kontakt mit der Person auf, gehen meistens bei ihr vorbei und informieren.» Wer sich interessiere, der finde aber leicht eine Fülle von Informationen, nicht zuletzt im Internet.

Auch der Natur- und Vogelschutzverein Gebenstorf gibt gemäss Präsident Peter Hayoz gerne Empfehlungen ab, «wenn wir gefragt werden». Er sagt: «Je dichter, dorniger und voluminöser die Hecke ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass Vögel darin brüten.» Haselnusssträucher würden normalerweise nicht von Vögeln fürs Brüten verwendet.