Baden

Wer war der Maler Hans Buchstätter?

Was ist gute Kunst? Claudia Spinelli und Gianluca Trifilo arrangieren «Buechis» Werke im Kunstraum.

Was ist gute Kunst? Claudia Spinelli und Gianluca Trifilo arrangieren «Buechis» Werke im Kunstraum.

Der Österreicher Hans Buchstätter hat unzählige Bilder der Stadt gemalt – nach 40 Jahren sind sie jetzt erstmals wieder im Kunstraum Baden zu sehen.

Im Zeitraffer: Die Bilder von Hans Buchstätter kommen an die Wand.

Im Zeitraffer: Die Bilder von Hans Buchstätter kommen an die Wand.

Es ist fast wie beim Geschenkeauspacken. Jedes Bild, das Hans Buchstätter in Baden gemalt hat, ist eine Überraschung. Letzte Woche haben Claudia Spinelli, Leiterin des Badener Kunstraums, und ihr Mitarbeiter Gianluca Trifilo die Bilder Buchstätters aus dem Depot im Historischen Museum geholt und im Kunstraum ausgepackt.

Ab Donnerstag sind sie in der neuen Ausstellung mit dem Titel «Salon» zu sehen. Buchstätters Bilder sind teilweise naiv, andere wirken sehr modern: die Lägern, von Münzlishausen aus gesehen. Das Landvogteischloss. Ein Sommerabend in Dättwil. Die Limmat in Neuenhof. Er hat unzählige Motive rund um Baden gemalt. Aber wer war Hans Buchstätter?

Ein Salzburger in Baden

Über seine Herkunft weiss man nicht besonders viel. Geboren wurde Buchstätter 1881 in Salzburg. Er wuchs zusammen mit seinem Bruder in einem Waisenhaus auf und konnte später an der Münchner Akademie studieren. 1907 war er erstmals in der Schweiz und malte am Hallwilersee. Drei Jahre später fand er bei der Beznau-Löntsch Kraftwerke AG in Baden (einer Vorgängerin der NOK) eine Anstellung als Grafiker.

«Zu Lebzeiten wurde er nicht wahnsinnig geschätzt»

«Zu Lebzeiten wurde er nicht wahnsinnig geschätzt»

Claudia Spinelli über Hans Buchstätter, dem die Stadt Baden erst posthum und «mit schlechtem Gewissen» die Ehre erwies.

1916 gab es in Baden eine erste Ausstellung mit seinen Bildern, dann kehrte er freiwillig nach Österreich zurück, um im Ersten Weltkrieg zu dienen. An der Front wurde er am rechten Arm verwundet. Es war nicht klar, ob er überhaupt noch malen könnte. Aber die Wunde verheilte.

1920 kam Buchstätter wieder in seine Wahlheimat an der Limmat. Bis 1922 lebte er in Ennetbaden, bis 1926 dann im Bahnhofquartier in Wettingen und schliesslich bis zu seinem Tod in Baden. Von den Badenern bekam er den Spitznamen «Buechi». Er war zwar stadtbekannt und hatte einige wohlhabende Förderer, doch er blieb ein Aussenseiter. Er soll 1962 mutterseelenallein gestorben sein.

Obwohl Buchstätters Bilder in vielen Badener Haushalten hängen, ist er beinahe aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Die letzte umfassende Ausstellung fand 1979 im Gluri-Suter-Huus in Wettingen statt.

Kein Winkel blieb ungemalt

Uli Münzel schrieb 1981 über ihn: «In Baden und Umgebung blieb wohl kein Winkel, keine Landschaft von seinem liebenswürdigen Pinsel ungeschildert in der Malweise eines ‹Maître primitiv›. Seinen Bildern kommt heute ein hoher dokumentarischer Wert zu.» Das gilt bis heute. Das Staatsarchiv Aargau hat aus dem Nachlass Buchstätters 30 Darstellungen von Strohdachhäusern erworben.

Der grösste Teil des Nachlasses aber ist im Besitz der Stadt Baden. 46 seiner Bilder sind in der städtischen Kunstsammlung. Die Gemeinde Wettingen besitzt ebenfalls zahlreiche Bilder, insbesondere Ansichten der Klosterhalbinsel und der Lägern.

Die Idee zur Badener Ausstellung kam Claudia Spinelli, als sie in Liestal eine Ausstellung mit Landschaftsbildern kuratierte. Dabei stiess sie auf ein Bild des Badener Stadtturms. Hans Buchstätter malte es von der Niklausstiege aus. «Seine Bilder sind eine Entdeckung», sagt Spinelli. «Insbesondere die unvollendeten Bergpanoramen. Sie wirken unerwartet modern.»

Für Claudia Spinelli ist klar, dass Hans Buchstätter keinen Platz in den vorderen Rängen der Kunstgeschichte verdiene. Die Bilder seien trotzdem interessant: Als Spiegel der Ideale und Sehnsüchte, die das Leben in der aufstrebenden Industriestadt Baden bestimmten. «Buchstätters Bilder zeigen eine heile Welt, aber immer mit einem nüchternen Unterton», sagt Spinelli. Er sei sehr nahe bei den Leuten gewesen. Neben den Stadtansichten gibt es zahlreiche idyllische Bilder aus Dättwil. Im Bauerndorf von damals schiessen Ringelblumen, Rosenstöcke und Salatköpfe aus dem Boden.

Ungezwungenes Kaffeekränzchen

Die Bilder hängen Spinelli und Trifilo in sogenannter Petersburger Hängung: Nicht eines neben dem anderen, sondern dicht beisammen auf der ganzen Wandfläche - wie es in einem Salon üblich ist. Es soll eine Ausstellung für alle sein. Mitte März findet deshalb ein «Kaffeekränzli» in ungezwungenem Rahmen statt, um über Buchstätters Bedeutung für Baden zu reden und Erinnerungen an seine Bilder auszutauschen.

Im «Salon» ist neben einigen zeitgenössischen Werken auch eine Monumentalzeichnung von Hans Trudel zu sehen. «Trudel und Buchstätter hatten fast die gleichen Lebensdaten», sagt Spinelli. «Und beide waren Aussenseiter in der Stadt.» Die Ausstellung im Kunstraum ist eine Gelegenheit, darüber zu reden, was gute Kunst ist – und wer das entscheidet.

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