Wettingen
Sie prägten während Jahrzehnten die Kirchenmusik

Innert 14 Tagen sind zwei engagierte Musiker gestorben, die über wenige Jahre zeitgleich am Lehrerseminar in Wettingen gewirkt hatten. Einen wesentlichen Teil ihres Lebens schenkten sie der Kirchenmusik, Egon Schwarb der katholischen, Helmuth Reichel der reformierten Kirche.

Roman Huber
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Helmuth Reichel

Helmuth Reichel

Zvg / Aargauer Zeitung

Als Sohn des Schweizer Konzertmeisters Anton Reichel kam Helmuth Reichel 1925 in München zur Welt. 1933 reiste die Familie in die Schweiz. Bereits sein Urgrossvater Adolf Reichel, Sohn einer Gutsbesitzerfamilie in Westpreussen, war ein begnadeter Komponist gewesen und wurde einst als Musikdirektor nach Bern berufen – daher die Schweizer Wurzeln des Verstorbenen.

Helmuth Reichel studierte ab 1939 in Bern, Einsiedeln, Nürnberg und Zürich. Als wegweisend bezeichnete er die Begegnung mit dem Leipziger Thomaskantor Günther Ramin. Als 19-Jähriger wurde er als Organist an die Zürcher Guthirt-Kirche berufen. Früh schloss er sein Studium am Konservatorium ab. Die für ihn wegweisenden Impulse gaben ihm Edwin Fischer, Wilhelm Furtwängler, Pablo Casals und Paul Hindemith. Ruhender Pol seiner Tätigkeit war jedoch zeitlebens das Werk Johann Sebastian Bachs.

Helmuth Reichel trat als Orgelvirtuose in ganz Europa auf. Von 1961 an wirkte er bis 1992 an der reformierten Kirche in Zürich-Oerlikon als Organist. Er rief die Zürcher Bach-Kantorei ins Leben, leitete diese wie den Orchesterverein Oerlikon über Jahre hinweg. Als Musiklehrer für Klavier und Orgel wirkte er lange Zeit am Lehrerseminar Wettingen. Dort galt er mit seiner Gelassenheit, seinem Charme und der Gabe, zu motivieren, als beliebte Lehrkraft. Zu seinen Spezialitäten gehörten jahrelang die anspruchsvollen Solorezitals in der Zürcher Tonhalle. Und sonntags improvisierte er an der Kirchenorgel gerne über die soeben gehörte Predigt. Nebenher bespielte er für das Schweizer Radio mehrere Tonträger mit Werken von J. S. Bach, Anton Bruckner, Max Reger und weiteren.

Sein engagiertes Leben als Musiker kosteten ihn Kräfte. Nach seiner Pensionierung zog sich Helmuth Reichel, der zudem Vater zweier Musikerkinder und Grossvater zweier Musikerenkel war, langsam zurück. Er siedelte vom aargauischen Arni nach Bern um. Manchmal traf man ihn noch an einem Ort des Rückzugs in den Bündner Alpen, bis auch die fortschreitenden Beschwerden dies nicht mehr erlaubten. Seine letzte Zeit verbrachte er im Zentrum Schönberg in Bern, wo er am 21. Juni verstorben ist.

Egon Schwarb (1935–2021)

Der Musiker und Dirigent Egon Schwarb in seinem Haus in Baden-Rütihof.

Der Musiker und Dirigent Egon Schwarb in seinem Haus in Baden-Rütihof.


Werner Rolli / ARC

Aufgewachsen in einer Fricktaler Kleinbauernfamilie, entdeckte Egon Schwarb am Lehrerseminar Wettingen die Leidenschaft zur Musik. Während seiner ersten Wirkenszeit als Organist und Chorleiter in Sulz und Neuenhof absolvierte er berufsbegleitend das Musikstudium an der Musikakademie in Zürich, mit Ausbildung beim Organisten Hans Gutmann.

Gleich zwei Weichenstellungen in Schwarbs Leben fielen ins Jahr 1961: Die Hochzeit mit seiner Marlis und die Berufung als Kirchenmusiker und Musiklehrer an die Bezirksschule in Muri stehen für zwei Lebensprojekte. Das waren die Familie, die bis 1976 auf sechs Kinder anwuchs, und die 40-jährige Tätigkeit als Kirchenmusiker in Muri als Organist sowie als Leiter des Kirchenchors. Massgeblich beteiligt war er bei der Restauration der Orgel der Klosterkirche, die er danach während 30 Jahren mit seinen Orgelfreunden zum Klingen brachte. 1966 erfolgte ein Studienaufenthalt in Wien, wo er bei Anton Heiller an er Orgel und bei Hans Gillesberger in der Chorleitung geprägt wurde.

1974 kam Schwarb als Hauptlehrer für Musik ans Lehrerseminar Wettingen. Mit der Verlegung der Lehrerausbildung wechselte er nach Zofingen, wo er bis zur Pensionierung engagierter und begeisterungsfähiger Lehrbeauftragter für Musikdidaktik war. Nebst seinen kirchenmusikalischen Funktionen, die er in seiner Freizeit ausübte, leitete er den von ihm 1976 gegründeten Klosterchor Wettingen während 25 Jahren. Viele Jahre unterrichtete er zudem an der Kirchenmusikschule des Kantons Aargau. Sein Expertenwissen stellte er dem Verband bei Orgel-Neubauten zur Verfügung.

Egon Schwarb liebte, ja suchte Herausforderungen. In einem Abschiedsinterview als Kirchenmusiker von Muri im Jahr 2001 sagte er: «Es gibt nichts Überzeugendes ohne den Schmerz des Werdens.» Er wusste, dass er all dies nur dank einer starken Frau und einer verständnisvollen Familie bewältigen konnte. Die spärlich bemessene Freizeit verbrachte er mit Vorliebe zusammen mit seiner Familie in den Bergen.

Nach der Pensionierung engagierte er sich während 15 Jahren als Organist im Kloster Fahr, wo er eine neue kirchliche Heimat gefunden hatte. Danach beschränkte sich seine musikalische Tätigkeit auf den privaten Kreis. Am Ostersamstag musste er nach einer schweren Hirnblutung hospitalisiert werden. An deren Folgen verstarb er am 3. Juli.

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