Wettingen
Weinkeller sind noch gut gefüllt – so schlagen sich drei Winzer in der Krise

Coronabedingte Absatzausfälle in der Gastrobranche und fehlende Degustationen setzen den Wettinger Weinproduzenten zu.

Rahel Künzler
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Jungwinzer Christian Steimer von Steimer Weinbau hofft auf eine baldige Öffnung der Gastrobetriebe.

Jungwinzer Christian Steimer von Steimer Weinbau hofft auf eine baldige Öffnung der Gastrobetriebe.

Sandra Ardizzone

«Der Keller ist noch voll und im Herbst steht schon die nächste Traubenernte an. Ausleeren will ich den Wein nicht. Verschenken wäre auch nicht das Ziel, wenn der Betrieb langfristig überleben soll», sagt Christian Steimer vom Wettinger Traditionsunternehmen Steimer Weinbau. Seit die Gastronomie als wichtigster Absatzkanal wegbrach, sei die Situation «äusserst schwierig». Auch der Verkauf an Privatpersonen liefe in der Coronazeit nur schleppend.

Zwar hat der Jungwinzer, der den Betrieb seiner Eltern 2018 übernahm, kurz vor dem ersten Lockdown eine neue Website mit frischem Design online gestellt. Die Kundschaft des Familienunternehmens sei jedoch eher älter und würde kaum Online-Bestellungen machen, erklärt Steimer. Am meisten Wein verkaufe die Winzerfamilie jeweils an den drei grossen Events, die sie jedes Jahr organisiere. Diese seien im Coronajahr 2020 alle ins Wasser gefallen: «Ich habe auch lieber direkten Kundenkontakt. Im Moment bin ich aber froh über jede Bestellung, die online oder per Telefon reinkommt.»

Im Online-Weinverkauf spürt Steimer auch den Preisdruck:

«Wir können keine Aktionen machen wie die grossen Detailhändler.»

Auch wenn er es könnte, er würde keine Kurzarbeit beantragen: «Die Natur macht vor Corona keinen Halt. Im Rebbau stehen nach wie vor die gleichen Arbeiten an.» Der Jungunternehmer ist froh, den Lohn der Angestellten noch zahlen zu können. Er hofft, dass die Gastrobetriebe bald öffnen und er dort wieder vermehrt regionalen Wein verkaufen kann.

Offene Rechnungen beim Grafeguet

Auch Hubert Egloff vom Weinbau Grafeguet hatte schon vor Corona grosse Mühe, seine Absatzzahlen gegenüber der Billigweine im Detailhandel zu halten. In der Landi könne man einen Blauburgunder für fünf Franken kaufen. «So viel kostet mich nur schon das Keltern», sagt Egloff.

Als die Läden geschlossen blieben, hätte er kurzfristig sogar ein bisschen profitiert. Mehr Leute als üblich spazierten am sonnigen Lägernhang und kauften Wein direkt in seinem Hofladen. Aber das sei nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Der mit Abstand wichtigste Absatzkanal sei auch für ihn die Gastrobranche. Rechnungen für Weinlieferungen an Restaurants aus dem Oktober sind noch offen: «Was will ich auch dort nachfragen? Die haben ja selber schon genug zu kämpfen.»

Timing denkbar unglücklich

Eine ganz andere Ausgangslage hat hingegen die junge Weinstern AG. Die Aktiengesellschaft konzentriert sich auf den Verkauf und hat die Weinproduktion komplett ausgelagert. Den Wein aus den Trauben der 16 Wettinger Winzer produziert die Andreas Meier & Co. in Würenlingen. Nach dem Startschuss im August 2019 wollte das Start-up im Frühling 2020 eine grosse Marketingkampagne lancieren, um Wettinger Wein über die Region hinaus bekannt zu machen.

Geschäftsleiter Marco Bieri mit Weinstern-Winzer Meinrad Steimer. In der Pandemiezeit finden ihre Treffen per Videotelefonie statt. Ein Glas Wein darf trotzdem nicht fehlen.

Geschäftsleiter Marco Bieri mit Weinstern-Winzer Meinrad Steimer. In der Pandemiezeit finden ihre Treffen per Videotelefonie statt. Ein Glas Wein darf trotzdem nicht fehlen.

Sandra Ardizzone (20. November 2019)

Inserate für Grossevents waren bereits bestellt, als der Bundesrat die ersten Einschränkungen verkündete. Die Veranstaltungen wurden abgesagt, das Werbegeld war in den Sand gesetzt. Der Umsatz sei wegen der lahmgelegten Gastrobranche sicher auch tiefer als erwünscht. Geschäftsleiter Marco Bieri sagt:

«Wir haben keinen Vergleich. Wir wissen nicht, wie viel Wein wir in einem ‹normalen› Jahr verkauft hätten.»

Spätestens ab dem zweiten Lockdown hätten er und sein Team voll auf den Online-Verkauf fokussiert: «Wir wussten, die Leute sitzen zu Hause, langweilen sich und suchen nach Beschäftigungsideen.» So kommt die Website des Wein-Start-ups unter dem Slogan «Neue Ära der Wettinger Weine» mit aufwendigen Drohnenaufnahmen daher. Aus kreativen Ideen, die oft bei «alternativen» Treffen per Telefon und einem Glas Wein entstanden seien, hat das Wein-Start-up zudem neue Produkte entwickelt. Auf grosses Interesse stiess das neue Heimdegustationsset mit einer Auswahl von zwölf Weinen in 5-cl-Flaschen.

Schon über 200 Degustationssets verkauft

Marco Bieri: «Das Degu-Set für zu Hause ist ein Renner, wir haben schon über 200 Stück verkauft.» Aktuell arbeite er bereits daran, das Konzept weiterzuentwickeln. Für Vereine und weitere Gruppen soll das Degustationsset künftig im Paket begleitet von einer Online-Degustation erhältlich sein. Dort würde ein Winzer oder Kellermeister mehr zur Herstellung der verschiedenen Weine erzählen und Laien anleiten, welche Aromen sie im Bouquet erschnuppern und schmecken können.

Trotz finanzieller Engpässe ist die Pandemie für den Marketingspezialisten Bieri auch eine spannende Zeit: «Für den Job gibt es nichts Schöneres. Sich jeden Tag neuen Herausforderungen zu stellen und ihnen mit kreativen Lösungen begegnen.» Der Druck sei allerdings schon hoch. Bieri hat einen Wunsch an den Aargauer Weinverband:

«Es wäre schön, wenn auch der Verband mehr in Online-Marketing investiert, damit regionaler Wein in Zukunft wieder an Bedeutung gewinnt.»