Programm „Visite“
Wettinger Sozialhilfebezügerin: «Mein Leben hat wieder Farbe»

Das Programm «Visite» ermöglicht Sozialhilfebezügern, die im regulären Arbeitsmarkt kaum noch eine Chance haben, freiwillige Einsätze in Non-Profit-Organisationen. Eine Wettinger Teilnehmerin erzählt.

Nadine Bunde
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Sozialhilfebezügerin Jacqueline Meier hat dank Heks eine Beschäftigung im Familienzentrum Karussell gefunden. Severin Bigler

Sozialhilfebezügerin Jacqueline Meier hat dank Heks eine Beschäftigung im Familienzentrum Karussell gefunden. Severin Bigler

SEVERIN BIGLER

Kinder lachen, Mütter schwatzen, ein blondes Mädchen erhält einen neuen Haarschnitt. Mitten drin im Kaffee des Badener Familienzentrums Karussell serviert Jacqueline Meier (Name geändert) Kaffee und Kuchen und lacht mit den Besucherinnen und Besuchern. «Nach einem solchen Einsatz bin ich müde», sagt Meier. «Aber auch sehr glücklich und erfüllt.»

Die 52-Jährige ist eine der Teilnehmenden des Programms «Visite» des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Dabei können Sozialhilfebezüger freiwillige Einsätze in Non-Profit-Organisationen leisten. Auf diese Weise möchte Heks deren soziale Integration fördern und eine Tagesstruktur ermöglichen. Am Programm «Visite Aargau/Solothurn» nehmen momentan dreizehn Menschen teil – fünf davon aus der Region Baden.

«Freiwilligen-Einsätze werden dort geleistet, wo unsere Teilnehmenden glänzen können», sagt Regula Rickenbacher, Leiterin des Programmes «Visite Aargau/Solothurn». Die Teilnehmenden seien Sozialhilfebezüger, die kaum noch eine Chance auf Integration im ersten Arbeitsmarkt hätten, erklärt sie. Ihre Aufgabe bestehe darin, zuzuhören, zu verstehen – und für die Menschen während zweier bis acht Stunden pro Woche eine Beschäftigung zu finden, die zu ihnen passt. «Wenn man für eine Aufgabe brennt, kann man Dinge leisten, die sonst nicht mehr möglich sind. Oder von denen man vergessen hat, dass man es kann.» So war es auch bei Jacqueline Meier.

«Man weiss hier, was Sache ist»

Die Wettingerin ist Mutter von vier erwachsenen Kindern. Was ihr am Herzen liege, erzählt sie, seien die Arbeit mit Kindern und der Kontakt zu anderen Kulturen. Seit Anfang Jahr betreut sie im Familienzentrum Karussell einmal wöchentlich die Kinder der Mütter, die im Karussell einen Deutschkurs besuchen. Ausserdem arbeitet sie im «Treffpunkt-Kaffee Kardamom» auf Abruf, jeweils für zwei Stunden am Nachmittag. «Natürlich haben wir von Anfang an mit offenen Karten gespielt», sagt sie.

Man wisse hier, was Sache ist: Jacqueline Meier ist an multipler Sklerose (MS) erkrankt, einer chronisch-entzündlichen Krankheit, welche die äusseren Hüllen der Nerven angreift. Es ist die «Krankheit der tausend Gesichter»: Die Symptome variieren stark und sind von Mensch zu Mensch verschieden. Für Meier, ursprünglich gelernte Drogistin, ist es unmöglich geworden, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Seit dem Jahr 2013 ist sie nicht mehr berufstätig. «Im ersten Arbeitsmarkt wird Leistung verlangt», sagt sie. «Die kann ich jedoch nicht mehr erbringen.» Invalidenrente erhält sie trotz bestätigter Diagnose (noch) keine, deshalb lebt sie momentan von der Sozialhilfe.

Die Krankheit vergessen

Während der Arbeit im «Karussell» kann Meier ihre Krankheit für einige Stunden beiseiteschieben: «Wenn ich hier bin, denke ich keinen Augenblick daran.» Die Arbeit im «Karussell» habe ihr wieder Lebensfreude gegeben. «Trotz meiner Krankheit möchte ich einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten», sagt sie. Der Kontakt mit anderen Menschen sei ihr dabei besonders wichtig, wie schon früher in ihrem Berufsleben. Zu Hause sei ihr mit der Zeit das Dach auf den Kopf gefallen. «Besonders in den Wintermonaten war es schlimm», erinnert sich Meier.

Neue Wege öffnen sich

«Wenn die Teilnehmenden erzählen, dass ihnen mit der Zeit die Decke auf den Kopf falle, ist das ernst zu nehmen», erklärt Rickenbacher. Denn der Raum, in dem sich die Menschen bewegen, werde enger, die Kontakte zur Aussenwelt nähmen ab. «Mit der Zeit braucht man weniger von dem Ressourcenrucksack, den wir alle mit uns bringen.» Jacqueline Meier sei ein wunderbares Beispiel für jemanden, der dank «Visite» aus seinem Rucksack wieder ganz viel auspacke. Meier bestätigt: «Mein Leben ist wieder viel farbiger geworden.»

Sie habe mittlerweile auch zu Hause wieder mehr Energie, zum Beispiel um zu malen oder zu nähen. «Es sind auch Türen aufgegangen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie überhaupt da sind.» So habe sich in den Gesprächen mit Regula Rickenbacher noch einen anderen Einsatz für sie finden lassen: In Kürze wird sie für die Bibliothek Wettingen als sogenannte «Lesementorin» arbeiten. Dabei wird sie einmal pro Woche mit einem Kind mit einem anderen kulturellen Hintergrund eine Stunde lang lesen.

Finanzierung nicht gesichert

«Es ist eine kreative Aufgabe, für alle Teilnehmenden den richtigen Einsatzort zu finden», sagt Rickenbacher. Manche seien noch nie in ihrem Leben gefragt worden, was sie gerne möchten, andere hingegen seien sehr spezifisch in ihren Wünschen. «Wir wollen jedoch unserem Credo treu bleiben: dass jeder Teilnehmende sagen kann, wo er oder sie einen Einsatz leisten möchte.» Herausfordernd sei aber auch die Finanzierung von «Heks-Visite»: Die Teilnehmenden des Programms werden vom zuständigen Sozialamt zugewiesen.

Das Programm sei aber erst kostendeckend, wenn es 35 Teilnehmende beschäftigt, sagt Rickenbacher und fügt an: «Viele Gemeinden sparen und machen unser Angebot nicht für ihre Bewohner zugänglich.» Deshalb stellt Rickenbacher im Moment diverse Finanzgesuche an verschiedene Stiftungen und Fonds. Das Programm sei jedoch die Mühe auf jeden Fall wert, betont Rickenbacher. «Das Schönste für mich ist, wenn wie bei Frau Meier die Türen aufgehen. Wenn es wieder anfängt zu brennen.»