Noch läuten die Kirchenglocken. Kerzen und gedimmtes Licht erhellen die heiligen Gemäuer, von den Bänken her ist leises Gemurmel zu vernehmen. Plötzlich wird es still. Es öffnen sich die Türen und auf einmal erfüllen harmonische Gesänge den Raum, als die Sternsinger in ihren wallenden Gewändern am Sonntagabend die katholische Kirche Turgi betreten.

In diesem Jahr steht das erste Sternsingerspiel von Oskar Eberle auf dem Programm. Es erzählt die traditionelle Weihnachtsgeschichte von der Geburt Jesu und den Heiligen Drei Königen im Stall zu Bethlehem. Doch bevor Maria und Josef von den hohen Gästen aus dem Morgenland reich beschenkt werden, erfreuen sie sich ob dem Wunder der Natur, das die Ankunft des Erlösers mit sich bringt: «Wär das Chind eins wie die andre, würdi d’Rose blüe? Würd der Chrischtstärn äärdwärts wandre, und wie d’Sunne glüe?» Zwischen den einzelnen Szenen wird es immer wieder musikalisch. Mit mehr und weniger bekannten Weihnachtsliedern verbreitet der aus Kindern und Erwachsenen bestehende Chor eine feierliche Stimmung in der Kirche.

Geschichtsträchtiger Brauch

Die Tradition des Sternsingens lässt sich in unserer Region bis zum 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Nachdem es mit der Zeit etwas in Vergessenheit geriet, wurde es im Jahr 1948 mit eben diesem speziell für die Wettinger Sternsinger geschriebenen Spiel von Oskar Eberle wiederbelebt. Seitdem ziehen sie wieder Jahr für Jahr durch die Strassen und haben ihr Repertoire mittlerweile um drei weitere Spiele ergänzt.

Doch auch nach so vielen Jahren hat der Inhalt des musikalischen Theaters aus den späten Vierzigern nichts an Aktualität eingebüsst. So sind die armen Hirten ein Sinnbild für gelebte Solidarität: Von dem Wenigen, was sie besitzen, geben sie einen Teil dem Jesuskind – und erhalten dafür wärmende Worte von Maria: «Ich dank euch, ier Lüütli, wo eus sovil gend, derwyl ier sälber chuum z’läbe hend.»