Es war neben der Abwahl von Stadtammann Geri Müller die grosse Überraschung des Wahlsonntags in Baden: Sandra Kohler (36), die parteilose Quereinsteigerin ohne politische Erfahrung, wurde in den Stadtrat gewählt. Sie liess nicht nur Geri Müller hinter sich, sondern mit Karin Bächli (SP) und Andrea Libardi (FDP) auch zwei langjährige Einwohnerrätinnen.

«Ich werde Vollgas geben!»: Die frischgebackene Badener Stadträtin Sandra Kohler im Interview.

«Ich werde Vollgas geben!»: Die frischgebackene Badener Stadträtin Sandra Kohler nach der Wahl am Sonntag.

Die frischgebackene Stadträtin konnte ihr Glück am Montag immer noch nicht fassen. «Ich kam erst um 1 Uhr ins Bett und bin um 5 Uhr wieder aufgestanden; ich hatte noch keine fünf Minuten Zeit, meine Gedanken zu ordnen.» Was genau dazu geführt habe, dass sie zwei profilierte Politikerinnen hinter sich liess, kann Kohler nur vermuten. «Ich glaube, in der Gesellschaft ist ein Umbruch im Gang. Viele Menschen haben keine Lust mehr, von Parteien gesagt zu bekommen, was richtig oder falsch ist.»

Kohler ist überzeugt, dass es ihr im Wahlkampf gelungen sei, «den Wählern glaubhaft zu vermitteln, dass ich eine unverbrauchte Kraft aus dem Volk bin und es mir gelingen wird, die Brücke von der Regierung zur Bevölkerung zu schlagen». Darin sehe sie auch die grosse Herausforderung. «Politik zu gestalten, sodass sie vom Volk auch verstanden wird.»

Karin Bächli (SP, 40) verpasste die Wahl um nur gerade 17 Stimmen. Sie erklärte am Montagmorgen unverblümt: «Es wird noch eine Weile dauern, bis ich das Ergebnis verdaut habe.» Sie, die seit 16 Jahren im Einwohnerrat und Kommissionen vertreten ist, sei davon ausgegangen, dass die politische Erfahrung bei der Wahl für ein politisches Amt entscheidend sei - leider habe sie sich getäuscht.

Zwar habe sie zum Zeitpunkt der Bekanntgabe ihrer Kandidatur damit gerechnet, dass es schwierig werden könnte. «Damals ging ich aber noch davon aus, dass alle bisherigen Stadträte noch einmal antreten. Dass ich nun gegen eine Newcomerin das Nachsehen hatte, ist enttäuschend.» Sie versuche derzeit, Erklärungen zu finden. Mit ihrem Wahlkampf sei sie zufrieden: «Ich bin eine Sachpolitikerin und blieb meiner Linie auch im Wahlkampf treu.» Sie sei keine Politikerin der lauten Töne, sondern versuche mit Leistung und Einsatz zu überzeugen. Nun hoffe sie darauf, nach zwei Jahren als Vizepräsidentin zur Einwohnerratspräsidentin gewählt zu werden: «Das wäre eine grosse Ehre.»

Wie verdaut Andrea Libardi (FDP, 53) den Umstand, gegen eine Kandidatin ohne politischen Leistungsausweis unterlegen zu sein? «Ob Sandra Kohler oder Karin Bächli vor mir liegen, spielt überhaupt keine Rolle. Ich sehe das nicht so, dass ich von jemanden geschlagen wurde und vergleiche mich auch nicht mit anderen. Fakt ist: Ich habe zu wenig Stimmen erhalten, das ist zu akzeptieren.» Libardi attestiert Kohler, einen sehr guten Wahlkampf gemacht zu haben. «Sie war sehr präsent, viel unter den Leuten – ja man kann fast schon sagen, an jeder Hundsverlochete anzutreffen.»

Kohler könne es gut mit Menschen und sie könne auch gut zuhören. Libardi glaubt, dass Kohler als Stadträtin nach einer gewissen Anlaufzeit einen guten Job machen werde. Auf die Frage, ob sie – die im Wahlkampf eher blass war – im Nachhinein mehr in den Wahlkampf investieren würde, antwortet Libardi: «Nein. Ich habe gemacht, was ich konnte. Das hat offensichtlich nicht gereicht.» Wie es politisch nun weitergeht, sei völlig offen, sagt Libardi und spricht damit auch ihre Rolle als Einwohnerrätin an, dem sie seit über zehn Jahren angehört und für den sie mit 1717 Stimmen am Sonntag das viertbeste Resultat aller Kandidaten erzielte. «Ich gehe jetzt erst mal in die Ferien und mache eine saubere Auslegeordnung. Danach schauen wir weiter.»

Nebst all den schönen Rückmeldungen wurde die neue Stadträtin Sandra Kohler derweil bereits mit Forderungen eingedeckt. «Viele Wähler freuen sich mit mir, einige haben mir aber auch ganz klar zu verstehen gegeben, dass sie jetzt etwas von mir erwarten.» Sie fände es denn auch sehr mutig, dass die Badenerinnen und Badener mit ihr den Aufbruch wagen und ihr das Vertrauen geschenkt hätten. Ob das Stimmvolk Kohler am 26. November allenfalls gar das Vertrauen für das Stadtammann-Amt schenken kann, ist noch offen. «Ich werde mich bis Mitte Woche entscheiden, ob ich zum zweiten Wahlgang im Rennen um den Stadtammann-Sitz nochmals antrete», sagt Kohler.

Talk Täglich: Badener Stadtammann-Kandidatin Sandra Kohler erklärt, wieso sie antritt.

Talk Täglich, Ende August 2017: Badener Stadtammann-Kandidatin Sandra Kohler erklärt, wieso sie antritt.