Baden
Wie der australische Wildhund zum treuen Freund wurde

Amy Bollag (*1925) wuchs an der Bruggerstrasse auf. Seine Familie wohnte seit fünf Generationen in der Stadt. Regelmässig schreibt er in der az über seine Erinnerungen, diesmal über die Tierliebe, überfahrene Kätzchen oder einen Dingo im Zoo.

Amy Bollag
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Die grosse Tierliebe.

Die grosse Tierliebe.

Baden, unser Städtchen war noch klein und fein und ich war sieben Jahre jung. Das Leben als einzige Mieterfamilie in der damaligen herrlich gelegenen prächtigen Gärtnerei war ein lebendiger Traum. Meister Kempf und Ehefrau, Schwiegersohn Hans mit seiner Roseli, erhöhten die Schönheit und Harmonie dieses heute verschwundenen Plätzchens Erde.

Als Vierbeiner lernte ich zuerst die in kleinen vergitterten Holzgestellen gehaltenen Kaninchen kennen. Leider war dieses Kennenlernen mit Seelenschmerz verbunden. Dass diese zutraulichen, putzigen Tierchen der Speise dienten, brachte mein einfaches Weltbild ins Wanken. Kaum hatte ich sie richtig in mein Herz geschlossen, kam schon der Gevatter Tod.

Wie glücklich war ich, als eine kleine, graue, aber sonst bildhübsche Katze ins Haus kam. Endlich ein Kennenlernen ohne schmerzliches Ende im Hintergrund. Doch diese Liebe ohne baldiges Ende hatte auch keinen Bestand. Obwohl in den 30er-Jahren auf der Strasse noch kein starker Verkehr herrschte, kam der schlimme Tag. Unser heiss geliebtes Kätzchen überlebte die harten Pneus eines vorbeifahrenden Autos nicht. Wir Geschwister und die Nachbarskinder veranstalteten eine grossartige Beerdigung, aber die Trauer blieb.

Wohl besorgte die liebe Mutter wieder ein Büsi, aber mit der dauernden Lebensgefahr vor dem Hause wurden wir nicht froh. Immerhin führte dazumal die Hauptstrasse nach Zürich an der Gärtnerei vorbei. Wir wussten, dass Bella nicht wie die Kaninchen durch Verspeisen enden würde, aber die Autos waren ja noch gefährlicher. Doch nach beglückenden Monaten hauchte auch unser neu gewonnener Liebling sein Leben unter einem Lastwagen aus. Nach einer weiteren eindrücklichen Beerdigung kam kein weiteres Tier in unser Haus.

Viele Jahre später, an der Kunstgewerbeschule in Zürich, durften wir, wie im Schulprogramm eingeteilt, jede Woche einen ganzen Tag, im Zoo Tiere zeichnen. Dies war immer mein schönster Schultag. Bald entdeckten ein Dingo – ein australischer Wildhund – und ich unsere Liebe zueinander. Nach kurzer Bekanntschaft konnte ich ihn schon durch das Gitter streicheln. Dies entdeckte ein Zoowärter.

Er schimpfte schrecklich. Ich sei verrückt, dies sei kein Haushund. Er versuchte mir zu erklären, dass es sich um ein echtes Wildtier handle und dass er sogar beim Füttern sehr aufpassen müsse. Doch da mich der Dingo immer schon von Weitem erkannte, konnte ich die vertrauliche Handbegrüssung nicht lassen. War ich sicher, dass keine Aufsicht da war, fand immer eine herzliche Begrüssung statt. Nie brachte ich ihm etwas zu fressen, aus Angst etwas Falsches zu geben.

Es war eine reine Liebe und sie ging nicht durch den Magen. Die Besucher, die ihn auch berühren wollten, musste ich aber warnen, er liess nur mich an sich heran. Die Freundschaft dauerte Monate. Unterbrochen wurde sie nur kurz durch meine Besuche im Frankfurter Zoo. Dort schloss ich eine kurze und enge Freundschaft mit einem wunderschönen Gepard, den ich am Liebsten entführt hätte. Da aber Baden näher beim Zürcher Zoo liegt als der Frankfurter, blieb die alte Liebe zu meinem Dingo.

Inzwischen war ich zwanzig Jahre alt geworden und hätte so gern ein Tier besessen. Pferde hatte ich während meiner landwirtschaftlichen Lehre und als Artilleriereiter im Militär kennen und lieben gelernt, aber für ein Pferd fehlte mit das nötige Geld. Nach all den vielen Tierbekanntschaften wünschte ich mir, in Erinnerung an den, inzwischen gestorbenen Dingo einen Hund.

Aber wie sollte dies praktisch vor sich gehen? Ich lebte ja noch zu Hause in meiner Familie. Meine beiden Brüder und die Schwester waren einverstanden, aber Vater und Mutter? Kommt Zeit, kommt Rat, überlegte ich. Wenn es so weit sein wird, dass ich meinen zukünftigen Vierbeiner besitzen würde, hätte ich immer noch Frist, um Erlaubnis zu fragen. Die Zeit ging aber schneller vorüber, als ich dachte.

1948, kurz vor Weihnachten, ich war schon 24 Jahre alt, reiste ich nach Salzburg. Ein prächtiges Städtchen, das sich zeigen konnte. Aber ich hatte nur Augen für einen ganz jungen, wunderschönen Schäferhund, der auch mich sympathisch fand. Also Liebe auf den ersten Blick. Stolz kehrte ich mit meinem neu erworbenen Freund nach Baden zurück.

Von einer Erlaubnis war überhaupt keine Rede, alle liebten ihn. Er spielte noch eine grosse Rolle in meinem Leben, sogar mein Meiteli, meine liebe Frau, fand ich durch ihn. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich später noch erzählen werde.

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