80-Jahr-Jubiläum St. Sebastian
Wie der Grossvater so der Enkel: «Wir waren einfach die Jungwächter»

Am Samstag feiert die Jungwacht St. Sebastian auf der Zirkuswiese ihr 80-Jahr-Jubiläum mit einem grossen Familienfest. Seit ihrer Gründung 1937 ist die Schar zur Grössten im Kanton angewachsen. Der 86-jährige Theodor Ernst war einst als Scharleiter dabei. Sein Enkel Loris Ernst (18) ist heute Gruppenleiter. Die beiden erzählen, wie sich die Jungwacht über Generationen verändert hat, welche Traditionen überlebt haben, von der Verbindung zur Kirche und von den einstigen, unangenehmen Vergleichen mit der Hitlerjugend.

Sabina Galbiati
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Aus dem Jungwacht-Fotoalbum von Theo Ernst. Das Sommerlager in Randa von 1946.
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Sommerlager der Jungwacht St. Sebastian von 1946 in Randa.
Theodor Ernst (rechts) bei einem Marsch der Jungwacht St. Sebastian um 1940.
Urkunde von Theodor Ernst bei seiner Ernennung zum Scharführer 1950.
Die Jungwacht St. Sebastian wird 80 Jahre alt
V.l. Der heutige Scharleiter der Jungwacht St. Sebastian, Elias Grüter, und sein Grossvater Josef Brühlmeier unterstützen Theo Ernst und Loris Ernst im Interview mit der az.
Unter dem Lagermotto Griechen fuhr die Jungwacht St. Sebastian 2016 nach Niederwald. Gruppenleiter Loris Ernst ist der Zweite von links hinten.
Sommerlager 2016 der Jungwacht St. Sebastian in Niederwald. Lagermotto: Griechen.
Lageplan des Familienfests der Jungwacht St. Sebastian

Aus dem Jungwacht-Fotoalbum von Theo Ernst. Das Sommerlager in Randa von 1946.

zvg

Theo Ernst, als Sie Jungwächter wurden, war die Jungwacht St. Sebastian erst vier Jahre alt. Hat die Jungwacht zu Ihrer Zeit auch so grosse Feste organisiert?

Theo Ernst: Nein, damals waren wir noch bescheidener. Das Familienfest, das die Schar hier auf die Beine gestellt hat, ist wirklich beeindruckend.

Wie gross war denn die Schar in den Anfängen?

Wir waren um die 80 Jungwächter inklusive Leiter. Aber ich weiss auch noch, dass nicht alle Eltern es gut fanden, wenn die Söhne in die Jungwacht gingen, weil die älteren Buben eigentlich samstags arbeiten mussten. Doch wegen der Scharanlässe und Übungen konnten sie das teilweise nicht. Es gab auch Geschwister, die ihren Brüdern vorwarfen: Du gehst jetzt spielen und wir müssen zu Hause arbeiten.

Loris, heute dürfte das wohl etwas anders sein. Sind nicht viele Eltern froh, wenn ihre Buben ins Sommerlager fahren und sie zwei Wochen «sturmfrei» haben?

Loris: Nein, im Gegenteil, es gibt einige Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten und deshalb die Kinder während der Ferien bei sich haben möchten, weil sie dann Zeit haben. Deshalb kommen viel weniger «Gümmel» ins Lager als früher. Grossvater, ihr seid damals ja praktisch mit der ganzen Schar ins Lager gefahren.

Theo: Ja richtig. Wir fuhren jeweils ins Wallis nach Randa oder Täsch im Zermattertal oder nach Laax. Im Schulhaus in Randa schliefen wir auf Stroh und wir wanderten jedes Mal von Zermatt zur Hörnlihütte am Matterhorn oder auf den Gornergrat. Das war Tradition. Es gibt noch alte Tagebücher, die wir damals wie Logbücher führten.

Schreibt ihr heute immer noch ein Logbuch im Lager?

Loris: Ja, aber auf Facebook, damit die Eltern, jeden Tag erfahren, was im Lager gerade läuft. Überhaupt informieren wir via Website und Facebook über Aktuelles aus der Schar. Wir haben einen Leiter, der für Social Media verantwortlich ist.

Theo Ernst, wie haben die Buben zu Ihrer Zeit von Scharanlässen und Aktivitäten erfahren?

Theo: Wir hatten zwei Infokästen, einen bei der Kirche und einen beim Haus von Franz Egloff, der von 1937 bis 1947 Scharleiter war. Dort musste ein Leiter jeden Freitag die neuen Informationen aufhängen. Auch ich musste das als Leiter eine Zeit lang machen und es war schon ein wenig mühsam.

Loris: Traditionellerweise haben wir aber auch heute noch einen Anschlagkasten.

Theo: Wir hatten zwar keine Handys, aber dafür hatte ich riesigen Spass an den Morseübungen in den Gruppenstunden oder im Lager. Mithilfe von Morseflaggen übermittelten wir über weite Distanzen Nachrichten. Ich wäre fast professioneller Funker geworden. Letztlich machte ich aber die Ausbildung zum Maschinenzeichner bei der der BBC und machte mich später selbstständig.

Jubiläumsfest auf der Zirkuswiese

Heute findet auf der Zirkuswiese in Wettingen das grosse Familien-Jubiläumsfest der Jungwacht St. Sebastian statt. Von 12 bis 19 Uhr gibt es für Kinder und Eltern rund 15 Workshops zum Spielen und Basteln. Highlight ist das Fussballspiel mit «Bubble Balls», bei dem die Spieler in grossen Kunststoffbällen eingehüllt Fussball spielen. Ab 19 bis 22 Uhr folgt das Abendprogramm mit Konzerten der Wettinger Bands «Cristal Rose» und «Endstation». Während des Fests gibt es eine Festbeiz mit Barbetrieb, ein grosses Sarrasani-Zelt mit Grillstation, Rissotto aus der Lagerküche und weitere Essensstände. Ab 22 Uhr bis 4 Uhr morgens geht die Party samt DJ im Jungwachtkeller weiter. (gal)

Loris, seit einigen Jahren kämpfen viele Vereine mit sinkenden Mitgliederzahlen. Wie ist das bei der Jungwacht St. Sebastian?

Loris: Es ist eigentlich genau umgekehrt. Wir haben derzeit 41 Leiter und 138 «Gümmel» registriert und sind die grösste Jungwachtschar im Aargau. Wir spüren auch einen gewissen Zulauf. Aber die Konkurrenz ist gross und dadurch nehmen die Kinder an weniger Anlässen teil. Sie lassen eher mal das Lager sausen oder gewisse Scharanlässe, weil sie noch anderen Hobbys nachgehen.

Theo, Ihr Sohn, Loris’ Vater, war auch in der Jungwacht. Hat die Jungwacht Familientradition?

Theo: Ja, aber in gewisser Weise war von jedem ein Onkel, Bruder oder Vater in der Jungwacht. Zudem spielt ein Mitreisseffekt mit: Wenn der beste Freund in die Jungwacht geht, gehst du mit. Ich selber habe vier Jungwacht-Kameraden, mit denen ich bis heute eine tiefe Freundschaft teile.

Loris: Du hast mir ja auch deine Urkunde von der Ernennung zum Scharführer vermacht, weil ich jetzt auch Leiter in der Jungwacht bin.

Theo: Ja ich habe Freude, dass du immer noch aktiv dabei bist. Wie wird man bei euch eigentlich Scharleiter?

Loris: Es finden Vorbesprechungen statt und anschliessend eine Wahl im Leiterteam, bei der ein Kandidat das absolute Mehr erreichen muss. Wie war das bei euch damals?

Theo: Zu meiner Zeit hatte – nebst dem Leiterteam – der Präses, Karl Jappert, der später Pfarrer wurde, ein gewichtiges Wort mitzureden. Und ich erinnere mich, dass wir einmal einen Scharführer absetzen mussten, weil er nichts taugte.

Heute spricht man vom Scharleiter, aber in Ihrer Urkunde von 1950 werden Sie als Scharführer betitelt. War das ein Ausdruck hierarchischer Strukturen?

Theo: Die Jungwacht war damals noch etwas militärisch aufgezogen. Disziplin und Ordnung waren sehr wichtig. Als Schar marschierten wir beispielsweise nach dem Lager in einer Vierer-Kolonne die Bahnhofstrasse entlang mit Trommeln und Banner an der Front. Wir haben es gerne gemacht, weil man damals noch nicht so militärkritisch war wie heute. Es war einfach der Zeittrend und hatte eine ganz andere Bedeutung als heute.

Obwohl der Zweite Weltkrieg gerade erst zu Ende war?

Theo: Wir waren natürlich absolut gegen die Ideologie des Hitlerregimes und gegen den Krieg. Wir stellten uns auch klar und sehr vehement gegen die Hitlerjugend. Trotzdem wollten einige Aussenstehende in unseren Marschübungen und unserer Disziplin die Hitlerjugend wiedererkennen. Dieser Vergleich von damals ist für mich auch jetzt noch ein sehr emotionales Thema, das mich betroffen macht. Später wurden diese Übungen gestrichen.

Wie kam die Jungwacht während der Kriegsjahre eigentlich zu Geld?

Theo: Wir mussten unser Geld mit Papier- und Flaschensammeln verdienen und unsere Beiträge selber zahlen. Von der Pfarrei kam kein Geld.

Loris: Wir sammeln heute immer noch das Altpapier, und haben verschiedene Aktionen, um Geld zu sammeln. Aber heute gibt es viel mehr Konkurrenz. Allein in Wettingen gibt es zig Vereine, und alle machen solche Geldsammelaktionen.

Theo: Wir hatten auch bereits unsere Jahresvorstellung im Casino, die Geld einbrachte. Zweimal habe ich sogar Regie geführt. Leider erinnere ich mich aber nicht mehr an die Namen der Stücke. Für uns war das eine wichtige Einnahmequelle. Könnt ihr mit den Vorstellungen noch Geld verdienen?

Loris: Wir machen die Vorstellungen heute mit dem Blauring zusammen im Pfarrheim und teilen uns die Einnahmen. Vermutlich war euer Gewinn damals grösser.

Gibt es ehemalige Jungwächter, die dank der Aufführungen ihr Schauspieltalent entdeckten?

Theo: Nein, aber Anton Businger, der weltbekannte Bühnenbildner, hat als Leiter für die Theaterstücke der Jungwacht Bühnenbilder gemacht. Man darf also sicher sagen, die Jungwacht hat dazu beigetragen, dass Businger seine grosse Leidenschaft entdeckte.

Die Jungwacht entstand als Teil der Katholischen Aktion, die Laien zur aktiven Mitarbeit animieren sollte. Wie gegenwärtig war die Kirche damals?

Theo: Die Kirche war sehr gegenwärtig. Vor dem Sommerlager gab es einen Gottesdienst; im Lager jeden Tag das Nachtgebet nach dem Nachtessen. Zu Hause fand einmal im Monat sonntagmorgens um 7 Uhr eine Gemeinschaftskommunion statt. Alle sind gekommen. Wir besammelten uns hinter dem Pfarrhaus. Jede Gruppe stand in der Einer-Kolonne. Heute würde das wohl niemand mehr mitmachen. Aber das war damals der Zeitgeist und wir hatten Freude daran.

Loris: Aber bei uns ist die Kirche auch präsent und finanziert uns mit. Als Gegenleistung haben wir kirchliche Anlässe wie das Palmbinden am Palmsonntag. Da besammeln wir uns alle auf dem alten Friedhof St. Sebastian. Wir organisieren jeweils Palmen, welche die Kinder mit ihren Eltern schmücken. Am Schluss pflanzen wir die Palmen am Waldrand.

Theo: Früher war das bei uns ein Wettstreit, wer die längeren Palmen macht. Das wurde zu einem richtigen Spass.

Loris: Ja, für uns ist dies nebst dem Aufnahmegottesdienst, wo jeder «Gümmel» vom Pfarrer in die Schar aufgenommen wird, der kirchliche Hauptanlass. Den Gottesdienst vor dem Lager gibt es auch heute noch und in der Nacht auf Karfreitag macht das Leiterteam eine Nachtwache vor der Kirche. Symbolisch bewachen wir die Kirche und machen ein Lagerfeuer.

Theo: Ah ja wirklich? Wir kannten das früher auch, aber bei uns teilten sich die verschiedenen Vereine die Schichten auf. Die Jungwacht hat dann vielleicht eine Stunde Wache gehalten.

Und wie viel von der Kirche fährt heute ins Sommerlager mit?

Loris: Die Kirche ist in den Hintergrund gerückt. Im Lager gibt es keinen Gottesdienst und wir haben auch keinen Pfarrer dabei.

Theo: Wirklich? Wir hatten immer den Präses im Lager dabei. Das war die wichtigste Person im Lager – überhaupt von der Jungwachtschar. Während meiner Zeit als Scharleiter war Präses und Vikar Anton Amrein ein grossartiger Seelsorger und Freund.

Loris: Wir haben im Lager keinen Präses mehr dabei. Auch hat inzwischen schätzungsweise die Hälfte unserer Schar einen anderen kulturellen Hintergrund und teils einen anderen Glauben. Diese Kinder müssen auch nicht an die kirchlichen Anlässe kommen.

Leistet die Jungwacht in gewissem Sinne heute Integrationsarbeit?

Loris: Nun ja, wir sind offen für jeden und ich denke, für viele Kinder, die nicht in der Schweiz geboren sind, bieten wir die Möglichkeit, Neues zu entdecken. Sie lernen durch uns traditionelle Spiele wie «Räuber und Poli» kennen und haben dadurch mehr Abwechslung. Ich finde es cool, dass unsere «Gümmel» all diese Spiele kennenlernen und sie gerne spielen.

Theo Ernst, haben Sie die Buben früher schon «Gümmel» genannt?

Theo: Nein, das gab es bei uns nicht. Das wäre damals abschätzig gewesen. Wir waren einfach die Jungwächter.

Loris: «Gümmel» das ist eher so der moderne Begriff (lacht).

Lageplan des Familienfests der Jungwacht St. Sebastian

Lageplan des Familienfests der Jungwacht St. Sebastian

zvg