Person am Montag

Wie der Rocker zur klassischen Musik kam

Für das Gitarrenspiel beendete Mats Scheidegger alle sportlichen Aktivitäten.

Für das Gitarrenspiel beendete Mats Scheidegger alle sportlichen Aktivitäten.

Mats Scheidegger interpretiert zeitgenössische Werke und tritt damit auf der ganzen Welt auf. Zum Gitarrenspielen kam er aber nur durch Zufall. Der Umweg über die Rockmusik machte ihn zum Virtuosen. Heute unterrichtet er in Wettingen und Luzern.

Wenn Mats Scheidegger in die Saiten greift, breiten sich einzigartige Klänge aus: Er schabt, klopft, reibt, gleitet über den Gitarrenhals; schnelle Tonfolgen überlagern liegende Akkorde, Splitterklänge stechen hell hervor: Es erklingt eine hochexpressive Musik, die dem Zuhören einiges abverlangt und zurückgibt.

Mit Interpretationen von modernen Stücken für Gitarre trat er auf den grossen Bühnen und Festivals auf der ganzen Welt auf. So spielte er unter anderem am Lincoln Center Festival New York, an den Berliner Festspielen oder am Lucerne Festival.

Dass Scheidegger klassischer Konzertgitarrist wird, hätten wohl weder seine Familie noch seine Jugendkollegen geglaubt. Als Kind war er nämlich ganz dem Sport verfallen. Er spielte Fussball, Pingpong, Handball, rannte OL und im Winter stand er regelmässig auf Langlaufski.

Nur durch Zufall kam er zum Gitarrenspiel: Als sein Bruder eine klassische Gitarre erhielt, entdeckte Scheidegger seine Liebe zur Musik. Für ihn war bald klar, dass sie ein wichtiger Bestandteil seines Lebens sein wird; er beendete alle Sportaktivitäten.

Doch der Knabe, der ein Fan von Rockmusik war, gab sich mit der klassischen Gitarre nicht zufrieden. Er bekam eine E-Gitarre mit Verstärker, verbrachte Stunden im Keller und spielte in einer Band. Auch wenn die Rockmusik und die Zeit im Probelokal sein Leben prägten, besuchte er weiterhin den Musikunterricht, um das Spiel an der klassischen Gitarre zu verfeinern. «Mein technisches Wissen hat mir auch in der Band geholfen», sagt er.

Nach der Berufslehre als Tiefbauzeichner nahm Scheidegger das Musikstudium am Konservatorium in Winterthur auf. «Mit meinem eher von Rockmusik geprägten Background war für mich der Beginn am Konservatorium nicht ganz einfach. In der Vorstellung war jeder Student für mich ein grosses Vorbild und ich verleugnete erst meine Band-Vergangenheit.»

Er erkannte aber bald, dass ihm die Band-Erfahrung viel bezüglich Rhythmus und Musikgefühl gebracht hatte. Sein Lehrer Christoph Jäggin begründete Scheideggers neue Leidenschaft: Er führte ihn in die moderne Musik ein. «Am Konservatorium spielte ich anfänglich Musik aus dem Barock und der Renaissance. Doch bald durfte ich Werke der Moderne spielen, die an den Interpreten ganz andere Anforderungen stellen.»

Für seine Diplome nahm er mehrere zeitgenössische Werke ins Repertoire auf, die sein Lehrer bereits uraufgeführt hatte. Seine Faszination für zeitgenössische Musik hält bis heute an. «Es ist interessant, mit lebenden Komponisten zusammenzuarbeiten, mit ihnen Spieltechniken zu entwickeln und so die Erweiterung der spieltechnischen und interpretatorischen Möglichkeiten der Gitarre aktiv mitzugestalten.» So hat Mats Scheidegger heute enge Verbindungen zu den wichtigsten Komponisten der Gegenwart wie Helmut Lachenmann, Brian Ferneyhough oder Franck Bedrossian.

Er versteht, dass moderne Klassik für das Publikum meist ungewohnt ist, sagt aber: «Auch Bach ist mit seiner Musik angeeckt und entwickelte die Musik weiter.» So sei es auch bei zeitgenössischen Komponisten. Sie würden neue Wege suchen, um sich auszudrücken. Eine solche Möglichkeit bietet heute die elektronische Musik sowie die elektrische Gitarre. In jüngster Zeit widmet sich auch Scheidegger verstärkt der Live-Elektronik, so zum Beispiel im Ensemble Soyuz21.

Scheidegger war 1992 Mitbegründer der Gruppe für Neue Musik Baden (GNOM). «Wir waren sechs Profimusiker, die zeitgenössische Musik spielten.» Dass die Gruppe von Beginn an ein Publikum fand, hing damit zusammen, dass alle Musiker in der Region verankert waren. «Die Leute fanden unsere modernen Musikprojekte interessant und eine Bereicherung für das Kulturleben.»

In jeder Saison stellten die Organisatoren sechs Konzerte auf die Beine, in denen wichtige Werke von zeitgenössischen Komponisten aufgeführt wurden. Im Jahr 1998 organisierte die Gruppe zusammen mit dem Schweizer Tonkünstlerverein das Tonkünstlerfest in Baden. Daraufhin erfolgte die Anfrage des Zürcher Musikfestivals «Tage für Neue Musik», ob er die künstlerische Leitung übernehmen möchte. Scheidegger sagte zu und belegte das Amt von 1999 bis 2011.

«Das war spannend, jährlich ein komplett neues und internationales Programm auf die Beine zu stellen», sagt er und ergänzt: «Wir wollten jeweils Komponisten einladen und ihre Musik ins Zentrum setzen, sie aber auch Referenzwerken der Vergangenheit gegenübersetzen» Bei der Programmgestaltung berücksichtigte Scheidegger, welche Komponisten und Musikstile zueinanderpassen oder bewusst auch Gegensätze bilden.

Auch wenn Scheidegger immer wieder an bedeutenden Festivals spielt, mag er auch die kleineren Auftritte: Bei mehreren Konzertreisen in die Mongolei spielte er in den Sanddünen, Klöstern, Jurten oder mythischen Plätzen zusammen mit Künstlern aus der Region. «Die Konzerte waren ein Gemisch von neuer Musik und lokaler Folklore und waren von Unvoreingenommenheit geprägt», erklärt der Gitarrist.

Interessant war auch eine Konzertreise an das Festival «2d2n» im ukrainischen Odessa am Schwarzen Meer. «Die Jugend dort interessierte sich rege für die moderne Musik», sagt er und sieht diesbezüglich den grossen Unterschied zum Kulturinteresse in der Schweiz. «Die Schweizer sind übersättigt», sagt Scheidegger und spricht das grosse Freizeitangebot an. «Nur wenige interessierte Schweizer besuchen Konzerte zeitgenössischer Musik. Findet hingegen in einem mongolischen Dorf oder einer ukrainischen Stadt ein Konzert statt, kommen viele Leute dahin.»

Dieter Ammann - Musica empírica (2013) by Mats Scheidegger

Neben seiner Konzerttätigkeit ist Scheidegger Gitarrenlehrer an der Kantonsschule Wettingen und Dozent an der Musikhochschule Luzern. «Ich möchte nicht nur von Konzerten leben», meint er und ergänzt: «Unterrichten und Konzertieren ergänzen sich ideal und befruchten sich gegenseitig.» Trotzdem sei es nicht immer einfach, nach einem Unterrichtstag am Abend noch eine Probe zu bestreiten.

In seinem Gitarrenunterricht ist aber moderne Klassik selten ein Thema. Vereinzelt gäbe es aber Schüler, die sich für die neue Musik interessieren würden. «Einige Schüler finden es interessant, eine neue Musiksprache zu lernen und ihr Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern», sagt er.

In seiner Freizeit hört Scheidegger keine Klassik. «Klassische Musik muss man live erfahren.» Er ist dafür ein grosser Fan von Prince. «Faszinierend ist bei Prince seine Vielseitigkeit sowie seine überbordenden musikalischen Ideen.» Das, so Scheidegger, sei auch bei einigen zeitgenössischen Komponisten der Fall.

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