Der Eintritt in das frisch renovierte und neu ausgestattete Schwanen-Restaurant ist wie eine Zeitreise in die Jahrhundertwende. Charlotte Bollag hat sich zum Interview an einem der fürs Mittagessen gedeckten Tische gesetzt. Mit ihrer wallenden dunkelbraunen Haarpracht und dem hellen porzellanartigen Teint könnte sie einem Gemälde von Klimt entsprungen sein und passt perfekt in das Jugendstil-Ambiente. Die Interior Designerin hat die 15 luxuriösen Businessappartements und den Gastrobereich des Schwanen ausgestattet.

Es ist der bisher grösste Auftrag für die 33-Jährige, und er verlange ihr viel Fingerspitzengefühl ab: «Ich wollte nicht, dass der denkmalgeschützte Saal überladen wirkt und die Einrichtung ablenkt von den kostbaren Gemälden an Wänden und Decken.» Sie wählte Tische und Holzstühle mit schlanker Silhouette, blaugraue Sitzsofas und raffinierte Stehlampen aus ineinander verschlungenen Plexiglasrohren aus. Bollag liebt es in jeder Beziehung dezent und stilvoll. Im Gespräch wirkt sie warm und herzlich, aber gleichzeitig auch stets eine Spur zurückhaltend.

Rundgang in den neuen Räumlichkeiten der Brasserie:

Die Wohnung, in der sie mit ihrem Verlobten Matthias und drei quicklebendigen Beagles wohnt, liegt wenige Meter neben dem «Schwanen» im «Hirschen»-Neubau und wurde schon für einen Designblog unter dem Titel «Cool, aber nicht kühl» fotografiert. Auch im Privatbereich dominieren dezente Erdtöne und leichtfüssig wirkende Möbel. Jedes noch so winzige Detail ist stimmig. Dass alles extrem ordentlich ist, hat nichts mit Perfektionismus zu tun. «Unsere Vierbeiner Emma, Cookie und Najla machen sich über sämtliche Sachen her, die herumliegen. Deshalb müssen wir immer alles aufräumen», erzählt sie mit einem Lachen. «Schwanen»-Bauherr Hans Rudolf Wyss lernte sie als Nachbarin kennen. Dadurch kam der Grossauftrag zustande.

Chaos im Kinderzimmer gab es schon bei der kleinen Charlotte praktisch nie. Schon im Badener Elternhaus gruppierte sie ihre kleinen Möbel ständig neu und bewies bereits damals eine Ader für Raumgestaltung. Doch es bedurfte einiger Umwege, um zur wahren Berufung zu finden. «Ich war nach dem Abschluss an der Kanti Baden punkto Weiterentwicklung etwas orientierungslos», gibt sie zu. Für die grossgewachsene Herzblut-Aargauerin war aber eines klar: «Ich hatte stets den Ehrgeiz, auf eigenen Beinen zu stehen. Schon in der Schule verdiente ich in den Ferien mit Nebenjobs immer mein eigenes Geld. Und das war gut so.»

Nach Stationen im Verkauf, Marketing und bei einer Eventmanagementfirma folgten ein Handelsschuldiplom und schliesslich die Anstellung in einer Immobilienverwaltung. Berufsbegleitend absolvierte sie ein Fernstudium für Innenarchitektur. «Ich hatte Feuer gefangen und fing an, Freunden private Einrichtungstipps zu geben. Dabei stiess ich im Internet auf eine holländische Möbelmarke, die mir wahnsinnig gut gefiel.» Dass die umtriebige Berufsfrau diese heute in der ganzen Schweiz vertritt und ihr eigenes Unternehmen führt, habe anfänglich viel Mut gekostet. Und eine Portion Glück sei dabei gewesen. «Aber ich habe auch auf vieles verzichtet. Jahrelang jedes Wochenende gearbeitet und keine Ferien genommen», betont Charlotte Bollag und ist überzeugt: «Wenn man etwas wirklich will und extrem hart dafür arbeitet, kann man es auch erreichen.» Ein Teil ihres Kollegenkreises sei wegen der hohen Arbeitsbelastung auf der Strecke geblieben. «Aber ich war sowieso nie die Person, die einen riesigen sozialen Drang hatte. Mit meinen paar wenigen engen Freundinnen, Matthias und den Hunden bin ich vollkommen ausgefüllt und glücklich.»

Kraft schöpfen aus dem Glauben

Die Innenarchitektin mit jüdischen Wurzeln, ihr Vater Josef Bollag ist der Präsident der jüdischen Gemeinde in Baden, isst koscher, hält sich an den Sabbat und bezeichnet sich als gläubigen Menschen: «Es gibt einfach sehr viel Kraft, wenn man an etwas glaubt.» Zurzeit gestaltet Charlotte Bollag den Aussenbereich der Gastronomie vor dem Schwanen. Dann ist ihr Grossprojekt in Ennetbaden zu Ende. Es folgen wieder kleinere private Aufträge. «Ich werde weiterhin hart für meinen Traumjob arbeiten», erläutert sie. Und ist sich über eines im Klaren: «Ich will hierbleiben. Wenn ich im Ausland war, bin ich immer wieder gerne in meine Heimat zurückgekommen. Die Region Baden ist mein Zuhause. Ich möchte nirgendwo anders sein.»