Ausstellungstipp in Baden
Wenn die Wüste zu Eis wird: Ingo Rasp fotografiert den Sahara-Staub in den Schweizer Alpen

Im Februar zog eine orange Staubwolke über das Land. Der Fotograf Ingo Rasp dokumentierte das Phänomen aus neuer Perspektive.

Anna Raymann
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Zerklüftet und verwundet: Ingo Rasps Blick auf die Alpen ist ab heute in Baden zu sehen.

Zerklüftet und verwundet: Ingo Rasps Blick auf die Alpen ist ab heute in Baden zu sehen.

Ingo Rasp

Und dann war die Wüste da. In orangen Wolken schoben sich rund 80000 Tonnen Sand aus der Sahara über das Mittelmeer bis in die Schweiz – das Phänomen des Sahara-Staubs zeigte sich im Februar 2021 eindrücklich. Der Himmel flimmerte gelblich, immer wieder wanderte der Blick unbehaglich angesichts der apokalyptischen Lichtstimmung gen oben.

Auch Ingo Rasp faszinierte das Naturereignis. Der Fotograf aber blickte von oben auf das Geschehen herab – es ist seine liebste Perspektive. Seine Faszination gilt der Schweizer Berglandschaft. Für seine Luftaufnahmen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet.

Er analysiert die Berge genau

In den Alpen hatte sich die sandige Wolke schliesslich niedergeschlagen und lag nun als rostiger Teppich auf Gipfel und Gletscher. Die eindrückliche Färbung nennt man bezeichnenderweise «Blut-Schnee». Der nächste Schneefall überdeckte den Sahara-Staub dann wieder, bevor er im Frühjahr mit der Schneeschmelze ins Tal floss:

Ingo Rasp stieg seit Februar für die Bildserie «Sahara Sand» mehrere Male in den Helikopter, um diesen Prozess zu dokumentieren. Es ist eine aufwendige Arbeit. Die Gegend, die Rasp gemeinsam mit einem Piloten überfliegt, analysiert er bereits im Vorfeld genau. Satellitenaufnahmen geben Aufschluss über Bergkämme, die sich kaum besteigen lassen.

Von oben sieht alles anders aus

Der Fotograf findet aus dem Helikopter heraus Blickwinkel, die aus Fels und Gestein abstrakte Zeichnungen machen. Aus Flussläufen werden schwungvolle Linien, aus Schneefeldern sanfte Flächen. Weder Horizont noch Vegetation geben einen Anhaltspunkt über die Proportionen: Ist das rostige Adergeflecht die Vergrösserung eines kleinen Details oder erstreckt es sich über mehrere Meter? Das Bild lässt es offen.

Überhaupt lassen die Aufnahmen, die Ingo Rasp mit seiner Kleinbildkamera macht, vieles im Vagen. Schatten verlaufen weich ineinander, die Kontraste sind zurückgenommen. Die Vogelperspektive schupst den Blick mutig aus dem Gleichgewicht, aus dem «Oben» wird so rasch ein «Unten». Ja, so hat man die Alpen wahrscheinlich nur selten gesehen.

Selbst die massivsten Berge brechen

Seit vielen Jahren fotografiert Ingo Rasp die Schweizer Bergwelt. Der Architekturfotograf, der in Zürich und Chur lebt, kennt sie gut und weiss, wie sie sich verändern.

Die Klimakrise ist in seiner Arbeit zwar kaum explizites Thema. Und doch: Die Gletscher schrumpfen, Erdrutsche ziehen den Berg mit sich. Auf Bild ist das «Davor» und das «Danach» festgehalten. Die Bildserie «Sahara Sand» ist Teil dieser eindrücklichen Langzeitstudie. In ihrer überraschenden Abstraktion zeigt sie ein Massiv, das verletzlich ist.

Die Fotografie ist für Ingo Rasp in diesem Sinne auch ein Werkzeug, das diese Vergänglichkeit festhält. Und so passt der Titel, der heute eröffnenden Ausstellung in der Galerie 94 in Baden: «The Phenomenon of Memory» – das Phänomen der Erinnerung.

Ingo Rasp, The Phenomenon of Memory: Vernissage 13.1. ab 19 Uhr, Artist Talk am 29.1., Galerie 94, Baden.