Als Teenager liess sich das Zitat «Veni, vidi, vici» auf den linken Unterarm tätowieren. «Ich kam, sah und siegte» – passender lässt sich die schier unglaubliche Biografie des heute 30-jährigen Film-Regisseurs mit Wettinger und Badener Wurzeln nicht zusammenfassen, auch wenn er bescheiden sagt: «Viel habe ich doch gar noch nicht erreicht.» Tatsache ist: Kellers Debüt-Film «Gloria» über eine mexikanische Sängerin haben dort schon mehr als eine Million Menschen gesehen.

«Gloria» – der Trailer zum Film von Christian Keller

«Gloria» – der Trailer zum Film von Christian Keller

Am Sonntag feiert der Film Schweiz-Premiere im Badener Kino «Sterk». Das Verrückte ist die Produktionsgeschichte: Ohne je einen Film gedreht zu haben und ohne Referenzen schaffte es Keller, ein Top-Team zu engagieren – unter anderem den Oscar-gekrönten Produzenten von «Lord of The Rings».

Matura im Selbststudium

Der Reihe nach: Keller wurde 1986 als Sohn eines Wettingers und einer Grazerin im Kanton Zürich geboren, wo er auch aufwuchs. Er spricht mit österreichisch gefärbtem Hochdeutsch, fühlt sich aber als Schweizer. Seine Aargauer Wurzeln sind mit ein Hauptgrund dafür, dass die Schweizer Premiere ausgerechnet in Baden stattfindet.

«Ich habe als Kind jedes Jahr Ferien bei meiner Tante verbracht, die an der Wettinger Tägerhardstrasse wohnt. Oft verbrachte ich auch viele Stunden im Lädeli meiner Grossmuter in der Badener Halde. Bis heute besuche ich Baden jedes Jahr, und natürlich kenne ich die Badener Kinos Trafo und Sterk sehr gut», erzählt er im Telefongespräch mit der az, das er von Neuseeland aus führt.

Mit 14 schmiss Christian Keller die Sekundarschule, ohne Erlaubnis der Eltern natürlich. Er schickte der Schule einen Fax, er wolle sich lieber alles selber beibringen. Die Matura schaffte er später im Selbststudium. Schon zu dieser Zeit war Keller von Filmen begeistert, vor allem auch von der Musik. Besonders angetan hatte es ihm Hans Zimmer, der für «Gladiator» und «Pearl Harbor» komponierte.

«Als ich 16 war, wollte ich Zimmer unbedingt kennen lernen. Ich habe ein paar Zeilen verfasst und an eine E-Mail-Adresse geschickt, von der ich dachte, es könnte die Richtige sein.» Die Nachricht traf tatsächlich bei Hans Zimmer ein, dieser lud Christian Keller zu sich in die USA ein. «Dieses Erlebnis zeigte mir: Man sollte seiner Intuition, seinen Träumen folgen.»

«Ich war jung und naiv»

Vier Jahre später, 2005, stiess Keller auf die Idee für seinen Film. In der «Los Angeles Times» las er einen Artikel über die mexikanische Musikerin und Schauspielerin Gloria Trevi, «Mexikos Madonna», die über 20 Millionen Platten verkaufte und ab dem Jahr 2000 einige Jahre im Gefängnis verbrachte. Eine Ex-Frau ihres damaligen Ehemanns warf ihm sexuellen Missbrauch junger Mädchen vor; sie behauptete, Gloria Trevi wäre an diesen Vorgängen ebenfalls beteiligt gewesen. Die Anklage wurde nach fast fünf Jahren mangels Beweisen fallengelassen, Trevi aus dem Gefängnis entlassen.

Keller hatte noch nie von der umstrittenen Sängerin gehört, aber ihm war sofort klar, dass er hier alle Elemente eines grossen Spielfilms vor sich hatte. Und Keller verspürte den brennenden Wunsch, Regie zu führen. Nur: Er hatte weder eine Ausbildung noch irgendwelche Erfahrung als Filmemacher. Noch nicht einmal einen Kurzfilm hatte er vorzuweisen. «Ich war jung und sehr naiv», sagt er heute. «Ich dachte, es würde ein Jahr, vielleicht zwei Jahre dauern, um den Film zu realisieren.» Schliesslich wurden es zehn.

Keller fing an, Leute anzurufen, von denen er dachte, sie könnten ihm helfen. Angefangen bei Gloria Trevi selber. «Ich glaube, sie mochte die Art und Weise, wie ich ihre Geschichte betrachtete. Unvoreingenommen und neutral – wie ein typischer Schweizer halt», sagt er lachend. «Mein Ziel war es, die Geschichte eines Mädchens zu erzählen, das nach Liebe suchte, was sie an einen dunklen Ort brachte.» Keller reiste mehrmals nach Mexiko und schaffte es, sich die Rechte an Trevis Geschichte zu sichern.

Begeisterung in Hollywood

Um ein Filmteam zusammenzustellen, rief er hier und dort an – und erhielt erst nur Absagen. «Kein Wunder, ich hatte ja rein gar nichts vorzuweisen ausser einer Idee.» Erfolg hatte er ausgerechnet bei Barrie M. Osborne, Oscar-Preisträger und Produzent der «Herr der Ringe»-Trilogie. Zum Filmteam stiessen Produzent Alan B. Curtiss («Cast Away», «The Green Mile», «The Truman Show»), die französische Cutterin Patricia Rommel («Das Leben der Anderen») sowie Matthias Ehrenberg, einer von Mexikos bekanntesten Produzenten.

«Ein 19-jähriger Typ aus der Schweiz ohne Verbindung zu Mexiko rief mich aus dem blauen heraus an, mit der verrückten Idee, diesen Film über eine unserer Ikonen zu machen», lässt sich Ehrenberg im Presseheft zum Film zitieren. «Ich fragte, ‹Christian wer›? Aber nach unserem Gespräch fand ich es eine grossartige Idee. Es ist eine fantastische Geschichte, er hatte ein solides Drehbuch, und ich war von ihm einfach begeistert.»

Unerwartete Schwierigkeiten bereitete dann plötzlich Gloria Trevi: «Sie wollte den Film verbieten, drohte uns zu verklagen, zweimal.» Während des Streits ging Keller das Geld aus, er lebte in einem Camper an der mexikanischen Grenze. «Ich machte mir Sorgen und dachte ‹Christian, jetzt bist du 27, arbeitest seit acht Jahren nur an diesem Film, aber hast noch immer nichts vorzuweisen›.» Auch die Finanzierung sei ein schwieriger, mehrjähriger Prozess gewesen. «Doch zum Glück kam alles gut.»

Die Kritiker sind begeistert von «Gloria», der elf der wichtigsten Trevi-Songs beinhaltet und so eine Art Musical-Film geworden ist. «Ein hochstehendes Popstar-Porträt», schreibt zum Beispiel die «New York Times». Und sogar Gloria Trevi habe sich bei der Premiere dann doch noch persönlich bedankt, erzählt Keller.

Der Film-Erfolg mache ihn schon ziemlich stolz. «Ich habe hart gearbeitet, alles für den Erfolg getan, so viel wie möglich über die Arbeit eines Regisseurs gelesen und viele Gespräche geführt.» Und vor allem sei er seiner Intuition gefolgt. «Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, Risiken einzugehen. Es bezahlt sich aus, den unsicheren, aber spannenden Weg zu gehen.»