«Du warst doch auch so begeistert und fasziniert von diesem Gauck, erklär uns das doch mal!» Journalisten sind von Berufs wegen nicht unbedingt Zyniker, aber sie legen – insbesondere unter Kollegen – viel Wert auf eine abgeklärte Distanz. Das war auch am Tag nach dem Auftritt des deutschen Pastors und Bürgerrechtlers Joachim Gauck am 16. Januar 2012 in Baden nicht anders: Für die, die an diesem Abend dabei waren, war es eine Sternstunde. Diese Begeisterung machte uns suspekt.

Versuchen wir es trotzdem. Was ist das Geheimnis Gauck? Was hat er, was andere nicht haben? Warum traf er auch im Trafo Baden den Nerv der 800 Zuhörerinnen und Zuhörer?

Die Gabe der freien Rede

Erstens, weil Joachim Gauck eine seltene Gabe hat, die Gabe der freien Rede. Mit jedem Wort spürt man, hier geniesst es einer in vollen Zügen, endlich, endlich nach vielen Jahren in der Unfreiheit der DDR frei reden zu dürfen. Ohne Tabus und ohne Bücklinge nach links und rechts sprudelt bei Gauck das freie Wort. Pastor Gauck geniesst die Freiheit und er geniesst es, für die Freiheit auch in der Schweiz eine volle Kirche zu haben.

Zweitens, weil Joachim Gauck jedes Mal, wenn man als Zuhörer langsam abhängen und eigenen Gedanken nachgehen wollte, seine Erfahrungen mit unseren in eine natürliche Beziehung setzt. So spricht er uns ganz privat an, wenn er von der «Schönheit der Freiheit» redet: «Es ist wie in der Ehe, da muss man sich auch anstrengen, wie für die Freiheit.»

Drittens, weil Joachim Gauck den Geist der Geschichte atmet. Hier spricht einer mit 72 Jahren Erfahrung, Erfahrungen mit den Wunden des Faschismus und der Unfreiheit des verordneten Kommunismus. Dann, als Bürgerrechtler Erfahrungen mit der Befreiung aus der Unfreiheit. Und als Leiter der Stasi-Behörde war er das Gesicht der Aufarbeitung dieses Unrechtsstaates. Der Pastor als Beichtvater der Nation.

Viertens, weil Joachim Gauck mit seiner Geschichte auch unsere Geschichten versteht. Denn die Geschichte der DDR, so fern sie uns hier in der Schweiz auch sei, hat auch was mit uns heute zu tun. Und zwar immer dann, wenn Angst die Seele isst oder wie es Gauck in Baden fragte: «Ist die Furcht vor der Freiheit so etwas Fremdes in der Schweiz? Ist die Demokratie so schwach, dass wir neue politische Bewegungen aus Angst schaffen müssen?» Und diese Angst, sagte Gauck in Baden, «macht kleine Augen, ein enges Herz und schafft Kleinmut».

Und fünftens redet Gauck nie wie ein parteiischer Politiker für wenige, sondern von der Freiheit für alle.