Der süsse Duft von Karamell und Zuckerwatte, die lockere und heitere Stimmung. Das wollte Kevin Leuthard im letzten Dezember unbedingt noch einmal erleben. Also begleitete er seinen Vater zwei Wochen lang mit dem familieneigenen Verkaufsstand an die Weihnachtsmärkte. «Diese Zeit ist zwar immer die stressigste. Doch ich wusste, dass ich meinem Vater in der nächsten Zeit nicht mehr oft beiseitestehen kann», sagt er. Denn: Neben einer neuen Arbeitsstelle, die Leuthard im Juli antritt, feierte er am Wochenende die Eröffnung seiner Kunstgalerie.

Kevin Leuthard spricht über zwei seiner wichtigsten Bilder.

Kevin Leuthard spricht über zwei seiner wichtigsten Bilder.

Kevin Leuthard sitzt in der kleinen, aber feinen Galerie im Oederlin-Areal in Ennetbaden. Umgeben ist er von seinen Bildern: Leinwände verschiedener Grössen, die er mit Papierknäueln, CDs, Spiegeln und bunten Sprühfarben zu abstrakten Kunstwerken gestaltet hat. «Die Leidenschaft für die Kunst habe ich zufällig entdeckt», sagt er und fügt an: «Ich habe meiner Mutter vor drei Jahren zu Weihnachten ein Bild gemalt. Dann wuchs plötzlich die Lust, etwas Grosses auf Leinwand zu bringen.» Seither gestaltet er in seiner Freizeit Bilder.

Oederlin-Areal perfekter Standort

Die ersten paar Jahre malte Leuthard nur für sich zu Hause in Künten. Später ermutigten ihn Kollegen und Familie, die Werke auszustellen. «Auch, weil der Platz im Geschäft meines Vaters in Stetten immer enger wurde.» In der Galerie im Oederlin-Areal hat Leuthard nun genug Raum, um seine Bilder dem Publikum zu präsentieren. «Ich finde den Standort genial, die Mieter sind bunt durchmischt. Das passt gut zu mir und meinen Bildern», sagt Leuthard. So befinden sich auf dem Areal zahlreiche Betriebe – von der Bier-Brauerei, zum Architekturbüro bis hin zum Kampfkunststudio und Fotografie-Atelier.

31. Juli 1999: Kevin Leuthard wartet an der Chilbi in Horgen auf Marktbesucher, um ihnen ein Softeis zu verkaufen. zvg

31. Juli 1999: Kevin Leuthard wartet an der Chilbi in Horgen auf Marktbesucher, um ihnen ein Softeis zu verkaufen. zvg

Obwohl der Künter erst 21-jährig ist, hat er in seinem Leben vieles erlebt – allen voran mit seinem Vater, der seit über 20 Jahren als Marktfahrer in der Deutschschweiz unterwegs ist. «Als Kind verkaufte ich den Besuchern Softeis. Das fand ich damals richtig cool.» Noch heute, wenn er ihn zu Wochenmärkten, Chilbis oder Festen begleitet, steht er hinter der Softeismaschine. Doch nicht die Glace ist die Spezialität des Familienbetriebs, sondern die zahlreichen Confiserie-Produkte – beispielsweise die gebrannten Mandeln. «Mittlerweile bringe ich die perfekten Mandeln hin», sagt Leuthard und lacht. Entscheidend sei, die exakte Menge bei einer bestimmten Temperatur zu mischen und im richtigen Moment mit Wasser abzulöschen. «Das tönt zwar einfach, ist es aber nicht.»

Kevin Leuthard hilft seinem Vater beim Betrieb des familieneigenen Verkaufsstands. Schon als Kind begleitete er ihn an Märkten, Chilbis und Festen in der Deutschschweiz. Hier bedient er Besucher an der Softeismaschine.

Kevin Leuthard hilft seinem Vater beim Betrieb des familieneigenen Verkaufsstands. Schon als Kind begleitete er ihn an Märkten, Chilbis und Festen in der Deutschschweiz. Hier bedient er Besucher an der Softeismaschine.

Das Marktfahren stellt für Leuthard seit je einen Ausgleich dar – erst zum Schulalltag, später zur Lehre, nun zu seinem Beruf als Kaufmann auf dem Steueramt der Gemeinde Fislisbach. «Wenn wir an den Wochenenden unterwegs sind, arbeiten wir bis spätabends», sagt er. Das sei körperlich anstrengend, dennoch könne er gut abschalten. «Das Marktfahren ist unglaublich abwechslungsreich. Es gibt jede Menge zu beobachten und viel zum Schmunzeln.» Ein Beispiel: Am Weihnachtsmarkt in Zürich seien die Leute gestresst, in Einsiedeln hingegen würden sich die Marktbesucher Zeit nehmen und auch gerne mal einen Schwatz halten. «An den kleineren Märkten, etwa in Bremgarten, gibt es Besucher, die immer wieder zu uns kommen», sagt Leuthard. Das seien jeweils sehr schöne Momente.

Ob er nie überlegt hat, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen? Kevin Leuthard lacht und sagt: «Er hat noch einige Jahre vor sich.» Nach seiner Pensionierung jedoch könne er es sich durchaus vorstellen – «wenn mit der Kunst nichts wird.» Er freue sich aber erst einmal auf seine neue Arbeitsstelle als Immobilienbuchhalter in Zürich. «Für das Marktfahren habe ich später noch genug Zeit.»

Montagsporträt des jungen Künstlers Kevin Leuthard (21) aus Künten. Der Kaufmann arbeitet vollamt auf der Verwaltung Fislisbach und eröffnet im Oederlin-Areal sein erstes Kunstatelier mit Galerie unter dem Label "ART Leuthard". Im Bild: Detail aus dem Gemälde "20th".

Detail aus dem Gemälde "20th".

Montagsporträt des jungen Künstlers Kevin Leuthard (21) aus Künten. Der Kaufmann arbeitet vollamt auf der Verwaltung Fislisbach und eröffnet im Oederlin-Areal sein erstes Kunstatelier mit Galerie unter dem Label "ART Leuthard". Im Bild: Detail aus dem Gemälde "20th".

Für den jungen Künstler ist es nicht das erste Mal, dass er seine Werke der Öffentlichkeit präsentiert: Im Oktober des letzten Jahres stellte er im Rahmen von «Kultur in Fislisbach» vier Bilder aus. «Die Reaktionen waren durchweg positiv. Das hat mich auch motiviert, eine eigene Galerie zu eröffnen», sagt Leuthard. Dass er seinen Traum nun realisieren konnte, verdankt er unter anderem seinem ehemaligen Partner, Tiago Gonçalves. «Als ich ihm von meinen Plänen erzählte, sagte er sofort: Ich bin dabei.» Gonçalves wird denn auch abwechslungsweise mittwochs, samstags und sonntags, wenn die Galerie geöffnet ist, vor Ort sein.

«Sheraton»-Bild ist unverkäuflich

Die Inspiration holt sich Kevin Leuthard im Alltag. «Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte», sagt er. Das Bild «Twentieth» hat er beispielsweise anlässlich seines 20. Geburtstags im 2015 gemalt, das Bild «Sheraton» – sein allererstes – im 2014. Damals fand in jenem Hotel ein besonderes Ereignis statt, auf das er nicht näher eingeht. Seine Bilder wird er zwischen 290 und 1650 Franken verkaufen. Die Preise festzusetzen, sei schwierig gewesen, sagt er: «Einerseits ist jedes Werk ein Unikat und wäre daher eher teuer zu verkaufen.» Andererseits sei er als Künstler kaum bekannt, weshalb die Preise nicht allzu hoch sein sollten. Einzig beim «Sheraton»-Bild war er sich von vornerein sicher: «Das ist unverkäuflich, denn es ist mein Lieblingsbild.» Die Farben und die Geschichte dahinter würden ihm sehr gefallen. Und ohnehin: «Ich will mit der Galerie nicht primär Geld verdienen, sondern mich künstlerisch ausleben können», sagt er und fügt an: «Ich glaube, es kommt gut.» Und falls nicht, lockt jederzeit der süsse Duft von Karamell und Zuckerwatte.