In 23 Jahren
Wie sich die Würenloser Rugbyszene vom Dauerverlierer zur Talentschmiede wandelte

Die Weltsportart Rugby interessiert in der Schweiz nur wenige. Nicht so in Würenlos: Im 6300-Seelen-Dorf entstand ein richtiger Rugby-Hype. Zu verdanken ist dies unter anderem Urs Hoessly.

Joel Kälin
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Rugbyclub Würenlos Im Training der U-18 geht es zur Sache.
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Rugbyclub Würenlos Dieser Junior will beim Line-Out hoch hinaus.
Rugbyclub Würenlos Ein Blick zwischen die Fronten bei der Standardsituation «Scrum».
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Rugbyclub Würenlos Hoesslys Trainerkollege Angelo Olivieri posiert mit seinen U-18-Junioren.
Rugbyclub Würenlos Dieses Tackling kommt leider zu spät. Der Ball ist bereits weg.
Rugbyclub Würenlos Dieses Rugby-Ei hat bestimmt schon einiges mitgemacht.
Rugbyclub Würenlos Trainer Urs Hoessly beobachtet das Treiben im Schnee.
Rugbyclub Würenlos Die Spieler ringen sich gegenseitig zu Boden.
Rugbyclub Würenlos Alle Augen richten sich auf den Ball.
Rugbyclub Würenlos Ob der Ball wohl den richtigen Abnehmer fand?
Rugbyclub Würenlos Die Spieler sind in ihrem Element.
Rugbyclub Würenlos Die Kälte kann ihnen nichts anhaben.
Rugbyclub Würenlos Das Fanionteam übt derweil das "Line-Out" in der Würenloser Mehrzweckhalle.
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Rugbyclub Würenlos Auch das Passspiel will gelernt sein.
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Rugbyclub Würenlos Im Training der U-18 geht es zur Sache.

Heute startet mit dem diesjährigen Six-Nations-Turnier eine Sportveranstaltung der Superlative: Bis zu 80 000 Zuschauer in den Stadien und Millionen vor dem Fernseher fiebern mit, wenn die Rugbygrossmächte England, Frankreich, Irland, Wales, Schottland und Italien den Titel unter sich ausmachen. So populär Rugby in diesen Nationen auch ist, in der Schweiz handelt es sich nach wie vor um eine Randsportart.

Doch nicht so in der Region Baden: Hier hat sich in den letzten 23 Jahren einiges getan. Intensive Fights mit Grasflecken auf Trikots und Shorts sowie blauen Flecken am ganzen Körper – das gibt es nicht nur in den Arenen des Six-Nations-Turniers, sondern auch auf dem Sportplatz des Würenloser Schulareals.

Seit 1994 treffen sich hier die Spieler des Rugby Clubs Würenlos zum Training. Zu verdanken ist dies unter anderem dem Würenloser Realschullehrer Urs Hoessly, dem Gründer des Rugby Clubs. Offiziell gehört er nicht mehr dem Trainerstab an, engagiert sich aber nach wie vor stark für seinem Klub. Der 51-Jährige steht immer noch häufig an der Seitenlinie.

So auch an diesem Tag im Januar – beim Training der U18-Junioren: Mit strengem Blick beobachtet Hoessly zusammen mit seinem Trainerkollegen Angelo Olivieri die Fortschritte der Schützlinge auf dem roten Kunststoffplatz. Die Spieler bilden zwei Gruppen. Dann liefern sich die Junioren auch schon eine umkämpfte Partie. Alle rennen leichtfüssig durch den Schnee. Die Kälte kann ihnen nichts anhaben. Sie sind in ihrem Element. Das Rugby-Ei wird hin und her gepasst, mit dem Ziel, irgendwann die Abwehrreihe des gegnerischen Teams zu durchbrechen. Die Spieler ringen sich gegenseitig zu Boden. Sie wälzen sich im Schnee und sind in Weiss getaucht.

Hoessly erinnert sich noch genau, wie seiner Zeit alles angefangen hat: «Ich sah mich damals im Sportunterricht mit dem Wunsch der Schüler konfrontiert, einmal Rugby zu spielen.» Aber er hatte überhaupt keine Ahnung von dieser Sportart. Also nahm er ein altes Lehrbuch zur Hand und studierte es. «Danach begaben wir uns nach draussen und spielten eine Partie. Die anderen Schüler staunten nicht schlecht. Immer mehr wollten mitspielen», sagt Hoessly. Das Spiel faszinierte aber nicht nur die Schüler, sondern auch Hoessly. «Mir wurde bald bewusst, dass Rugby wie für mich geschaffen war. Denn man lernt, an seine Grenzen zu gehen», sagt der 51-Jährige. Bald bot er Rugby als Schulsport an. Schliesslich kam es zur Gründung des RC Würenlos – die Geburtsstunde des ersten Klubs im Aargau.

Neunjährige Durststrecke

Vor allem zu Beginn musste man beim Verein oft untendurch: Es war schwierig, Mitglieder zu finden. So kam es oft vor, dass die Rugbyspieler nur zu viert auf dem Trainingsgelände standen. Auch in sportlicher Hinsicht lief es längere Zeit nicht nach Plan: «Es dauerte ganze neun Jahre, bis wir unser erstes Spiel gewinnen konnten», sagt Hoessly mit einem Lachen. Dann wird seine Mine wieder ernster. Die Truppe sei hartnäckig geblieben und liess sich keineswegs unterkriegen. Die Hartnäckigkeit hat sich bewährt: «Diese Durststrecke hat uns noch enger zusammengeschweisst», sagt Hoessly.

Heute besteht alleine das Fanionteam aus rund 40 Spielern. Es kämpft zurzeit in der Nationalliga C – der dritthöchsten Schweizer Rugbyliga – um den Aufstieg. Dazu kommen neben einem zehnköpfigen Trainerstab auch gut 80 Nachwuchsspieler, die für die Juniorenmannschaften auflaufen. Damit hat der RC Würenlos eine der grössten Jugendabteilungen in der Deutschschweiz. Und auch eine der Erfolgreichsten: Die U18 – das Aushängeschild des Vereins, wie sie Hoessly selbst nennt – steht momentan auf dem viertbesten Tabellenplatz in der Swiss-U18-League.

Eine kleine Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass die Jugendlichen im Winter auf dem roten Kunststoffplatz trainieren müssen, weil die Gemeinde den Rasen im Winter sperrt, um ihn zu schonen. «Egal ob es regnet oder schneit, die U18 trainiert draussen – auch im Winter.» Das härte ab und die Jugendlichen seien selten krank, erklärt Hoessly. «Gemotzt wird nicht, das würde auch nicht zum Sport passen.»

Die Würenloser Cup-Sensation

Heute ist die Vereinsgeschichte des Rugbyclubs von einigen schönen Erfolgen gekrönt. Unter anderem der Vize-Meister-Titel im Rugby Sevens (7er-Rugby) im Jahr 2004 und der Triumph vor acht Jahren im Cupwettbewerb (15er-Rugby) gegen den favorisierten RC Luzern, in dem sich die Würenloser zu neunt gegen fünfzehn Luzerner durchsetzten, lassen Hoessly in Erinnerungen schwelgen. Er lobt dabei das Engagement aller Beteiligten. «Ich sehe das nicht als meinen Verdienst an, jedes Vereinsmitglied hat seinen Teil dazu beigetragen. Darum stehen wir heute hier», sagt er.

Einige ehemalige Schüler konnte Hoessly für den Sport begeistern. Unter anderem auch Oliver Wolf. Der 39-Jährige ist seit der Gründung mit dabei und ist Vereinspräsident. Er schätzt den jahrelangen Einsatz Hoesslys: «Obwohl Urs offiziell keine Trainings mehr leitet, springt er immer ein, wenn ein Coach fehlt. Zudem kümmert er sich zusammen mit Ursi von Arx um die Administration. Wenn es ihm irgendwie möglich ist, ist er zur Stelle.»
Ein weiterer ehemaliger Schützling

Hoesslys ist Jeremy Toa (siehe Interview). Toa erinnert sich gerne an seine Zeit beim RC Würenlos: «Ich habe viel von Urs gelernt, nicht zuletzt durch die anstrengenden Trainings. Auch menschlich hat er mich stark geprägt.» Hoessly coacht jedoch nicht nur von der Seitenlinie aus, sondern spielt auch selber in der ersten Mannschaft mit. In seinem Alter kann er mit den fast 30 Jahre jüngeren Spielern gut mithalten, denn er ist körperlich topfit. Das ist von Vorteil, bei einer physisch intensiven Sportart wie Rugby.

Umkämpft, aber fair

Doch was sagt Hoessly zum gängigen Klischee, Rugby sei eine Sportart, bei der ohne Rücksicht auf Verluste der Gegner in die Mangel genommen und um den Ball gerauft wird? «Ganz so skrupellos geht es nicht zu und her», sagt er. Im Gegenteil: Die Gangart sei zwar hart umkämpft, doch Werte wie Respekt, Disziplin, Zusammenhalt, Teamgeist und Fairplay seien im Rugby extrem wichtig. «Rugby ist eine wahre Lebensschule.» Das wolle man beim RC Würenlos allen Mitgliedern weitergeben. Der Realschullehrer macht aber keinen Hehl daraus, dass es zu Verletzungen kommen könne. Jedoch müsse man sich seinen Ängsten stellen, um im Leben weiter zu kommen. Nach einer Verletzung komme man umso stärker zurück, erklärt Hoessly.

«Jeder muss sich mal austoben und seine Aggressionen rauslassen können.» Auf dem Feld werde zwar gekämpft, aber mit fairen Mitteln. Ein altes britisches Sprichwort lautet übrigens folgendermassen: «Fussball ist eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart und Rugby ist eine von Gentlemen gespielte Raufbold-Sportart.» Noch steht Rugby im Schatten des Fussballs. Ob sich hierzulande jemals etwas daran ändert, steht in den Sternen. Hoessly ist jedoch optimistisch gestimmt: In 20 Jahren könnte Rugby ähnlich populär sein.

Drei Klubs sind eine Familie

Die jüngsten Entwicklungen sprechen für sich. Die lokale Rugbyszene wächst und wächst. Heute gibt es mit den «Hausen Baboons» und den «Baden Banditos» zwei weitere Rugbyclubs in der Region. «Rugby verbindet, wir gehören alle zur selben Familie», sagt Hoessly. Wortwörtlich – denn beide Vereine wurden von Spielern des RC Würenlos gegründet.

Praktikant Joel Kälin absolviert die Fachmaturität Kommunikation an der Neuen Kantonsschule Aarau. Diese Doppelseite ist Teil seiner Fachmaturitätsarbeit.

Das Rugby-Einmaleins

- Rugby kann in verschiedenen Varianten gespielt werden. Die weltweit Bekannteste ist das 15er-Rugby, auch Rugby Union genannt. Auch beim RC Würenlos wird diese Variante ausgeübt. Hier sind ein paar wichtige Grundregeln:

- Das Rugby-Ei darf von Hand nicht nach vorne, sondern nur nach hinten oder zur Seite gepasst werden. Raumgewinn kann ausschliesslich durch das Laufen mit dem Ball oder das Kicken des Balles erzielt werden.

- Einzig der ballführende Spieler darf von der verteidigenden Mannschaft mittels Wegschieben oder Tackling (Tiefhalten) attackiert werden.

- Beim Tackling umgreift der Verteidiger den Angreifer und versucht so seinen Gegenspieler respektive den Rugbyball vom eigenen Malfeld (Zone hinter der Torlinie des Spielfeldes) fernzuhalten. Dabei gilt: Angriffe über Schulterhöhe sind verboten.

- Punkte können erzielt werden, wenn man die Abwehrreihe des Gegners durchbricht und den Ball im gegnerischen Malfeld niederlegt (Try). Weitere Punktgewinne sind möglich, wenn ein Spieler den Ball mit dem Fuss ins H-förmige Rugby-Tor schiesst. Dabei muss das Spielgerät über die Querlatte und zwischen die beiden Torpfosten (Malstangen) getreten werden.

Wer mehr über den faszinierenden Sport erfahren möchte, besucht am besten mal ein Spiel des RC Würenlos oder verfolgt eine Partie des Six-Nations-Turniers vor dem Fernseher oder in einem Pub. (jok)