Bellikon

Wie sich eine Aargauerin nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma zurück ins Leben kämpft

Erika De Candido (r.) trainiert mit einem speziellen Computer-Programm ihre kognitiven Fähigkeiten. Neuropsychologin Patrizia Dall’Acqua ist zufrieden mit den Fortschritten.

Erika De Candido (r.) trainiert mit einem speziellen Computer-Programm ihre kognitiven Fähigkeiten. Neuropsychologin Patrizia Dall’Acqua ist zufrieden mit den Fortschritten.

Der Heilungsprozess eines schweren Schädel-Hirn-Traumas kann Jahre dauern. Erika De Candido tastet sich bereits nach kurzer Zeit wieder an ihren Job – mit vielen Auf und Abs.

Nur sieben Monate, nachdem Erika De Candido mit dem Fahrrad verunfallte, ist sie an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt: Die Maschineningenieurin arbeitet heute in einem 50-Prozent-Pensum als Teamleiterin im Bereich Forschung und Entwicklung bei der ABB in Turgi. «Es ist nicht alltäglich, dass Patienten nach einem Schädel-Hirn-Trauma so früh und in einem hohen Pensum wieder in den Arbeitsprozess einsteigen», sagt Patrizia Dall’Acqua, Neuropsychologin an der Rehaklinik Bellikon. Denn bei Patienten, die eine schwere Schädel-Hirnverletzung erlitten haben, rechne man mit einem längeren Heilungsprozess, der über Jahre dauern könne. «Ob sie dabei zur Normalität zurückkehren können, ist nicht in allen Fällen gesichert.»

Doch von vorn: Es ist der 26. Juli 2018, als Erika De Candido, 37, um halb acht Uhr morgens mit dem Velo zur Arbeit fahren will. 200 Meter von ihrer Wohnung in Ennetbaden entfernt stürzt sie vom Fahrrad und bleibt regungslos am Boden liegen. Durch den Aufprall erleidet sie nicht nur ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, sondern bricht sich auch das Schlüsselbein und eine Rippe. «Vom Moment des Aufpralls an erinnere ich mich an nichts mehr. Auch, was in den folgenden zwei Wochen geschah, ist mir unbekannt», sagt De Candido, als wir die gebürtige Italienerin in der Rehaklinik treffen. «Ein Auto war involviert. Was genau passiert ist, weiss jedoch niemand.»

Nach dem Unfall wird sie ins Kantonsspital Aarau gebracht, wo sie am Kopf operiert wird. Dabei öffnen ihr die Ärzte unter anderem die Schädelkalotte, um die Hirnblutung zu stillen. Anfang August kommt sie nach Bellikon. «Erst als ich in die Rehaklinik verlegt wurde, funktionierte mein Erinnerungsvermögen wieder», sagt Erika de Candido. Die Erinnerung ist zwar zurück, jedoch hat sie allerlei Beschwerden: Sie hat Kopfschmerzen, ist stets müde, kann sich schlecht Sachen merken und hat Mühe, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Zudem ist sie lärmempfindlich.  

Nichtsdestotrotz: Sie kämpft sich während der stationären Neurorehabilitation ins Leben zurück. In den folgenden zwei Monaten stehen in Bellikon verschiedenste Therapien an, darunter im Bereich Neuropsychologie, Physiotherapie und berufsorientierte Ergotherapie. Sie erhält psychotherapeutische Unterstützung, besucht Entspannungsgruppen, macht lange Spaziergänge und meditiert. «Meine körperlichen Fähigkeiten erlangte ich relativ rasch zurück», erinnert sie sich. Anders sieht es bei der kognitiven Leistungsfähigkeit aus: «Zu Beginn machte ich auch hier rasche Fortschritte. Jedoch folgte eine Zeit, in der meine kognitiven Fähigkeiten – trotz Training – keinen Schritt besser wurden.»

Mittels Computerprogramm lernt Erika De Candido, gleichzeitig mehrere Inputs zu verarbeiten.

   

Unterstützung aus Italien

Es ist eine Phase, die für die ehrgeizige Frau ganz und gar nicht einfach zum Handhaben ist. «Neben den Beschwerden kam hinzu, dass ich ständig nervös war und schlecht schlafen konnte», sagt sie. «Ich musste lernen, mit dieser Situation erst umzugehen.» Denn: De Candido war es gewohnt, stets die Kontrolle über ihren Körper zu haben und auf ihre Ressourcen zurückzugreifen, wenn sie diese benötigte. «Seit dem Unfall ist es so, dass mir mein Körper vorgibt, was ich tun kann und lassen soll. Daran muss ich mich noch gewöhnen.» In dieser für sie speziellen Situation bekommt sie Unterstützung von ihre Familie und ihren Freunden, die von Udine, einer Stadt im Nordosten Italiens, nach Bellikon fahren. «Das hat mir extrem viel Kraft gegeben und mich motiviert, nicht aufzugeben», sagt De Candido und lächelt. Dank dem Support ihrer Liebsten und der Therapien, denen sie hartnäckig nachgeht, verbessern sich ihre geistige Leistungen.

Im September letzten Jahres wechselt sie schliesslich von der stationären in die ambulante Reha, die sie anfangs bis zu dreimal pro Woche besucht. Bereits im Februar dieses Jahres steigt sie wieder mit einem 10-Prozent-Pensum in den Arbeitsprozess ein. «Zu Beginn war es schwierig, schon nur einer Sitzung mit drei Personen zu folgen», sagt sie. «Heute geht das schon viel besser.» Dies sei auch auf die Unterstützung ihres Arbeitgebers zurückzuführen, der während der Reha voll und ganz hinter ihr stand. «Dafür bin ich meinen Vorgesetzten und meinen Arbeitskollegen sehr dankbar!»

Aktuell arbeitet Erika De Candido an drei Halbtagen die Woche im Büro in Turgi und einen Tag von zuhause aus. Einmal pro Woche besucht sie ihr ambulantes multidisziplinäres Therapieprogramm in Bellikon. «Ich bin in den letzten Monaten belastbarer geworden und kann mich länger konzentrieren. Dabei hat mir Yoga super viel geholfen.» Dass sie sich so rasch von einem Schädel-Hirn-Trauma erholt, hat laut Neuropsychologin Patrizia Dall’Acqua mit mehreren Faktoren zu tun: «Sie hat einen hohen Bildungsgrad und verfügt über gute kognitive Ressourcen. Sie kann sehr gut vernetzt und strategisch denken.» Komme hinzu, dass sie sehr leistungsorientiert und motiviert sei. «Die Einstellung ist bei einer Rehabilitation das A und O», erklärt Dall’Acqua.

Keine Angst vor dem Radfahren

Was Erika De Candido hingegen noch Mühe bereitet, ist sich in lärmigen Räumen aufzuhalten: «Erst am Wochenende war ich mit meinen Kollegen auswärtsessen. Nach einer Weile musste ich das Restaurant verlassen, das Gewusel wurde mir zu viel.» Sie wird das Arbeitspensum in den nächsten Monaten bei 50 Prozent belassen. Für sie gehe es nun darum, wieder ganz gesund zu werden. «Nach und nach möchte ich meine Fähigkeiten zurückgewinnen», sagt De Candido und fügt mit einem Lächeln an: «Ich möchte endlich wieder die Kontrolle haben und planen können.»

Trotz aller Einschränkungen kann sie dem Unfall auch Positives abgewinnen. «Ich habe gelernt, mehr auf meinen Körper zu hören und zu respektieren, wenn er einmal nicht das macht, was ich will.» Sie hat gelernt, die Tage auch etwas langsamer anzugehen. «Zudem wurde mir bewusst, was mir guttut und was nicht. Morgens aufzustehen und mir einen Kaffee kochen zu können, macht mich bereits glücklich.»

Neben den beruflichen Zielen hat sich Erika De Candido auch sportlich einiges vorgenommen. Im Sommer will sie mit einem Team der ABB am Firmentriathlon in Zürich teilnehmen, wobei sie die Schwimm-Strecke bewältigen wird. Darüber hinaus will sie eine lange Reise durch Frankreich unternehmen – mit dem Fahrrad. «Trotz Unfall habe ich keine Angst vor dem Radfahren», sagt sie und betont: «Ich fahre nun einzig vorsichtiger durch den Verkehr.»

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Autorin

Carla Stampfli

Carla Stampfli

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