Amy Bollag
Wie viel Glück erträgt ein Mensch?

Amy Bollag ist 1924 in Baden geboren. Über seine Erinnerungen an das Leben in der Stadt schreibt er regelmässig im «Badener Tagblatt».

Amy Bollag*
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Herr Kupfersand und seine Frau konnten sich, knapp bevor die deutsche Armee Belgien überrannt hatte, in die Schweiz retten. Baden gefiel ihnen sehr und bald krönten zwei hübsche Mädchen die Familie.

Wir waren mit ihnen befreundet und vieles trug dazu bei, dass sie die Flucht vergessen konnten, um ein einigermassen normales Leben zu führen. Doch Vater Kupfersand hatte noch einen Bruder, mit dem er sehr verbunden war, aber durch Flucht und Krieg gab es keine Verbindung mehr. Durch unsere Freundschaft wussten wir, wie schwer es war für Robert, den Vater, mit dieser Ungewissheit zu leben.

Keiner wusste, wo der andere sei, ob er überhaupt noch lebte, ob er gefangen sei, nicht einmal, in welchem Land er sich befinden könnte. Wir versuchten, so gut es ging, diese schrecklichen Befürchtungen zu überspielen. Aber die schlimmen und tragischen Berichte schienen alle Hoffnungen zunichtezumachen. Ich weiss noch, wie Robert und Rosanna, seine Frau, sich für alles interessierten. Sogar welche Frauen wir später einmal zum Altar führen würden.

Damit meinten sie uns drei Brüder, obwohl wir alle noch Jugendliche waren. Es war zum ersten Mal, dass ich als Kind an das Später dachte. Die Kupfersands waren uns näher wie die eigenen Verwandten. Der kluge Robert konnte die besten Ratschläge erteilen, und bei jeder Gelegenheit war er hilfreich.

So kam es, dass der vermisste Bruder auch für uns, ohne dass wir ihn je gesehen hatten, zu einer wichtigen Person geworden war. Dora und Bella, die beiden Töchter, waren uns immer nahe und sind es uns auch jetzt noch. Beide sind heute in Baden glücklich verheiratet, und wenn wir uns sehen, denken wir, dass ein kurzes Leben fast ewig dauern könnte.

Der grausame Krieg ging vorüber, es war kein böser Traum gewesen, denn die Folgen dauern ja noch bis in unsere Tage. Robert suchte nun mit allen vorhandenen Möglichkeiten nach seinem Bruder, aber ohne Erfolg. Er zeigte die Enttäuschung nicht, aber er glaubte nicht mehr an ein Wiedersehen. Wir trauerten mit ihm.

Das Wunder geschah, Ronald wurde endlich gefunden. Beide Brüder hatten sich für tot gehalten. Ronald erschien und die Brüder fielen sich überglücklich in die Arme. Wir und alle Nachbarn und Verwandten waren erschüttert und zutiefst ergriffen Aber Gottes Wege sind unergründlich und wundersam. Am gleichen Tag, an dem sie sich wiederfanden, starben sie und sind nebeneinander begraben. Robert ist mir heute noch so nahe, wie wenn er das ewige Leben gefunden hätte.

Amy Bollag ist 1924 in Baden geboren. Über seine Erinnerungen an das Leben in der Stadt schreibt er regelmässig im «Badener Tagblatt».

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