Vor zwei Jahren waren Geschäftsführer Thomas Schmid und Projektleiter Andreas Wirth voller Zuversicht, dass ihr Mega-Projekt auf dem Oederlin-Areal in Rieden bei Baden realisiert wird.

«Wir sind krankhafte Optimisten. Das Oederlin-Umbauprojekt kommt ganz sicher.» Inzwischen ist die Zuversicht des Oederlin-Teams jedoch Frust gewichen.

Zur Erinnerung: Das ehemalige Industrie-Areal soll sich in den kommenden Jahren Schritt für Schritt in ein metropolitanes Quartier verwandeln. Oder man könnte auch sagen: zu einem neuen Stadtteil.

Denn das Areal liegt zwar auf Obersiggenthaler Boden, aber nur in kurzer Fussdistanz von der Stadt Baden entfernt. Geplant sind Stadtvillen, Hotels, Platz für die Kreativitätsindustrie, Longstay-Apartments, Freiräume für Lifestyle und Freizeit.

Ein Zahlenvergleich lässt die Dimensionen des Oederlin-Projekts erahnen: Die bebaubare Fläche beträgt 27 000 Quadratmeter – das neue Botta-Thermalbad auf der gegenüberliegenden Flussseite hätte viermal darauf Platz.

Erstes Puzzlestück, das gebaut werden soll, ist das Wohnbauprojekt «Zackenbarsch» mit 110 Appartements und Stadtvillen direkt an der Limmat. Investitionssumme: 100 Millionen Franken.

Auf Anfrage äussern sich weder Geschäftsführer Thomas Schmid, dem das Areal gehört, noch Projektleiter Wirth zum aktuellen Stand. Doch das «Badener Tagblatt» weiss: Das Projekt ist ins Stocken geraten. Das Ziel, den Bau bis 2018 zu beenden, ist nicht mehr realistisch.

So sieht ein kleiner Teil des Oederlin-Areals an der Limmat aus.

So sieht ein kleiner Teil des Oederlin-Areals an der Limmat aus.

Vor wenigen Tagen trafen sich Vertreter des Projekts Zackenbarsch mit einer Delegation des Gemeinderates sowie einem Vertreter der Obersiggenthaler Ortsbildkommission.

Thema: das weitere Vorgehen, die Ergänzung der Bau- und Nutzungsordnung sowie die Erstellung des Gestaltungsplanes. Gemeindeammann Dieter Martin (FDP) bestätigt: «Momentan herrscht Stillstand. Ein wesentlicher Knackpunkt ist ein Bericht der Ortsbildkommission, weswegen die Entwicklungsträgerin gar mit Projektabbruch gedroht hat.»

Was missfällt der Ortsbildkommission am Zackenbarsch? «Kein Kommentar», sagt ein Mitglied und verweist für Medienanfragen an den Gemeinderat. Dieser teilt mit, die Kommission habe aus den Unterlagen noch nicht alle Antworten auf wesentliche Fragen ableiten können. Mit einzelnen Aussagen der Ortsbildkommission sei nun wiederum die Entwicklungsträgerin nicht einverstanden.

Stillstand auch beim Markthof

Ein weiteres Obersiggenthaler Wohnbauprojekt erlitt diese Woche Schiffbruch: Investor Ruedi Hurter wollte beim Markthof ein neues Hochhaus bauen, mit Wohnungen und Geschäftsräumen.

Nach zehn Jahren wirft er nun den Bettel hin, nachdem dieses Jahr gleich zweimal ein Gestaltungsplanentwurf mangels Qualität zurückgewiesen wurde. «Es macht momentan keinen Sinn weiterzukämpfen», sagt er.

Statt eines modernen Baus im Herzen der Gemeinde werden auf dem Areal somit weiterhin nur alte Häuser stehen. Hurter kritisierte die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden wiederholt als «unglaublich kompliziert».

Die zwei bedeutendsten Wohnbauprojekte der finanziell arg gebeutelten 8000er-Gemeinde, die dringend auf neue, kräftige Steuerzahler angewiesen wäre, stehen derzeit also still. Werden den Investoren von Grossprojekten in Obersiggenthal zu viele Steine in den Weg gelegt?

Gemeindeammann Dieter Martin verneint: «Für den Gemeinderat ist es strategisch wichtig, die wenigen Baufelder in Obersiggenthal qualitativ gut zu entwickeln und dadurch ein Bevölkerungswachstum zu ermöglichen.»

Die Projektträger würden sich verständlicherweise manchmal wünschen, dass der Gemeinderat Projekte weniger kritisch hinterfrage. Dieter Martin: «Dass es in dieser Projektphase zu unterschiedlichen Meinungen kommen kann und dann ein Konsens gefunden werden muss, liegt auf der Hand. Der Gemeinderat hat im Auftrag der Bevölkerung ganz einfach die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden.»

Hierfür sei die Gemeinde auch auf präzise Unterlagen angewiesen. Im Oederlin-Areal eine gute Entwicklung zu unterstützen und voranzutreiben, habe beim Gemeinderat oberste Priorität.

«Kleinbürgerlicher Blick»

Während in Obersiggenthal über Qualität diskutiert wird, sind in der Nachbargemeinde Ennetbaden in den vergangenen Jahren mehrere private Projekte verhältnismässig zügig realisiert worden. Der 36-Millionen-Bau Hirschen ist fertiggestellt, derzeit wird das altehrwürdige Hotel Schwanen umgebaut, gleich dahinter wächst eine Überbauung mit 32 Wohnungen heran.

Für einen Architekten, der anonym bleiben will, ist der Stillstand in Obersiggenthal kein Zufall. Er nennt den kleinbürgerlicher Blick der zuständigen Behörden als Ursache. «Sie halten sich an Paragrafen fest, zeigen sich wenig kompromissbereit, geben den Bauherren nicht das Gefühl, dass man hier gemeinsam Grosses erreichen kann.»

Oftmals sei es nur schon schwierig, überhaupt konstruktiv ins Gespräch zu kommen. «Einzige Lösung wäre darum eine Professionalisierung der Bauabteilung.»

Als weitere Ursache für den aktuellen Stillstand bei Bauprojekten macht er die komplizierten Strukturen aus. Werde bei einem grossen Projekt ein Baugesuch eingereicht, müsse zwar wie überall ein Fachgutachten von einem auswärtigen Architekten beigefügt werden, in Abstimmung mit den zuständigen Behörden der Gemeinde.

«In Obersiggenthal wird jedes Gesuch aber zusätzlich noch einmal von externen Beratern überprüft, die natürlich Änderungen vorschlagen, sonst würden sie sich quasi selber abschaffen.» Gleichzeitig habe die Ortsbildkommission viel Einfluss, wie sich nun offenbar beim Oederlin-Projekt zeige.

Die Ortsbildkommission habe zwar nur beratende Funktion, aber in den allermeisten Fällen werden die Vorschläge von der Baukommission übernommen und das Baugesuch danach nur mit entsprechenden Auflagen bewilligt. Sein Fazit. «Es gibt in Obersiggenthal zu viele Berater, die sich in Projekte einmischen können.»