Kürzlich hat diese Zeitung vermeldet, dass Kristin Lamprecht seit November 2018 reformierte Pfarrerin der Teilkirchgemeinde Obersiggenthal ist (die Redaktion erhielt die Mitteilung erst vor zwei Wochen, deshalb die späte Meldung). Die 48-Jährige war bereits in Gebenstorf und Ammerswil Pfarrerin. So weit eine ganz normale Meldung. Doch der zweite Teil der Medienmitteilung wirft Fragen auf. «Mit den zwei jüngsten von fünf Kindern ist sie nun ins Pfarrhaus in Nussbaumen eingezogen.» Ihr Mann Lutz Fischer-Lamprecht bleibt derweil in Wettingen, wo er ebenfalls als reformierter Pfarrer für die Kirchgemeinde Wettingen-Neuenhof arbeitet.

Welche Lebens- und Familienform das Ehepaar wählt, ist ihre Sache und geht die Öffentlichkeit eigentlich nichts an. Und doch stellt sich die Frage, wieso ein Pfarrer-Ehepaar in zwei Pfarrhäusern lebt, wenn doch die beiden Wirkungsorte nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen.

«Es war mir wichtig, dass ich bei den mir anvertrauten Menschen wohnen kann», sagt Kirstin Lamprecht, die zuletzt in der Seelsorge am Spital Schlieren tätig war. «Denn nur dann kann man wirklich ein Gefühl für die Gemeinde entwickeln.» Doch das sei nicht der alleinige Grund, weshalb sie ins Pfarrhaus in Nussbaumen eingezogen ist. Denn es gilt die Residenzpflicht. Das heisst, eine Pfarrerin oder ein Pfarrer müssen ab einem Pensum von 50 Prozent dort wohnen, wo sie arbeiten. «Diese Regel – sie gilt ja grundsätzlich auch für Gemeinderäte – macht aus meiner Sicht durchaus Sinn», sagt Lamprecht. Denn man erkenne die Realität und die Bedürfnisse der Menschen nur, wenn man vor Ort lebe.

Sie habe fast damit gerechnet, dass es Diskussionen wegen ihrer Wohnsituation geben könne. «Die Interessen, Ideen und Ansprüche, wie und wo wir als Pfarrfamilie zu wohnen haben, sind sehr unterschiedlich und häufig diametral entgegengesetzt.» Eigentlich könne man es nur falsch machen, irgendjemand sei immer unzufrieden. «Zwar liegt der Mietzins etwas unter marktüblichen Preisen. Dafür darf man nicht vergessen, dass das Haus zweckgebunden ist.» Will heissen, das Pfarrhaus dient nicht nur als Wohnraum, sondern eben auch als Wirkungsstätte des Pfarrers. «Wenn es an der Türe klingelt – und glauben Sie mir, das passiert nicht selten – dann mache ich auf und höre mir das Anliegen der Person an», sagt Lamprecht.

Lutz Fischer-Lamprecht, der seit elf Jahren Pfarrer in Wettingen-Neuenhof ist und in Wettingen ebenfalls im Pfarrhaus wohnt, ergänzt: «Wir haben vor Jahren ein Haus in Wettingen gekauft. Wenn wir alle in diesem wohnen könnten, käme uns das unter dem Strich billiger, als die Miete für zwei Pfarrhäuser zu bezahlen – bei der momentanen Zinssituation sogar billiger als in einem Pfarrhaus.» Doch wieso haben sich Lamprechts überhaupt ein Haus in Wettingen gekauft, wenn sie dieses ja doch nicht bewohnen dürfen? «Gekauft haben wir es vor allem aus psychologischen Gründen», sagt Fischer-Lamprecht. Die Residenzpflicht bringe ja mit sich, dass man bei der Pensionierung aus dem Pfarrhaus rausmüsse. Und eine Pensionierung sei ja so schon eine grosse Herausforderung – ein gleichzeitiger Wohnungs- und eventuell Wohnortswechsel würde diese Situation zusätzlich verschärfen. «Deshalb wollten wir schon jetzt wissen, wo dann mal unser Zuhause sein wird.»

Präsidentin: «Macht absolut Sinn»

Doris Siegenthaler, Präsidentin der reformierten Teilkirchgemeinde Obersiggenthal, sagt: «Eine absolute Residenzpflicht gibt es bei uns nicht.» Doch es sei der grosse Wunsch der Teilkirchgemeinde gewesen, eine Pfarrperson einzustellen, die auch wieder im Pfarrhaus wohnt. «Es macht aus unserer Sicht absolut Sinn, dass die Pfarrperson am Dorfleben teilnimmt und nahe bei den Menschen ist», so Siegenthaler. Zudem würde es die Zusammenarbeit erleichtern, wenn die Pfarrerin vor Ort sei. Zu den Mietpreisen sagt Siegenthaler: «Diese sind von der Reformierten Landeskirche Aargau vorgegeben und sind Bestandteil des Lohns und im ganzen Kanton einheitlich geregelt».