Baden-Balladen

Wild. Gefährlich. Seriös.

Die Bewegungsschauspielerin und Regisseurin Simona Hofmann

Die Bewegungsschauspielerin und Regisseurin Simona Hofmann

Die Bewegungsschauspielerin und Regisseurin Simona Hofmann (35) ist seit 2005 auf Tournee im In- und Ausland mit eigenen Theaterkreationen und Engagements auf der Bühne. Für das «Badener Tagblatt» hat sie nun ihre erste Kolumne geschrieben.

Welche Ehre! Ich darf eine Kolumne für das «Badener Tagblatt» schreiben (mit Personenbox und Foto). Foto? Aber wie präsentiere ich mich den Leserinnen und Lesern? Ich stehe vor dem Spiegel: Wie sieht eine Kolumnistin aus; sprich eine weibliche Kolumnistin? 

Mit dem schwarz-weiss gestreiften Calvin-Klein-Hemd? Die Haare wild, zerzaust ins Gesicht fallend, cool zurückgeliert à la Anne Hathaway oder dann doch besser mit der Schiebermütze im Film-Noir-Style? Die Lippen rot gestrichen, was eine gewisse erotische Komponente enthält – oder dann eher der Nude-Look, natürlich und rein?

Mmmmmhh. Als Schauspielerin zeige ich mich genau so, wie es der Autor, das Stück, die Regie verlangt! Als Kolumnistin soll ICH MICH zu einem frei gewählten, aktuellen Thema äussern. Aber «who the fuck is» Simona Hofmann? Nicht mal ich weiss es – auch nicht nach unzähligen Rollen, Therapien und Selbstfindungsseminaren. Welcher Look wirkt kompetent und zeigt doch genug von meiner Persönlichkeit?

Nach einem Gang durch Baden wird mir bewusst, dass ich nicht alleine mit diesen Fragen zum eigenen Bild zu (Wahl)kämpfen habe. Im Gegensatz zu den Wahlkandidatinnen und -kandidaten geniesse ich den Vorteil, mein Bild mit 2500 Zeichen zu ergänzen und ein wenig mehr von Ihrer Aufmerksamkeit zu bekommen (falls Sie die ganze Kolumne und nicht nur die Headline lesen) als die durchschnittlichen 2 Sekunden, die eine Plakatstelle generiert.

2 Sekunden, um uns Bürgerinnen und Bürgern eine Volksvertreterin oder einen Volksvertreter mit Meinung und Haltung für die kommenden 4 Jahre zu vermitteln. Eigentlich komplett unmöglich in 2 Sekunden!

Den Vorteil haben die Schönen, weil sie in der Reduktion des Wahrnehmungsspektrums mit ihrem Aussehen (und dem Schön-Gleich-Gut-Bonus) punkten können; zugleich haben die Bekannten den Vorteil, weil sie eben nicht mehr über die Reduktion auf ihre Schönheit trumpfen müssen, da man sie ja bereits kennt. Total im Nachteil sind die unattraktiven Unbekannten bei nur 2 Sekunden Aufmerksamkeit des Wahlvolks!

Deshalb geht nichts über die persönliche Begegnung mit einem Menschen, weil sie länger dauert als 2 Sekunden Plakatschau. Man lernt niemanden kennen oder fällt eine Entscheidung mithilfe eines Fotos und drei, vier Adjektiven, ob in einer Kolumne oder im aktuellen politischen Wahlkampf, in der Partnerbörse oder bei der Job-Suche. Lasst uns begegnen, lasst uns spüren, lasst uns das Gegenüber mit allen Sinnen wahrnehmen, lasst uns leben! (Und zwar länger als 2 Sekunden)

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