Einen Tag nach seiner Ankündigung, als parteiloser Stadtratskandidat am 18. Oktober antreten zu wollen, erscheint Erich Obrist (54) gelöst und gut gelaunt zum Interview-Termin. Dass die letzten Tage gemäss seiner eigenen Aussage sehr intensiv waren, merkt man ihm nicht an.

Herr Obrist, sind Sie ein schlechter Verlierer?

Erich Obrist: Wie meinen Sie das?

Sie sind in einem internen, demokratischen Nominationsverfahren ihrem Kontrahenten Jürg Caflisch unterlegen und setzen sich mit Ihrer Kandidatur quasi über diesen Entscheid hinweg.

Wäre ich ein schlechter Verlierer, wäre ich gleich nach der Nichtnomination aus der Partei ausgetreten – ich habe mit diesem Gedanken gespielt. Denn ich gebe es ehrlich zu. Nach dem Ausgang dieser Nomination habe ich das Vertrauen in die Partei verloren. Aber ich bin sicher auch selber schuld, dass die Partei nicht auf mich gesetzt hat. Als Einwohnerrat lag ich mit meinen Anträgen immer wieder neben der Parteilinie.

Was hat Sie schliesslich doch zur Kandidatur bewogen?

Ich trete an, weil ich will, nicht weil ich muss. Im Gegenteil. Ich habe einen tollen Beruf und habe auch sonst ein sehr erfülltes Leben. Doch ich liebe diese Stadt und will sie aktiv mitgestalten.

Sie bezeichnen sich als Brückenbauer. Gleichzeitig haben Sie die Brücke zu Ihrer Partei mit Ihrem Austritt ziemlich drastisch abgerissen.

Das stimmt, und der Schritt ist mir auch nicht einfach gefallen. Ich gehöre seit 1997 der SP an und die Partei war mir immer sehr wichtig. Doch als im Zusammenhang mit meiner möglichen Kandidatur von einem Ausschlussverfahren die Rede war, war für mich klar, dass ich die Partei vor diesem Schritt bewahren möchte.

Wie sind die Reaktionen Ihrer ehemaligen Parteikollegen ausgefallen?

(Zögert.) Es gab viele Reaktionen, auf deren Inhalt möchte ich aber nicht eingehen.

Hat sich Ihr Kontrahent Jürg Caflisch bei Ihnen gemeldet?

Nein, wir haben uns nicht gesprochen.

Wann spielten Sie erstmals mit dem Gedanken, als Parteiloser ins Rennen zu steigen?

Auslöser war sicher die FDP-Nomination von Mario Delvecchio. Da kam der Stein ins Rollen. Ich erhielt sehr viel Reaktionen.

Mit anderen Worten. Nur gegen Jürg Caflisch wären Sie nicht angetreten?

Erich Obrist lacht und schweigt.

Für Aufsehen sorgte der Leserbrief von alt CVP-Stadtrat Peter Conrad. Frage: Wie wichtig war der Leserbrief für Sie. Hat es diesen überhaupt gebraucht.

Nach diesem Brief ist die Post abgegangen. Ich habe gespürt, dass ich Unterstützung bis weit ins bürgerliche Lager geniesse.

Verraten Sie uns, wer alles dem 12-köpfigen Unterstützungskomitee angehört?

Einige Namen habe ich schon bekannt gemacht. Doch ich kann nicht alle nennen, das habe ich einigen Mitgliedern versprochen. Nur so viel: Es sind Namen, die durchaus Zündstoff bergen. Spätestens an einer möglichen Wahlfeier wird man dann wissen, wer dazugehörte (lacht).

Sie haben selber gesagt, Sie hätten nicht immer treu auf der Parteilinie politisiert. Könnte das ein Vorteil sein im Wahlkampf, weil Sie auch für Bürgerliche wählbar sind?

Das macht mich in erster Linie unberechenbar (lacht). Im Ernst, ich denke, ich bin für viele Mitte-Wähler wählbar. Überhaupt glaube ich, die Wählerinnen und Wähler haben genug von den Parteispielen und Abmachungen wie dem «Deal vom Roten Turm».

Besteht nicht ein gewisses Risiko, dass Ihre Kandidatur am Schluss Mario Delvecchio in die Hände spielt, weil Sie und Jürg Caflisch sich gegenseitig Stimmen abnehmen?

Dieses Risiko besteht tatsächlich. Ich stufe es aber bei drei Kandidaten im ersten Wahlgang als eher klein ein. Wie ich mich dann bei einem allfälligen 2. Wahlgang verhalte, hängt natürlich massgeblich vom Ausgang des 1. Wahlgangs ab.

Welches ist im 1. Wahlgang ihr grösserer Konkurrent?

Ich nehme beide Kontrahenten sehr ernst. Unter dem Strich schätze ich mein Potenzial – gerade wenn ich an das Ressort Kultur und Kinder Jugend und Familie denke – aber grösser ein, denn sonst würde ich gar nicht erst antreten.

Sollten Sie gewählt werden, hätten wir im Stadtrat quasi eine Patt-Situation. Drei links/grüne, drei bürgerliche und einen parteilosen Stadtrat. Oder sind sie nur auf dem Papier parteilos. Also quasi ein Linker im Schafspelz?

Im Stadtrat stehen die Sachgeschäfte im Vordergrund. Aber selbstverständlich werde ich meine Grundwerte wie Toleranz, Solidarität oder Chancengleichheit einfliessen lassen. Anderseits muss man immer auch wissen, woher das Geld kommt. Diesbezüglich bringe ich als ehemaliger Präsident der Finanzkommission einiges an Erfahrung mit. Ich werde mich also punkto Finanzpolitik für gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und das Gewerbe einsetzen.

Ist auch ein Beitritt in eine andere Partei denkbar?

Nein, ich wüsste nicht in welche Partei, und eine Rückkehr in die SP ist ohnehin ausgeschlossen.

Angenommen, Sie werden gewählt. Würde Sie 2017 auch das Amt des Stadtammanns reizen?

Ich habe immer gesagt, dass das für mich reizvoll wäre. Aber jetzt trete ich erst einmal als Stadtratskandidat an, weil ich für die Stadt Baden gute Arbeit leisten will.

Mit Ihrem Austritt aus der Partei und Ihrem Rücktritt als Einwohnerrat setzen Sie alles auf eine Karte. Werden Sie nicht als Stadtrat gewählt, war es das mit Ihrer politischen Karriere in Baden.

Das ist so. Ich habe das auch gut mit meiner Frau besprochen. Aber Politik macht mir einfach zu viel Spass, als dass ich mir diese Chance hätte entgehen lassen wollen. Und selbst wenn ich nicht gewählt werde, habe ich immer noch spannende Engagements wie etwa jenes des Präsidenten der aargauischen Kulturstiftung Pro Argovia. Ich würde mich dann halt einfach dort mehr einsetzen.

Sie sind auch Präsident des Vereins Traktandum 1, der sich für eine starke Region engagiert. Das wäre Ihnen wohl auch als Stadtrat wichtig?

Auf jeden Fall, wobei ich natürlich aus dem Verein austreten würde. Traktandum versteht sich als Bottom-up-Bewegung. Natürlich kann man als Einzelmaske nicht viel bewirken. Aber für die umliegenden Gemeinden wäre es sicher gut, zu wissen, dass sie mit mir einen Ansprechpartner in dieser Sache hätten.

Welches wäre das grösste Problem, dass Sie als Stadtrat angehen möchten?

In erster Linie möchte ich dazu beitragen, dass wir wieder eine zukunftsgerichtete Stadt werden. Im Moment habe ich das Gefühl, steht die Stadt Baden regelrecht still, weil zum Beispiel das Sparprogramm Optima zu viele Kräfte bindet. Zudem bin ich überzeugt, dass ich mit meiner konsensorientierten Art wieder neuen Schwung in den Badener Stadtrat bringen könnte.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben? Conrad schreibt in seinem Leserbrief, «ihre im Militär gewonnene Führungserfahrung würden Sie befähigen».

Das hat mich ehrlich gesagt etwas gestört. Denn ich pflege ganz sicher keinen militärischen Führungsstil. Über allem stehen ein gutes Team und das gegenseitige Vertrauen zwischen Vorgesetztem und Mitarbeitern. Und als Chef muss man immer selber hinstehen und kommunizieren, so wie ich das jetzt auch im Wahlkampf tue.

Wie kommt es eigentlich, dass Sie es als SP-Mann – diese sind in der Regel armeekritisch – bis zum Oberleutnant brachten?

(Schmunzelt.) Ich durfte nie in die Pfadi, sondern musste stattdessen jeden Samstag den Hausvorplatz wischen. Wahrscheinlich hatte ich im Militär Nachholbedarf. Ich wollte eigentlich gar nicht weitermachen. Doch das «Alphatier» ist mit mir durchgegangen.

Haben Sie politische Vorbilder?

Nein, da kommen mir spontan keine in den Sinn ... ausser Ständerätin Christine Egerszegi-Obrist.

Letzte Frage: Welche Erlebnisse haben Sie in ihrem Leben am meisten geprägt?

Privat war das sicher der Tod meines Bruders 1997. Ich war damals 27, er 37. Das war sehr einschneidend zu merken: Da ist einer plötzlich nicht mehr. Politisch eindrücklich waren 1989 der Mauerfall und die ganzen politischen Umwälzungen. Sehr aufgewühlt hat mich in den 90er-Jahren der Balkankrieg. Ich konnte nicht fassen, dass auf europäischem Boden solche Kriege nochmals möglich sind.