Wettingen
«Wille der Familienfreundlichkeit offenbar nicht vorhanden»: An den gekürzten Blockzeiten regt sich Kritik

Der Wettinger Einwohnerrätin sieht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Gefahr – Andreas Bösch, der Geschäftsleiter der Schule, nimmt dazu Stellung.

Andreas Fretz
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Kleinere und grössere Kinder sollen gemeinsam den Schulweg bestreiten können.

Kleinere und grössere Kinder sollen gemeinsam den Schulweg bestreiten können.

Sam

Im Schuljahr 2011/12 wurden an den Wettinger Primarschulen die Blockzeiten eingeführt. Vorausgegangen war eine Volksinitiative der IG Blockzeiten Wettingen, die 1790 gültige Unterschriften gesammelt hatte. Auch Gemeinderat und Schulpflege befürworteten die Einführung. Der Einwohnerrat stimmte der Vorlage schliesslich zu.

Vor allem für berufstätige Eltern brachte die Einführung der Blockzeiten eine Erleichterung. Sie mussten sich nicht mehr um eine zusätzliche Betreuung zwischen 8 und 12Uhr kümmern. Gerade bei mehreren Kindern konnte ein dauerndes Kommen und Gehen zu unterschiedlichen Zeiten verhindert werden. Die Blockzeiten brachten eine Struktur in den Tagesablauf. Tätigkeiten ohne Kinder konnten in diese Zeit gelegt werden.

Doch nun fürchtet GLP-Einwohnerrätin Yvonne Hiller, dass diese Blockzeiten klammheimlich und etappenweise beschnitten werden. Bei den Primarschülern wurde die Blockzeit im letzten Sommer um 15 Minuten auf 8.15Uhr nach hinten verlegt. Ab kommendem Sommer sollen die Kindergärtner am Mittag bis zu 25 Minuten früher gehen müssen.

Hiller: «Eltern verlieren täglich bis zu 40 Minuten»

«Der Wille, familienfreundlich zu sein, ist in dieser Gemeinde offenbar nicht vorhanden», sagt Hiller. Die kleineren Kinder könnten nicht mehr gemeinsam mit den grösseren Kindern den Schulweg bestreiten. Die Eltern müssten täglich bis zu 40 Minuten hergeben, und Schuld sei offenbar die neue Ressourcierung im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21. Die Schulleitung stelle es so dar, als ob sie durch die Vorgabe des Kantons zu dieser Anpassung gezwungen wäre. «Aber der Blick nach Baden zeigt: Auch mit der neuen Ressourcierung sind Blockzeiten wie bis anhin möglich», sagt Yvonne Hiller.

Andreas Bösch, Geschäftsleiter der Schule Wettingen, sagt: «Der Ressourcenpool, den der Kanton unserer Schule zur Verfügung stellt, soll für gezielte Förderung der Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden und kann nicht für Betreuungsangebote genutzt werden.» Weitere Angebote seien zwar denkbar, würden aber Kosten zulasten der Gemeinde respektive des Steuerzahlers verursachen.

Bösch: «Die Initiative bleibt im Grundsatz umgesetzt»

Hiller fürchtet nun, dass das, was die Interessengemeinschaft vor über zehn Jahren in die Wege geleitet hat, bald Geschichte sein wird. «Abstimmungsresultate verfallen auch nach 10 Jahren nicht. Einmal mehr stellt sich hier die Frage, inwiefern der Volkswille respektiert wird in dieser Gemeinde.»

Bösch sagt dazu: «Mit durchgehend vier Lektionen Schulunterricht sind die grundlegenden Anliegen der Initiative nach wie vor umgesetzt und mit dem zusätzlichen Betreuungsangebot familienfreundlich ergänzt.» Er betont, dass mit dem «Tagesstern» – das Angebot einer privaten, mandatierten Firma – der Zugang zu einem bedarfsgerechten, familienergänzenden Betreuungsangebot gewährleistet sei (Betreuung ab 7Uhr und im Anschluss an den Unterricht bis 18Uhr).

Hiller kritisiert, Gemeinde und Schule agieren nach dem Motto «die Eltern werden’s schon richten» und rechnet vor, dass Eltern durch das Verkürzen der Blockzeiten jährlich 157Stunden einbüssen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf litten darunter. Bösch mag die Kritik nicht nachvollziehen: «Wir stellen den Eltern ein von der Gemeinde subventioniertes Betreuungsangebot zur Verfügung. Dieses deckt sehr viele Betreuungsbedürfnisse ab.»

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