Der Aargau gedenkt dieses Jahr seiner Eroberung durch die eidgenössischen Orte. Einzig das Fricktal blieb damals bis zum Einmarsch Napoleons im Jahre 1799 unter Habsburger Herrschaft.

Auslöser des Einmarsches der Eidgenossen war ein Kirchenstreit. In Konstanz lief eine Kirchenversammlung (Konzil), deren Ziel es war, die Aufspaltung der Christenheit zu verhindern. Damals gab es nämlich drei Päpste, und jeder hielt sich für den rechtmässigen. Darum wollte man sich auf einen einzigen Papst einigen und das «verderbliche Schisma» beenden. Als es darnach aussah, dass Papst Johannes XXIII. nicht als alleiniger Inhaber des Heiligen Stuhls anerkannt würde, verhalf Herzog Friedrich von Österreich ihm zur Flucht aus Konstanz. Der Papst wurde deswegen und «wegen ärgerlichen Lebenswandels» abgesetzt. Über Herzog Friedrich verhängte der erzürnte König Sigmund die Reichsacht und forderte Fürsten und Stände auf, ihm seine Ländereien wegzunehmen.

Eidgenossen zögerten nicht lange

An die Eidgenossen ging der Befehl, den Aargau zu erobern. Sie mussten sich nicht zweimal bitten lassen, denn immer wieder führten sie Kriegszüge gegen die habsburgischen Lande. Am 17. April 1415 kapitulierte die Stadt Zofingen vor den Bernern. Innert kurzer Zeit entrissen diese, unterstützt von Luzern, Zürich und weiteren eidgenössischen Orten, von Westen her bis nach Baden den Habsburgern ihre Lande. Nachdem sich am 24. April die Bremgarter den Zürchern ergeben hatten, zogen diese zusammen mit den Glarnern und Schwyzern, denen die andern Orte später folgten, Richtung Baden.

Den Eroberern ergaben sich die meisten Burgen und Städte kampflos. In Baden sah es eher nach Widerstand aus. Die unter habsburgischer Schirmherrschaft befestigte Stadt galt als das stärkste Bollwerk Österreichs im Aargau. Die eidgenössischen Truppen begannen am 25. April die Stadt von beiden Seiten der Limmat einzuschliessen. Eine Aufforderung zu deren Übergabe wurde vorerst zurückgewiesen.

Burkart von Mansberg wehrte sich

Die Verteidigung führte Burkart von Mansberg, der als tapfer und entschlossen zum Widerstand galt. «Die Eidgenossen berannten zuerst die nieder Feste, vermochten einen Wachtturm zum Einsturz zu bringen und Breschen in die Stadtmauer zu schlagen», wird in der «Geschichte der Stadt Baden» von Otto Mittler geschildert. Unter dieser massiven Bedrohung zog sich Burkart von Mansberg mit seinen Leuten auf die Burg Stein zurück, und zwar über den Weg, der heute noch seinen Namen trägt: den Mansbergweg.

Der Stadt war das Wohl wichtiger

Der Stadt war das Wohl und Überleben schliesslich wichtiger und sie kapitulierte am 3. Mai. Der Übergabebrief bestimmte, dass die Stadt Baden im Besitze ihrer bisherigen Rechte und Freiheiten bleiben soll. Auch wurde die Stadt von einer Beteiligung am Krieg aufseiten des Königs wie der Schweizer ausdrücklich entbunden, durfte aber die Eroberung der Burg Stein «in keiner Weise hindern».

Der Stadt durfte ausserdem kein Schaden aus der Einquartierung von Mannschaften erwachsen, hiess es weiter im Brief, von dem allerdings nur noch Abschriften existieren. Und: «Sofern die Eidgenossen das Feld räumen müssten, ohne die Fest erobert zu haben, was Gott verhüten möge, würde Baden der Eide gegen die Eroberer ledig sein», ist weiter festgehalten.

Am 9. Mai begann der Sturm auf den Stein. Eine Streitmacht von 1000 Bernern traf ein und eröffnete das Feuer «mit ihrer grossen Büchse, die mit gewaltigem Knall bei den Belagerten mehr Schrecken als durch die Kugeln an der Burg Schaden anrichtete». Am 11. Mai ging Mansberg einen Waffenstillstand für acht Tage ein. Er spekulierte darauf, dass Herzog Friedrich innert dieser Frist noch Truppen schicken würde, um die Belagerten zu befreien.

Mansberg und der Besatzung wurde mit Hab und Gut freier Abzug gewährt. Badener Bürger unter den Burginsassen, die nach der Übergabe hier bleiben wollten, erhielten dazu die Erlaubnis.

An Rückgabe nicht zu denken

Beinahe hätte sich die Situation noch völlig geändert. Denn Herzog Friedrich hatte den König zu Konstanz erfolgreich um Gnade angefleht. Dieser forderte die Eidgenossen dazu auf, Baden zu räumen und die eroberten Gebiete zurückzugeben. Daran dachten die Eidgenossen jedoch nicht. Dies teilten sie, um Zeit zu gewinnen, in einer Botschaft nach Konstanz dem König mit. Damit erreichten sie, dass unter dem Belagerungsdruck Mansberg am 18. Mai kapitulierte.

Während Mansberg und seine Gefolgschaft abziehen konnten, räumten die Eidgenossen in aller Eile die Burg aus. Insbesondere das grosse Archiv der Habsburger wurde nach Luzern abgeführt. Die Eidgenossen wollten aufgrund der Lage gleich klare Verhältnisse schaffen und begannen noch am Pfingstsonntag die Mauern der Burg niederzureissen und zündeten die Feste an.

Als am Montag die königlichen Boten den Rückzugsbefehl überbringen wollten, sahen sie sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Nach langwierigen Verhandlungen legte sich der Unmut des Königs, weil er – wirtschaftlich angeschlagen – wenigstens finanziell profitieren konnte. Für den Aargau als nicht wieder einlösbares Pfand erhielt er 4500 Gulden von den Zürchern, und 5000 Gulden gab es von den Bernern.

Um die Zerstörung des «Steins» entfachte sich noch ein Streit. Eine Abschrift des Übergabebriefes der Stadt stellt deren Rat dabei in ein eigenartiges Licht, weil dieser zur Zerstörung durch die Eidgenossen geraten haben solle. Nach einer anderen historischen Version soll jedoch ein Friedensbruch der unter Österreich stehenden Winterthurer die Eidgenossen aus Wut zur sofortigen Zerstörung des Steins getrieben haben. Die Quintessenz jedenfalls war, dass unter den Eidgenossen die «Niederlegung des bedeutsamen Schlosses unmittelbar nach der Tat schon bedauert wurde» und die Schuld andern zugeschoben werden sollte.

Das Gebiet um Baden wurde als Grafschaft Baden zu einer Gemeinen Herrschaft, als gemeinsam von acht alten Orten verwaltetes Untertanengebiet. Jeder Ort stellte im 2-Jahres-Rhythmus den Landvogt, der im Landvogteischloss residierte. Doch mit dem Übergang der Herrschaft von den Habsburgern an die Eidgenossen änderte sich nur der politische Status. Dies wirkte sich weder auf die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen noch kulturellen Verhältnisse aus.

Die Stadt, die sich seit 1200 entwickelt hatte, blühte weiter. Umso mehr als die Eidgenossen Baden zu ihrem Tagsatzungsort und damit zum Nabel der damaligen Schweiz machten. So kamen die acht eidgenössischen Stände, später dann deren 13, alljährlich für mehrere Wochen mit ihrem Tross nach Baden, zu vergleichen mit einer Session des Ständerates heute. Oft waren darum auch ausländische Gesandte in Baden anwesend und brachten der Stadt, Herbergen, Wirtschaften und auch den Bädern gutes Geld.

Quelle: Otto Mittler, Geschichte der Stadt Baden