Baden

Wird die Weite Gasse doch nicht verkehrsfrei?

Die Haltestelle an der Weiten Gasse soll aufgehoben werden, so der Plan des Stadtrats. Die SP aber will, dass die Buslinie 5 weiter hier durchfährt.

Die Haltestelle an der Weiten Gasse soll aufgehoben werden, so der Plan des Stadtrats. Die SP aber will, dass die Buslinie 5 weiter hier durchfährt.

Die Sozialdemokraten verlangen, dass die Busse der Linie 5 auch in Zukunft durch die Strasse fahren dürfen.

Geht es nach dem Badener Stadtrat, wird die Weite Gasse in wenigen Monaten komplett verkehrsfrei – nur noch Velofahrer und Fussgänger dürften sie durchqueren. Sobald die neuen unterirdischen Tunnels für den öffentlichen Verkehr freigegeben werden, voraussichtlich im Frühjahr 2019, sollen auch die Busse aus der Weiten Gasse verschwinden. Eine verkehrsfreie Weite Gasse wäre insofern von historischer Tragweite, als dass sie einst die Badener Hauptverkehrsache für den Nah- und Fernverkehr war.

Wer mit dem Auto von Baden nach Zürich fahren wollte, kam bis Mitte der 1950er-Jahre nicht an der Weiten Gasse vorbei. Für Stadtammann Markus Schneider (CVP) steht ausser Zweifel, dass eine verkehrsfreie Weite Gasse Realität wird: «Für uns im Stadtrat ist das schon lange beschlossene Sache.» Bereits als die Weite Gasse vor fünf Jahren saniert wurde, sagte Schneider, damals noch Stadtrat: «Hier soll man einkaufen, frei zirkulieren und verweilen können. Die Weite Gasse soll zu einem Begegnungsplatz werden.»

1955 durften noch Autos und Busse durch die Weite Gasse (hinten) fahren.

1955 durften noch Autos und Busse durch die Weite Gasse (hinten) fahren.

Ein Vorstoss der Badener Sozialdemokraten könnte nun aber dazu führen, dass die Weite Gasse doch nicht komplett verkehrsfrei wird. Fraktionspräsident Martin Groves setzt sich mit einem Postulat dafür ein, dass die Busse der Linie 5 der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW) weiter durch die Gasse fahren dürfen.

Diese Buslinie kann nicht in einen der Tunnels verlegt werden, denn sie führt in Richtung Allmend und Baldegg. Die Linie 5 dient dabei auch als Schulbus, wobei die Kinder der Schulhäuser Ländli und Pfaffechappe in der Weiten Gasse zusteigen. Martin Groves: «Mit dem Wegfall der Haltestelle aus der Weiten Gasse entfernt sich die Haltestelle von der Schule. Die eigentliche Mittagspause der Kinder verkürzt sich. Je nachdem kommt es zu gefährlichen Situation und Zeitverzögerungen an anderen Haltestellen.»

öV bringt Laufkundschaft

Vorgesehen ist, dass die Busse der Linie 5 statt wie bisher durch die Weite Gasse durch die «Blinddarm»-Unterführung beim Schlossbergplatz fahren. Weil die Unterführung abends wegen der Nachtlokale jeweils voller Menschen ist, werden die Busse zu später Stunde via «Royal» und «Trafo» auf die Bruggerstrasse geführt. Martin Groves kritisiert diese geplante Linienführung: «Tagsüber soll der Bus also durch die Blinddarm-Passage fahren, abends soll er am Bahnhof wenden.

Eine unterschiedliche Linienführung ist insbesondere für Auswärtige wenig verständlich.» Auch aus Sicht des Gewerbes wäre eine Weiterführung der Linie 5 wünschenswert, glaubt Groves: «Der öffentliche Verkehr bringt Laufkundschaft in die Innenstadt. Immerhin ist die derzeitige Haltestelle in der Weiten Gasse eine der meistfrequentierten Haltestellen.»

Die Forderung, dass die Busse der Linie 5 weiter durch die Weite Gasse fahren dürfen, ist ganz im Sinne des RVBW-Direktors Stephan Kalt. «Ich wünschte mir wenigstens eine einjährige Testphase und denke dabei in erster Linie an die vielen Schüler, die wir mit dem 5er Richtung Baldegg transportieren.»

Pro und Kontra: Soll die Weite Gasse künftig gänzlich verkehrsfrei werden?

PRO von Pirmin Kramer, Redaktor Baden

«Zwei Minuten mehr Schulweg sind den Kindern zuzumuten»

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Die SP will die Idee einer verkehrsfreien Weiten Gasse aufgeben – zugunsten eines minim kürzeren Schulwegs. Das ist unverhältnismässig.

Die Weite Gasse, neben der Badstrasse die wichtigste Einkaufsstrasse der Stadt, könnte endlich zur verkehrsfreien Flaniermeile und Begegnungszone werden. Dies dank des neuen unterirdischen Bustunnels, der nächstes Jahr eröffnet wird.

Für ganz wenige Busbenutzer wird die neue Linienführung allerdings minime Nachteile mit sich bringen. Beispielsweise für die Schulkinder des Ländli und der Pfaffenchappe, die in der Allmend oder der Baldegg wohnen. Ihr Weg vom Klassenzimmer bis zur Bushaltestelle wird sich künftig um zwei Minuten verlängern. Statt an der Weiten Gasse werden sie künftig beim Schlossbergplatz einsteigen müssen, ohne dabei allerdings eine Strasse überqueren zu müssen, auf der Busse oder Autos fahren. Dass die SP nun findet, diese zwei Minuten zusätzlichen Schulwegs seien unzumutbar, und deswegen sogar die Idee einer Weiten Gasse ohne Verkehr wieder rückgängig machen will, ist übertrieben.

Die weiteren Argumente der Partei greifen ebenfalls nicht: Es ist kaum vorstellbar, dass alleine die Buslinie 5 den Läden in der Weiten Gasse so viele Laufkundschaft bescheren würde wie eine verkehrsbefreite Gasse, die zur Flaniermeile wird.

Vergessen wir nicht: Als die Weite Gasse vor fünf Jahren saniert wurde, war sie für Busse gesperrt. Die alternative Buslinienführung funktionierte reibungslos – auch für die Schulkinder, die beim Schlossbergplatz einsteigen mussten.

KONTRA von Martin Rupf, Ressortleiter Badener Tagblatt

«Wirte und Gewerbetreibende hätten gar keinen Nutzen»

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Eine völlige Verkehrsbefreiung der Weiten Gasse macht aus mehreren Gründen keinen Sinn – wäre vielmehr gar kontraproduktiv.

Seit drei Jahren, also während der Dauer der Sanierung der Schulhausplatzkreuzung, fahren durch die Weite Gasse täglich rund 400 Busse. Ein unhaltbarer Zustand für Gewerbe und Passanten. Tout Baden freut sich deshalb darauf, dass der Bustunnel bald in Betrieb genommen wird und die Busse somit aus der Weiten Gasse verbannt werden.

Dass die RVBW und auch die SP aber die Weite Gasse nicht ganz verkehrsfrei machen wollen respektive sich für die Weiterführung der Linie 5 in die Baldegg einsetzen, macht Sinn. Erstens wäre die Belastung sehr gering, wenn der 5er viertelstündlich durch die Weite Gasse fahren würde. Zweitens haben Gewerbetreibende respektive Gastwirte gar keinen Nutzen von einer vollständigen Verkehrsbefreiung.

Denn sie dürfen im Vergleich zu heute nicht mehr Fläche beanspruchen, da die Fahrbahn für Zubringer und Rettungsdienste freigehalten werden muss. Drittens – und das befürchten auch Gewerbetreibende: Der gleichzeitige Wegfall der Bushaltestelle bei einer kompletten Verkehrsbefreiung könnte mit weniger Laufkundschaft einhergehen. Und nicht zuletzt braucht es die Flaniermeile Weite Gasse gar nicht, da die Badstrasse diese Funktion erfüllt.

Im Gegenteil wäre eine Flaniermeile Weite Gasse gerade für die vielen Velofahrer ein Problem, weil Passanten die Strasse unvorsichtig queren. Wenn diese aber wissen, dass ab und zu noch ein Bus verkehrt, ist das Bewusstsein auch gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern stärker.

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