Nach zehn Jahren in der SP hat er genug: Wettingens Einwohnerrat Martin Spörri. Vor kurzem gab der diplomierte Energietechniker der Parteileitung seinen Austritt bekannt – und trat an der Einwohnerratssitzung am vergangenen Donnerstag zur Überraschung aller als Parteiloser auf. Was ihn zu diesem Schritt bewogen habe, beschreibt Spörri wie folgt: «Je länger, je mehr habe ich gemerkt, dass meine Interessen von denjenigen der Partei abweichen.»

Vor allem seit er per 1. Januar 2014 in den Einwohnerrat gewählt worden sei. Erst dann habe er richtig Einblick in die Kernthemen erhalten und gesehen, wie die SP politisiert. Dass Spörri nicht mehr die gleichen Interessen wie die Partei vertritt, zeigte sich auch während den Abstimmungen im Parlament. «In der letzten Zeit habe ich mich zunehmend der Stimme enthalten», sagt der 34-Jährige. Dies sei nicht optimal, denn es würde den Eindruck erwecken, als hätte er keine eigene Meinung zu den Themen. «Das stimmt natürlich nicht.»

Wenn er sich enthalten habe, so sei er eher gegen die Haltung der SP gewesen, doch habe er nicht immer gegen seine Partei stimmen können. Auch mit der Parteilinie auf nationaler Ebene habe er immer mehr Mühe bekundet: Es sei zwar recht, dass die SP Initiativen wie diejenige über den Mindestlohn oder für faire Löhne lanciert. «Als Wirtschaftsmann kann ich aber nicht etwas unterstützen, was nicht realisierbar ist.»

Doch warum hat sich Martin Spörri im Jahr 2006 überhaupt der SP angeschlossen? Zur Partei gefunden hatte er durch seinen mittlerweile verstorbenen Vater Anton, der einst selber während dreier Jahren für die SP im Einwohnerrat sass. «Durch ihn lernte ich viele Personen aus SP-Kreisen kennen. Ich bin dann wie von alleine hineingerutscht», sagt er. Nun sitzt Spörri also als Parteiloser im Einwohnerrat – aber nur bis zur nächsten Sitzung Mitte Juni. Denn: «Ich habe mich entschieden, der BDP beizutreten», sagt Spörri. Dies, nachdem er im Anschluss an die letzte Einwohnerratssitzung Gespräche mit verschiedenen Parteivorstehern geführt hatte. Die BDP vertrete am ehesten seine Interessen. Zudem habe sie ihm das beste Angebot unterbreitet. Auch im Hinblick auf die bevorstehenden Grossratswahlen im Herbst.

SP hat nun einen Sitz weniger

Die SP Wettingen bedauert, dass Spörri aus der Partei ausgetreten ist. Auch, weil die Fraktion nun einen Sitz weniger im Einwohnerrat innehält: Nach Wahlsystem gehört der Sitz der gewählten Person und nicht der Partei. «Wir respektieren aber seinen Entscheid», sagt Sektionspräsident Christian Oberholzer. Man hoffe nun, bei den Gesamterneuerungswahlen für die Amtsperiode 2017–2020 das Resultat der letzten Wahlen zu wiederholen und somit den verloren gegangenen Sitz zurückzuerobern. Der Rücktritt Martin Spörris hat auch Konsequenzen für die SP-Bezirkspartei: Seit April 2013 war er deren Präsident. In Absprache mit dem Vorstand übernimmt bis zur Generalversammlung im Frühjahr 2017 nun Grossrat Florian Vock das Präsidium.