Vogelsang
Wo Arbeitslose und Flüchtlinge unterstützt werden

Der Verein Lernwerk hilft Jugendlichen und Erwachsenen seit 20 Jahren, zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Ein Besuch in der Schreinerei, Küche und Klassenzimmer zeigt: Das Lernwerk nährt Hoffnungen.

Daniela Jeanneret
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Lernwerk Vogelsang
10 Bilder
Hier lernen die Teilnehmer die Verarbeitung von Holz.
Geschäftsführer Christian Bolt vor dem Hauptgebäude des Lernwerks.
Lernwerk Vogelsang Lernende, wie auch Stellensuchende lernen den Umgang mit grossen den Maschinen in der Werkstatt.
Lernwerk Vogelsang Mit Werkzeugen schrauben sie die Holzstücke zusammen.
Lernwerk Vogelsang In der Schreinerei wird auch Fingerspitzengefühl gebraucht.
Lernwerk Vogelsang Der Verein lernwerk in Vogelsang (Gebenstorf) feiert das 20-jährige Bestehen. Hier wird unter anderem IV-Bezügern, Personen vom RAV oder Flüchtlingen der Eintritt in den Arbeitsmarkt ermöglicht bzw. erleichtert. Im Bild: Zum Lernwerk gehört auch eine Schreinerei, wo die fachgerechte Arbeit mit Holz erlernt werden kann.
Lernwerk Vogelsang Im Lernwerk werden auch Velos repariert.
Lernwerk Vogelsang Die Velowerkstatt liegt oberhalb der Schreinerei.
Lernwerk Vogelsang Nach der Reparatur werden die Fahrräder verkauft.

Lernwerk Vogelsang

Sandra Ardizzone

Kurt W. ist 56 Jahre alt. Das zweite Burnout traf den ehemaligen Bauleiter heftiger als das erste. Seit Oktober, drei Monate nach dem zweiten Burnout, sucht er einen Weg zurück ins Leben und die Arbeitswelt. Dabei helfen soll ihm der Verein Lernwerk in Vogelsang, zwischen Baden und Brugg, wo er sich in einer Werkstatt durch das Arbeiten mit Holz erholen und motivieren kann.

Die Werkstatt liegt mitten im Wasserschloss nahe an der Limmat, drei Gehminuten vom Hauptgebäude des Vereins entfernt. Dieses Jahr feierte das Lernwerk sein 20-Jahr-Jubiläum. Das Unternehmen mit sozialem Auftrag begleitet Jugendliche und Erwachsene zurück in den Arbeitsmarkt oder hilft ihnen, Lehrstellen zu finden. «Es braucht Arbeit und Beschäftigung für das Selbstwertgefühl», sagt Christian Bolt, Mitbegründer und Vorsitzender der Geschäftsleitung des Lernwerks.

Der Verein trainiert Stellensuchende im Bewerbungsschreiben, bildet Lehrlinge aus und integriert Langzeiterwerbslose wieder in die Berufswelt. In der Küche geht es, ähnlich wie in der Werkstatt, laut zu und her. Lernende, aber auch Stellensuchende, bereiten hier das Mittagessen für die Schüler, Mitarbeiter und andere Besucher vor. Bolt, ein gelernter Forstwart, kam durch ein Flüchtlingsprojekt des Hilfswerks der evangelischen Kirche Schweiz (HEKS) zu der damaligen Gründung und seiner heutigen Tätigkeit. «Damals waren es Flüchtlinge aus dem bosnischen Srebrenica, denen ein Team und ich geholfen haben, sich in den Schweizer Arbeitsmarkt zu integrieren.» Das HEKS setzt sich in der Schweiz für die Rechte und die Integration von Flüchtlingen und sozial benachteiligten Menschen ein. Nach der Flüchtlingsintegration entstand Ende der Neunzigerjahre das HEKS Lernwerk, das später in den unabhängigen Verein Lernwerk umfirmiert wurde.

Der Kernauftrag blieb immer der gleiche: Arbeits– und Berufsintegration. Konzentrierte man sich zu Beginn vorwiegend auf Schulabgänger, pflegt der Verein heute Leistungsvereinbarungen mit den RAV und IV-Stellen, den kommunalen Sozialdiensten sowie dem Migrationsamt. Durch diese Vereinbarungen wird beispielsweise einem Arbeitslosen ein Programm im Lernwerk zugeteilt.

«Integration gelingt nicht immer»

Heute könnte die Kombination der Teilnehmer und Angebote nicht vielfältiger sein. Der 18-jährige Kajethan S. arbeitet an einem Fahrrad, das anschliessend verkauft werden soll. Trotz Realschulabschluss und 10. Schuljahr findet er keine Lehrstelle. «Ich habe ein schlechtes Zeugnis», sagt Kajethan, der gerne eine Ausbildung zum Gärtner machen würde. Um seinem Ziel etwas näher zu kommen, empfahlen ihm seine Lehrer schliesslich das Berufsvorbereitungsjahr im Lernwerk. Hier soll er mit der Kombination von Arbeit und Schule optimal auf eine dreijährige Ausbildung vorbereitet werden. In der Werkstatt arbeitet nebst Kurt W. auch der 28-jährige Bisrat U., ein Flüchtling aus Eritrea. Die lauten Geräusche der Sägen und Bohrmaschinen hindern ihn nicht daran, seinen Wunsch auszusprechen: «Ich möchte Maler werden.» Sein Programm sieht drei Arbeitstage pro Woche vor, an den anderen beiden Tagen besucht er einen Deutschkurs. Jährlich werden durch die verschiedenen Angebote des Lernwerks bis zu 800 Teilnehmende auf ihrem Weg zurück in den Arbeitsmarkt oder zu einer ersten beruflichen Grundbildung begleitet.

Nicht immer erfolgreich

«Die Integration gelingt leider nicht immer», sagt Bolt. Wichtig in diesem Beruf sei es, trotz der Niederschläge optimistisch zu bleiben, den Menschen zu mögen und jedem eine Chance zu geben. Was die Zukunft des Lernwerks betrifft, hat Bolt klare Vorstellungen. «Für die nächsten 20 Jahre wünsche ich mir viele Lehrstellen und einen stabilen Arbeitsmarkt». Kurt W. hatte vergangene Woche seinen letzten Arbeitstag. In der grossen Werkstatt stapelte er seine wohl letzten Holzbalken aufeinander. Ab sofort sucht er von zu Hause aus nach einer neuen Arbeitsstelle. «Ich denke, dass ich bereit für eine neue Herausforderung bin.»