Für Jay Belsky, Psychologieprofessor der University of California ist es sonnenklar: Krippen sind fürs Sozialverhalten der Kinder ungünstig. Je länger ein Kind in der Krippe ist, desto häufiger kommt es zu aggressivem Verhalten in Kindergarten und Vorschule. Vor allem die Gesundheit sehr junge Kinder, die mehr als zehn Wochenstunden in einer Kindertagesstätte verbringen, würden unter ihrer psychischen Gesundheit leiden. Aussagen, die Belsky der sogenannten Early Child Care Study entnommen hat, die im Auftrag des National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) in Auftrag gegeben wurde. Ein derart pauschales Urteil war medienwirksam genug, um es flugs auf dem mondialen Blätterwald zu verbreiten. Denn bis anhin glaubte man gemeinhin eher das (ebenso pauschale) Gegenteil: Krippenkinder galten als früher entwickelt und sozial kompetenter, insbesondere Kindern aus minder privilegierten Verhältnissen wurde attestiert, von Krippen zu profitieren. Belsky zog zudem den Schluss, dass sich kognitive Leistungen, wenn überhaupt in Krippen, dann nur bei guter Betreuungsqualität steigern lassen können.

Ein Knackpunkt. Und exakt die Schwachstelle, die letzte Woche die Sendung «Kassensturz» offen legte. In einem Beitrag wurde die Krippe «Häsliburg» aus Arni/Baden verschiedener Missstände bezichtigt. Eine ehemalige Betreuerin bemängelte die zu grosse Babygruppe, das fehlende qualifizierte Personal und die generelle Überforderung. Der Beitrag zeigte zudem auf, dass es im Kanton Aargau an den entsprechenden Qualitäts- und Kontrollinstanzen mangelt. «Die Babys haben oft geschrien», sagte die einstige Betreuerin Tanja Barths, die selbst Mutter eines Kleinkind ist. Es sei ihnen aber nicht gestattet gewesen, die Kleinen auf den Arm zu nehmen und liebevoll zu trösten. Die Babygruppe in der Badener Krippe habe «bis zu 12 Säuglinge» gehabt, die öfters am Abend von einer einzigen Person, einer Lernenden betreut worden waren.

Baden hat gute Krippenqualität

Wiewohl ein Missstand, wenn auch kein Einzelfall. Experten attestieren dem Schweizer Krippenwesen generell Strukturmängel, insbesondere beim Personal. Die Leiterin Fachstelle Familie der Stadt Baden, Brigitte Häberle, sagt:. «Es entstanden in sehr kurzer Zeit sehr viele neue Krippen und der Markt ist dementsprechend ausgetrocknet. Es ist sehr schwierig, ausgebildetes Person zu finden.» Jeremy Hellman, Pädagoge am Marie Meierhofer-Institut, affirmiert: «Nach dem quantitativen Ausbau der letzten Jahre müssen alle Beteiligten die Kernaufgaben der Krippen klären und gemeinsam über ihre Qualität diskutieren.»

Genau das, ein Qualitätslabel nämlich, wollen die Jacobs-Fondation und der Verband Kindertagesstätten der Schweiz (KiTaS) endlich klar definieren: Sie erarbeiten bis 2013 ein umfassendes Qualitätslabel für die rund 1000 Kindertagesstätten der Deutschschweiz. Das würde auch den Kanton Aargau unter Zugzwang bringen. «Die PAVO regelt einzig, dass Einrichtungen, die mehrere Kinder unter zwölf Jahren regelmässig tagsüber zur Betreuung aufnehmen, eine Bewilligung benötigen. Im Kanton Aargau bestehen keine Qualitätsrichtlinien für die Kinderkrippen«, erklärt Brigitte Häberle. Krippenpool.ch hat deshalb einen Qualitätsstandard für die Erteilung und Erneuerung von Betriebsbewilligungen ausgearbeitet. Dieser Dieser Qualitätsstandard wird von den Krippenpoolgemeinden Baden, Ennetbaden, Obersiggenthal und Wettingen für alle Krippen mit Standort in einer der vier Gemeinden angewendet, so Häberle. Ihr zufolge «ist das Betreuungsqualität in der Krippen in der Region gut.» Doch die Kinderkrippe «Häsliburg» sucht man auf dem Portal vergeblich.

Zuwendung, Liebe, Aufmerksamkeit

Was aber ist eine gute Krippe, fragen wir die Fachfrau? «Eine gute Krippe legt Wert auf verlässliche Beziehungen zwischen dem Betreuungspersonal und den Kindern, gestaltet die Räume anregend und vielfältig, verfügt über Spielmaterial und Bewegungsmöglichkeiten, die die Kinder ganzheitlich fördern und pflegt einen guten Kontakt mit den Eltern. Sie fördert die Reflektion und Weiterbildung des Personals und beteiligt sich an innovativen Projekten», erklärt die Fachfrau.

Doch Qualität hat ihren Preis. Einen Ganztagsplatz in der Krippe «Häsliburg» kostete CHF 110 pro Kind und Tag, in der Stadt Zürich ist er in guten Krippen nicht unter CHF 120 zu haben. «Die Tarife sollen so gestaltet sein, dass sich alle Eltern unabhängig vom Einkommen einem guten Krippenplatz leisten können. Die Kosten pro Tag und Platz sollen so hoch sein, dass die Qualitätsstandards eingehalten werden können. Dies wird von den Krippenpoolgemeinden erfüllt», erklärt Häberle.

Eine teure Angelegenheit

Doch so lange es keine einheitlichen Qualitätsstandards gibt, ist eine objektive Beurteilung des Krippenstandards schwierig. «Für Eltern ist es schwierig, zu bestimmen, wie gut eine Kita ist», sagt Geschäftsführerin Talin Stoffel. Studien würden zeigen, dass Eltern die Qualität der Krippen oft massiv überschätzten. «Sie reden sich die Krippen schön

Nicht nur: Eine Umfrage der az hat gezeigt, dass 40 Prozent aller Teilnehmer zwar um die nicht immer optimalen Umstände ihrer Kita wissen, aber nichts dagegen tun können, weil sie keine andere Wahl haben. Ihnen nützt es auch wenig, dass Belsky zwar an ein Tabu gerührt, dabei aber verschwiegen hat, dass «seine» Studie keine kontrollierte Vergleichsstudie ist, sondern lediglich auf Beobachtungen basiert, die keine wissenschaftlich unterstütze Kausalität zwischen Krippe und Sozialverhalten zulässt.