Traubenlese

Wümmet 2015 – «Das wird ein hervorragender Jahrgang»

Rekordhitze, Trockenheit und schädliches Pflanzenschutzmittel: Das Weinjahr 2015 hatte es in sich. Doch die Winzer sind guten Mutes und versprechen sich viel von der Traubenernte.

Mit einer Rebschere ausgerüstet, stehen sie am steilen Hang. Die Sonne erhitzt die Südseite der Lägern, während die kleinen, grauen Kisten langsam von den Helferinnen und Helfern mit Blauburgunder-Trauben gefüllt werden – es ist Wümmet in den Rebbergen der Region!

Mit der Erntezeit geht eine ungewöhnliche Saison für die Winzer zu Ende. Sowohl gute als auch schlechte Nachrichten waren dieses Jahr aus den Weingütern zu hören. Zuerst die guten: Das Sommerwetter hätte für den Anbau kaum besser sein können. Machte die Kirschessigfliege letztes Jahr den Winzern noch zu schaffen, ging sie in der Gluthitze 2015 regelrecht ein.

Fast schon zu viel des Guten war die mit der Hitze verbundene Trockenheit, was insbesondere jüngere Rebstöcke mit weniger tiefen Wurzeln betraf. Der Hauptfeind kam dieses Jahr jedoch aus der Spritzflasche. Das Pflanzenschutzmittel «Moon Privilege» der Firma Bayer sorgte an verschiedenen Orten für Ausfälle. Das Fazit des Aargauischen Weinverbandes fällt jedoch positiv aus. «Wir haben dieses Jahr etwa zwei Wochen früher mit der Ernte angefangen als im Schnitt, da die Trauben schon reif waren. Die Reben sind von hervorragender Qualität», sagt Präsident Peter Wehrli. «Das schöne Wetter während der Lese freut natürlich zusätzlich.»

Doch wie steht es mit den Ernteausfällen wegen des Bayer-Pflanzenschutzmittels? Diese dürften sich auf die ganze Region verteilt in Grenzen halten. «Nur etwa 20 Prozent der Rebfläche wurde mit diesem Mittel behandelt», erklärt Wehrli. Zudem seien die Auswirkungen je nach Rebensorte, Unterlage und Konzentration unterschiedlich. Die betroffenen Bauern haben vom Konzern Bayer Schadenersatz gefordert.

Wie es aber weitergeht, wird sich in der ersten Novemberwoche zeigen. Dann soll nämlich die Schweizer Weinbranche mit dem deutschen Pharma-Konzern an einen Tisch sitzen. «Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass wir eine gute Lösung finden werden», zeigt sich Peter Wehrli optimistisch. Optimistisch dürften nach diesem Sommer auch die Winzer in der Region gestimmt sein, von denen viele nächste Woche die Ernte abschliessen werden.

Weingut Pirmin Umbricht, Untersiggenthal

In Untersiggenthal hilft die ganze Familie bei der Traubenlese. Auch die Kinder von Winzer Pirmin Umbricht, der 7-jährige Lorin und seine 5-jährige Schwester Enora, arbeiten kräftig mit und geniessen dabei das schöne Wetter. «Die Beeren sind dieses Jahr aufgrund der Trockenheit ein bisschen kleiner. Dafür sind sie süss», sagt Pirmin Umbricht zufrieden. Besonders der Rotwein sei dieses Jahr eine gefreute Sache. Die weissen Trauben sind schon alle unter Dach und Fach, in der zweiten Etappe folgen die roten. Weil die Reife schon so weit fortgeschritten ist, muss Umbricht nicht wie in anderen Jahren zitternd auf gutes Wetter bis zum Schluss der Ernte hoffen. «So macht es Spass», fasst er die Saison zusammen.

Meinrad Steimer Weinbau, Wettingen

Bei der Weinkellerei an der Rebbergstrasse werden die Trauben von Hand kontrolliert, bevor sie ins Lager heruntergelassen werden. Alles unter dem wachsamen Auge von Josef Steimer, der vor 55 Jahren die Weinkellerei in Wettingen gebaut und somit den Grundstein für das heutige Weingut gelegt hat. In den Steilhang geht er in seinem Alter nicht mehr oft, die Verantwortung liegt heute bei seinem Sohn Meinrad. Mit dessen Auto geht es in die Höhe der Wettinger Rebberge. Dort wird gerade Blauburgunder gelesen. Acht bis zehn Leute helfen Meinrad Steimer während der Erntezeit. Er ist zufrieden mit dem Jahr: «Ein bisschen mehr Regen hätte es geben dürfen, aber das ist schon Detailkritik.» Die hohen Temperaturen hätten zudem den positiven Nebeneffekt gehabt, dass Schäden durch die Kirschessigfliege ausblieben. Diese machte Steimer letztes Jahr zu schaffen. Der Ernteausfall hielt sich damals zwar in Grenzen, doch der Arbeitsaufwand war deutlich höher als im aktuellen Jahr.

Weingut Goldwand, Ennetbaden

Noch ist der Himmel bewölkt und das Gras um die Reben nass. Doch Michael Wetzel vom Weingut Goldwand in Ennetbaden ist zuversichtlich, dass am Nachmittag geerntet werden kann. «Wir haben dieses Jahr eine gute Truppe, die uns beim Lesen hilft. Wenn man so viel Zeit zusammen in den Weinbergen verbringt, ist es wichtig, dass die Chemie untereinander stimmt», sagt er. Eine Helferin hat für 30 Personen Kartoffelsalat zubereitet, Wetzel ist gleich doppelt froh, dass er den Ernte-Nachmittag nicht absagen musste. Die Hälfte aller Trauben ist schon abgelesen, er rechnet für dieses Jahr mit bis zu 50 000 Flaschen Ertrag. Die Hitze des vergangenen Sommers haben seine Reben gut überstanden. Einzig die «Teenie-Reben», wie Wetzel die ungefähr 7- bis 8-jährigen Pflanzen nennt, haben unter der Trockenheit gelitten. Die älteren Reben, die den Rekordsommer 2003 schon erlebt hatten, sorgten vor und reckten ihre Wurzeln tiefer in die Erde.

Weinbau Monika und Meinrad Keller, Döttingen

«Dieser Sommer war sehr gut für uns!» Winzer Meinrad Keller ist mit dem heissen Sommer vollends zufrieden. Der konstante Sonnenschein auch in der Reifephase hat ihm über 100 Grad Öchsle beschert. Meinrad und Monika Keller sind mitten in der Ernte, bis zum 18. Oktober sollen alle Trauben abgelesen sein. «Wir sind dieses Jahr sehr früh dran», sagt der Winzer. Er habe kaum je schon vor dem Winzerfest geerntet. Die diesjährigen Trauben sind von einer hohen Farbintensität, auch der Alkoholgehalt dürfte ein bisschen höher sein als normal. Für Meinrad Keller auf jeden Fall ein hervorragender Jahrgang. «Dieses Wetter würde ich jede Saison nehmen», da ist sich Keller sicher.

Weingut Alter Berg, Tegerfelden

Der Regen lässt noch auf sich warten, es herrscht eine lockere Stimmung am Südhang zwischen Döttingen und Tegerfelden. «Zurzeit lesen wir ‹Pinot gris›», erklärt Michael Deppeler bei einer Führung durch den Rebberg. Er betreibt das Weingut Alter Berg in der dritten Generation. Auf 6,5 Hektaren wachsen insgesamt acht verschiedene Traubensorten. Im Herbst braucht Deppeler entsprechend viele Arbeitskräfte für die Lese: «Wir haben einen Pool von 15 bis 20 Helferinnen und Helfern, die wir auf Abruf einsetzen können», sagt er. In diesem Jahr gibt es in Tegerfelden keinen Ernteausfall zu beklagen, der Öchsle-Wert, der das Mostgewicht der Reben misst, steigt vereinzelt sogar auf erfreuliche 100 Grade – oder mehr. Wie viele Liter Wein erwartet der Winzer für das Erfolgsjahr 2015? «Handgelenk mal Pi werden wohl etwa 30 000 Liter Wein verarbeitet», rechnet Michael Deppeler vor. Sein Team wird mindestens noch diese und nächste Woche ernten.

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