Baden
Wunderli, die Wundertüte: Der Ur-Badener im Montagsporträt

Roland Wunderli (67) wäre fast Fussball-Profi oder Pfarrer geworden, nun leitet er eine Taxifirma.

Martin Rupf
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Roland Wunderli hat es auch im Alter von 67 Jahren nicht verlernt: Das Trikot mit dem Sponsor Twerenbold war das offizielle Heim-Trikot des FC Baden in der Aufstiegs-Saison 1984/1985.Sandra Ardizzone

Roland Wunderli hat es auch im Alter von 67 Jahren nicht verlernt: Das Trikot mit dem Sponsor Twerenbold war das offizielle Heim-Trikot des FC Baden in der Aufstiegs-Saison 1984/1985.Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

«Herr Wunderli, das ist jetzt aber nicht ihr Ernst!?». Dieser Satz entfährt dem Journalisten zu Beginn des Gesprächs. Roland Wunderli, seit 2004 Chef der Badener Taxi AG, hat in sein Büro geladen. Im Hintergrund hört man den Funkverkehr seiner Taxifahrer. «Sie hören doch nicht etwa den Funkverkehr Ihrer Mitarbeiter ab, Herr Wunderli?» Wunderli setzt sein typisches Lachen auf und sagt: «Doch, das tue ich. Ich möchte wissen, was an der Front passiert.» Zudem sei es gar nicht schlecht, wenn die Fahrer wüssten, dass er den Funkverkehr mithöre. «Somit ist garantiert, dass der Umgangston untereinander anständig ist, was der Fahrgast auch erwartet.» Während er dies sagt, bringt die Sekretärin ihm und dem Gast einen Kaffee – Wunderli fühlt sich in der Rolle des Patrons ganz offensichtlich wohl.

Keine Wache wegen Feldweibel

Wunderli ist ein Ur-Badener. Mit Freude erinnert er sich an seine Kindheit zurück. «Meine Mutter betrieb im ‹Castell› – gleich gegenüber dem Kursaal – eine Papeterie.» Mitte der 50er-Jahre seien noch die goldenen Zeiten der Bäder gewesen. «Man stelle sich das einmal vor: Die Papeterie hat von den Kurgästen gelebt.» Den heutigen Zustand des Bäderquartiers umschreibt Wunderli mit einem Wort: «Katastrophe!» Wunderlis Kindheit war geprägt von viel Kultur und einer grossen Portion Italianità. «Meine Mutter war leidenschaftliche Tänzerin und Unterhalterin; ich erinnere mich an viele grosse gesellschaftliche Anlässe im Kursaal, mit den damaligen legendären Kurorchestern.» Von seiner Grossmutter, die aus San Marino stammte, habe er das italienische Temperament geerbt. «Sie führte neben dem heutigen ‹Torre› eine Pension, in der sie viele Italiener beherbergte –diese arbeiteten damals bei der BBC. Ein 3-Gang-Menu gab es für sage und schreibe 2.50 Franken.»

Auch an seine Schulzeit in Baden erinnert Wunderli sich gerne. «Immer wenn wir zu spät in die Bezirksschule kamen, gaben wir der Barriere beim Schulhausplatz die Schuld.» Eigentlich sei es denjenigen, die nahe bei der Schule wohnten, untersagt gewesen, mit dem Velo zur Schule zu fahren. Natürlich habe man sich immer wieder auch über dieses Verbot hinweggesetzt, erinnert sich Wunderli lachend.

Überhaupt waren Klein Wunderli Sport und Bewegung sehr wichtig. Als kleiner Junge begann er beim FC Baden Fussball zu spielen und war aktiv bei der Jugendriege der Stadtturner dabei. Als junger Mann liess er sich schliesslich als Funker im Militär ausheben. «Das war eine lockere Sache. Und weil ich dem damaligen Sportlerzug angehörte, konnte ich viel trainieren.» Zum Glück sei auch der Feldweibel ein angefressener Fussballfan gewesen, «wodurch ich am Samstag und Sonntag nie Wache schieben musste». An einen Militär-Ablöscher erinnert sich Wunderli gleichwohl. «Am Ende der RS war ein 30-Kilometer-Marsch angesagt. Jeder von uns bekam ein Päckli Bundesziegel als Notvorrat.» Es sei ihnen untersagt gewesen, diese zu essen, «was einige von uns natürlich trotzdem taten». Resultat: «Drei Abende kein Ausgang.»

Nussgipfel und Kaffee fertig

In der Zwischenzeit spielte Abwehrspieler Wunderli in der Nationalliga B für den FC Baden. «Pro Saison erhielten wir rund 1500 Franken plus Siegesprämien – und jedes Jahr einen neuen Trainingsanzug.» Das seien noch Zeiten gewesen, erinnert sich Wunderli an die Spiele auf dem Wettinger Scharten.

An das Cupspiel im November 1968 denkt er besonders gerne zurück. «Nach 20 Minuten führten wir gegen den haushohen Favoriten GC mit 3:0; am Ende unterlagen wir dann aber mit 4:5.» 3000 Zuschauer hätten dem Spiel damals beigewohnt.

Wunderli hätte vielleicht das Zeug zum Profifussballer gehabt, hätte. «Dummerweise nahm ich an einem Grümpelturnier teil, wo mir ein Gegenspieler mein rechtes Knie zertrümmerte.» Die Verletzung habe das Ende der Fussballkarriere bedeutet. Immerhin habe ihm die Verletzung «geholfen», seine Militärkarriere zu beenden. «So kam es, dass ich eine steile Karriere im Zivilschutz machte», so Wunderli mit Schalk in den Augen. «Ich war der 1. Sirenenalarm-Leiter, meine Sirene stand beim Restaurant Pinte in Dättwil.» Um 9 Uhr sei man bei Sirenenalarm jeweils eingerückt. Nach getaner Arbeit sei man rasch zum Nussgipfel und Kaffee fertig übergegangen, erinnert sich Wunderli lachend.

Weit ambitionierter ging Wunderli dafür seine berufliche Laufbahn an. Wobei: Viel hätte nicht gefehlt und Wunderli hätte sich zum Pfarrer ausbilden lassen. «Nach der Bezirksschule machte ich einen Sprachaufenthalt in Neuenburg – in einer von katholischen Pfarrern geführten Schule.» Er sei positiv überrascht gewesen vom Ordensleben und der geordneten Tagesstruktur. «Die habe sogar getschuttet; ja, ich spielte tatsächlich kurz mit dem Gedanken, einen theologischen Weg einzuschlagen.» Doch schliesslich entschied er sich doch für den weltlichen Weg.

Als junger Mann absolviert er eine kaufmännische Lehre bei der Schreinerei Burger in Baden. Danach arbeitete Wunderli erst in Lausanne für die Velomarke Cilo – damals Hauptsponsor von Hugo Koblet –, war dann als Disponent bei der Amag in Schinznach tätig, ehe er sechs Monate in «good old England» verbrachte, wie er es selber nennt. Nach der Rückkehr war er im Marketingbereich bei der Esso tätig, ehe er wieder von der Amag Bern als Autoverkäufer geholt wurde.

Von 1974 bis 1994 war er dann rund 20 Jahre für die Avis und die Europcar Autovermietung in Zürich und Paris im Einsatz, bevor er für 10 Jahre Chef von Adam Touring Schweiz wurde. «Anfang der Jahrtausendwende kam bei mir der Wunsch auf, wieder in die Geburtsregion zurückzukehren.» Im 2004 suchte die Badener Taxi AG einen neuen Chef. «Ich wusste sofort: Das ist mein Ding. Ich kenne Baden und die Region, kann es gut mit Menschen und habe Erfahrung im Automobil- und Transportgewerbe.»

Golf und edle Tropfen als Hobby

Über zehn Jahre später sitzt Wunderli trotz seiner «jugendlichen» 67 Jahre immer noch im Chefsessel. «Ausser Golf, gutes Essen und edle Tropfen mit Freunden habe ich eigentlich keine grossen Hobbys; meine Arbeit ist mein Hobby und bereitet mir grosse Freude; daher werde ich auch vorläufig hier weitermachen.» Langweilig wird es ihm so oder so nicht. Ist er ja auch noch im Vorstand von Taxi Suisse, im Brödlirat (Chef Fasnacht) der Spanischbrödlizunft und gehört seit Jahren dem Rotary-Club Wettingen-Heitersberg an, wo er ab dem 1. Juli 2015 das Präsidentenamt übernehmen wird.

Mit seiner Frau wohnt der Ur-Badener schon seit über 20 Jahren glücklich in Busslingen, «wo ich das Glockengebimmel der Kühe auf den saftigen Wiesen und die gesunde Waldluft geniesse». Überhaupt: «Ich bin ganz zufrieden, wie mein Leben bisher gelaufen ist; ich blieb bis jetzt von schweren Schicksalsschlägen verschont.» Aus diesem Grund könne er alles auch sehr gelassen und mit dem entsprechenden Humor nehmen. Wirklich? Den Funkverkehr seiner Taxifahrer wird er bis zum letzten Tag als Taxi-Chef mithören.

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