Frau Feri, Sie sahen sich kurz vor
Ihrem Rücktritt als Gemeinderätin mit harscher Kritik an Ihrem Führungsstil bei den Sozialen Diensten konfrontiert und unterlagen wenige Tage später mit rund 10 000 Stimmen bei den
Regierungsratswahlen der gewählten Franziska Roth (SVP). Was war schwerer zu verdauen?

Yvonne Feri: Natürlich hätte ich mich über die Wahl sehr gefreut. Aber ungeachtet der Wahlen hätte ich mir einen angenehmeren Rücktritt gewünscht. Irgendjemand aus bürgerlichen Kreisen – wohl SVP oder FDP – hat das provisorische Protokoll mit jenen Anschuldigungen explizit verbreitet. Das ist respektlos und kein fairer Wahlkampf. Nach elf Jahren so aufhören zu müssen, ist unschön. Was ich wirklich bedenklich finde, ist der Vertrauensmissbrauch zwischen Einwohnerrat und Gemeinderat.

Die Aussagen hat Fiko-Präsident Christian Wassmer (CVP) gemacht. Hätten Sie sich gewünscht, dass die Finanzkommission sich mit der Kritik an Sie wendet, statt den Einwohnerrat jetzt schon zu involvieren?

Die Finanzkommission bekam den Bericht im Wissen darum, dass der Gemeinderat jetzt daran arbeitet sowie Massnahmen ergriffen werden und es voraussichtlich im nächsten Quartal einen abschliessenden Bericht zuhanden des Einwohnerrats geben wird. Eine vorgängig vertiefte Diskussion war nicht vorgesehen. Doch die Aussagen von Christian Wassmer sind inakzeptabel. Der Bericht ist vertraulich, also können wir seine Aussagen nicht mit Fakten widerlegen und nicht erklären. So stehen diese einfach im Raum.

Was ist Ihr Appell an die Einwohnerräte nach dieser Episode?

Man muss zusammenarbeiten, auch wenn man verschiedenen Parteien angehört. Das gilt im Gemeinderat, dem Einwohnerrat und in den Kommissionen. Wir haben alle das gleiche Ziel: die Gemeinde Wettingen vorwärtszubringen. Man muss einander arbeiten lassen und die verschiedenen Zuständigkeiten und Aufgaben akzeptieren und respektieren.

Sie sagten an der letzten Einwohnerratssitzung, dass Sie auch wegen der Kritik an Ihrem Doppelmandat als
Nationalrätin und Gemeinderätin zurücktreten. Was meinten Sie damit genau?

Ich fühlte mich als Nationalrätin nicht von allen Mitgliedern der verschiedenen Gremien akzeptiert. Wenn ich in Bern an einer Sitzung war und gleichzeitig in Wettingen eine Sitzung stattfand, hat man mir meine Abwesenheit in Wettingen vorgeworfen. Dabei wird die Verbindung von zwei Ämtern wie bei den Gemeindeammännern oder -räten, die im Grossen Rat sind, geschätzt. Diese Akzeptanz habe ich kaum zu spüren bekommen. Das hat mir nicht mehr gutgetan.

Kommt hinzu, dass Sie mit dem Sozialbereich ein Ressort leiteten, das alle Gemeinden mit steigenden Kosten und Themen wie Asyl-, Gesundheitswesen sowie Sozialhilfe enorm herausfordert. Hätten Sie sich manchmal ein anders Ressort gewünscht?

Man gewinnt mit diesem Ressort keinen Blumenstrauss und es ist sehr arbeitsintensiv. Aber ich habe diese Arbeit immer mit Herzblut gemacht. Allerdings schlug ich bereits in früheren Jahren vor, dass ein bürgerlicher Gemeinderat das Ressort übernimmt, damit auch den Bürgerlichen klar wird, dass man beispielsweise verlangte Berichte durch das Familiengericht nicht einfach zurück an den Absender schicken kann und die Sozialhilfeleistungen aufgrund von Gesetzen gesprochen werden. Natürlich wollte niemand mein Ressort übernehmen.

Was werden Sie trotz der jüngsten Vergangenheit vermissen, wenn Sie nicht mehr im Amt sind?

Sicher das Gemeinderats-Kollegium. Auch wenn es manchmal harte Diskussionen gab, waren wir immer ein gutes Team und haben uns gegen aussen den Rücken gestärkt. Wir haben uns menschlich immer akzeptiert, auch wenn wir nicht die gleiche Meinung hatten. Und dann wird mir die Fraktion SP/WettiGrüen mit den spannenden Diskussionen fehlen. Letztlich sicher auch die Gespräche mit der Bevölkerung. Wenn ich mit Menschen rede, dann sind das immer sehr bereichernde, sachliche Gespräche.

Hatten Sie nie das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, wenn Sie einkaufen oder zur Post gingen?

Nein, wenn, dann sind es eher die Medien, von denen ich mich manchmal beobachtet fühle. Ich werde auch nicht ständig auf politische Themen angesprochen und ein Schwatz ab und zu tut ja auch gut.

Kennen Sie verbale Attacken, wie sie nationale Politiker in den sozialen Medien nicht selten erleben, auch als Gemeinderätin?

Als Gemeinderätin kaum. Ich habe aber auch schon regelmässige anonyme Post, Mails oder SMS von Wutbürgern bekommen, die teils unter der Gürtellinie waren oder dann hiess es, ich sei eine Landesverräterin. Das hängt aber wohl eher mit meinem Nationalratsamt zusammen.

Yvonne Feri: «Jetzt bin ich gespannt, ob die SVP mit Frau Roth die schwierigen Dossiers in den Griff bekommen wird.»

Yvonne Feri nach der Wahl: «Jetzt bin ich gespannt, ob die SVP mit Frau Roth die schwierigen Dossiers in den Griff bekommen wird.»

27. November 2016

Wie ernst nimmt man als Politikerin solche Beschimpfungen?

Ich nehme das sehr ernst, weil solche Personen mich kennen, ich aber nicht weiss, wer sie sind. Das kann manchmal Angst machen und ich habe deswegen auch schon Abklärungen bei der Polizei gemacht. Wirklich schlimm wurde es aber glücklicherweise nie.

Auf welche Ihrer Errungenschaften sind Sie besonders stolz?

Sicher die Fachstelle für Altersfragen, das Altersleitbild, die Tagesstrukturen, die neue Strategie Krippenpool. Bei der Fachstelle wird man nun schauen müssen, wie man die Stelle optimieren kann. Und trotz der Schwierigkeiten bei den Sozialen Diensten haben wir diese seit meinem Amtsantritt stark professionalisiert. Als ich 2006 Gemeinderätin wurde, gab es bei den Sozialen Diensten weder eine Statistik noch klare Prozessabläufe. Mit den heutigen – auch neuen – Herausforderungen brauchte es eine Weiterentwickelung.

Wo hätten Sie gerne noch mehr
erreicht?

Ich hätte die Sozialen Dienste gerne noch weiter professionalisiert. Aber im Nachgang der Kündigung des Leiters Stefan Liembd kam es zu mehreren Personalwechseln, wodurch dies nicht mehr möglich war. Auch hätte ich gerne für die Langzeit-Sozialhilfebezüger ein Konzept entwickelt, damit sie wieder in die Arbeitswelt integriert werden. Und im präventiven Bereich hätte ich noch einige Projekte aufgleisen wollen. Beispielsweise ein Beratungsangebot für Menschen, die auf der Kippe zur Sozialhilfe stehen.

Wenn Sie noch so viele Projekte für Wettingen im Köcher hatten, warum haben Sie sich letztlich für Bern entschieden?

Ich bin erst seit fünf Jahren Nationalrätin, aber bereits elf Jahre Gemeinderätin. Ich habe immer gesagt, dass drei Legislaturen optimal sind. Danach soll man den Jungen Platz machen. Das ist meine feste Überzeugung. Und das Amt als Nationalrätin ist eine schöne und grosse Herausforderung. Da warten noch viele spannende Aufgaben.

Im einen Moment diskutieren Sie in Bern noch über Europapolitik und im nächsten über eine Strassensanierung in Wettingen. Hand aufs Herz, was ist spannender?

Ich sehe es so, dass wir als Gesellschaft auf jeder Staatsebene grosse Herausforderungen haben. Die grössten sind in der Weltpolitik zu finden – beispielsweise die Armutsbekämpfung. In den Gemeinden gibt es auch grosse Herausforderungen. Eine Strasse ist für die Einwohner, die sie brauchen, unglaublich wichtig. All diese Anliegen haben ihre Berechtigung und es ist nicht an mir, zu werten.

Wie nehmen Sie abgesehen davon den Unterschied wahr?

Die Arbeit in der Gemeinde ist natürlich viel handfester und spürbarer. Deshalb finde ich auch das Exekutivamt sehr spannend. Da kann man etwas bewegen, kann agieren und reagieren. Das kann ich auf nationaler Ebene weniger, da bin ich eine von 200.

Sie haben sich früher als Einwohnerrätin stark für die Tagesstrukturen eingesetzt. Haben sie das aus einem
eigenen Bedürfnis heraus als alleinerziehende Mutter zweier Töchter vorangetrieben?

Sicher auch, aber vor allem sollen berufstätige Mütter und Väter freier entscheiden können, wie sie Beruf und Familie verbinden wollen. Der Arbeitsmarkt ist nicht zuletzt auch auf die gut ausgebildeten Frauen angewiesen. Und es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass Familien frei entscheiden können, wie sie sich mit Kindern und Arbeit organisieren.

Vor drei Jahren wurde Ihre Tochter Celina in den Einwohnerrat gewählt. Wie hat sich das auf Ihre Mutter-Tochter-Beziehung ausgewirkt?

Wir konnten Privates und Politik immer gut trennen. Auf politischer Ebene haben wir die Mutter-Tochter-Beziehung ausgeblendet. Aber ich stelle fest, dass wir im Privaten mehr über politische Themen diskutieren als früher.

In der Einwohnerratssitzung haben sie hin und wieder gleichzeitig das Smartphone gezückt. Gingen da Nachrichten hin und her?

(Lacht) ja ab und zu – aber nichts über den Ratsbetrieb.

Was stand jeweils drin?

Privates – und es bleibt privat (lacht).

Wenn Sie 5 Minuten Ihrer Zeit als Gemeinderätin streichen könnten, welche wären es?

Ich würde die Kündigung des Leiters der Sozialen Dienste, Stefan Liembd, streichen.

Welche 5 Minuten würden Sie nochmals erleben wollen?

Den Moment, als ich zum ersten Mal als Gemeinderätin gewählt wurde. Damals ging ein sehr grosser Wunsch in Erfüllung.

Wo soll Wettingen noch mutiger und visionärer sein?

Bei den Präventionsthemen und im kulturellen Bereich. Und die Gemeinde sollte mehr den Mensch und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellen statt nur die Finanzen.

Was braucht Wettingen aus Ihrer Sicht noch?

Eine Verwaltung, die mehr Zeit hat zum Denken und Gestalten. Derzeit steuert Wettingen auf eine «magersüchtige» Verwaltung zu, weil der Steuerfuss nicht – oder zu wenig – angetastet werden soll.

Was werden Sie mit Ihrer gewonnenen Zeit machen, wenn Sie nicht mehr
Gemeinderätin sind?

Zuerst gehe ich für zwei Wochen in die Ferien. Aber die Agende im Januar ist schon wieder sehr voll. Ich bin Präsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Dort werde ich sicher mehr Zeit investieren. Vor allem aber werde ich mich noch intensiver bei den Themen der nationalrätlichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit einbringen. Der Rest wird sich weisen.