Baden

Zahl der Signalkrebse im Badener Stadtbach massiv eingedämmt

Signalkrebs: Die Stadtkrebs bekämpft den Eindringling.

Signalkrebs: Die Stadtkrebs bekämpft den Eindringling.

Die aus Amerika eingeschleppte Tierart steckt einheimische Krebse mit einer Seuche an. Stadt und Kanton kämpfen in Baden erfolgreich gegen den tödlichen Eindringling.

250 Gramm Schweineleber sind verschwunden — gefressen von rund 15 Signalkrebsen, einer aus Amerika eingeschleppten Tierart. Sie sind in der braunen Plastik-Reuse gefangen, die Fritz Wanner junior an einer schwarzgrauen Schnur aus dem Dättwiler Weiher nimmt. «Diese Krebse sind jetzt sicher satt», sagt Wanner.

Den gefrässigen Signalkrebsen geht es also gut. Nicht so den einheimischen Krebsarten: Edelkrebse, Dohlenkrebse und Steinkrebse sind im Dättwiler Weiher und im Badener Stadtbach ausgestorben. Amerikanische Signalkrebse haben die einheimischen Krebsarten verdrängt, indem sie sie mit der Krebspest ansteckten.

Diese Pilzkrankheit endet für einheimische Krebse ausnahmslos mit dem Tod. Signalkrebse hingegen sind gegen die Tierseuche resistent. Die ungebetenen Gäste mit dem weissen «Signal-Fleck» auf ihrer Schere lassen sich nicht mehr ausrotten. «Zumindest nicht mit ökologisch vertretbaren Mitteln», sagt Thomas Stucki, Leiter Sektion Jagd und Fischerei beim Kanton Aargau. Ende der 90er-Jahre schrieb er an der Universität Zürich seine Doktorarbeit über die Badener Signalkrebse. Er kennt sich bestens aus mit diesen sogenannten Neozoen. So nennt man eingeschleppte Tierarten. Neben den Signalkrebsen wurden aus Amerika auch der Kamberkrebs und der Rote Sumpfkrebs eingeschleppt. Auch diese Arten verbreiten die Krebspest.

Nur noch 79 statt 3922 Signalkrebse

Fritz Wanner legt die Signalkrebse in einen weissen Plastikeimer zu den Krebsen, die er schon mit einer anderen Reuse gefangen hat. Die Panzer der Tiere, im Fachjargon Carapaces genannt, machen ein sanftes Klack-Geräusch, wenn sie einander berühren. Seit Mitte der 90er-Jahre weiss man, dass im Dättwiler Weiher Signalkrebse leben. Wie sie in das Gewässer vor den Toren Badens geraten sind, bleibt ungeklärt. Was bekannt ist: Die Krebsart wurde lange im Lebensmittelhandel verkauft, insbesondere in den 80er-Jahren.

Vom Dättwiler Weiher aus besiedelten die Krebse einst den Stadtbach. Im Rekordjahr 2003 fing man im Stadtbach 3922 Signalkrebse, im letzten Jahr waren es dank den Fangaktionen, dem Einbau eines Krebsgitters und der temporären Trockenlegung des Stadtbachs nur noch 79. «Dass wir den Bestand an Signalkrebsen reduzieren konnten, ist nur ein Zwischenerfolg. Daran müssen wir anknüpfen», sagt Pascale Contesse von der Abteilung Stadtökologie der Stadt Baden.

Auch im Dättwiler Weiher wurde der Bestand an Signalkrebsen mit Fangaktionen reduziert: 1999 wurden noch 4120 Signalkrebse gefangen, in den letzten sechs Jahren waren es jeweils rund 900.

«Linde» serviert Signalkrebs-Suppe

Der Kanton Aargau kämpft weiter gegen die Eindringlinge. Er schreibt vor, dass die Signalkrebse gefangen werden müssen, damit sie sich nicht zu stark ausbreiten und auch nicht von Menschen in weitere Gewässer verschleppt werden. «Wir müssen die Bestände tief halten. Je mehr Signalkrebse es gibt, desto eher suchen sie sich neue Gewässer und stecken noch mehr einheimische Krebse mit der Krebspest an», so Thomas Stucki. Das Hotel Linde als einer von neun Pächtern des Dättwiler Weihers machte aus der Not eine Tugend.

Weniger als zwei Kilometer nordöstlich des Weihers gibt Fritz Wanner die gefangenen Signalkrebse wieder ins Wasser: Im kochenden Salzwasser werden sie haltbar gemacht, danach werden sie eingefroren. Später entsteht daraus die hausgemachte Krebssuppe des Hotels Linde — ein Gericht, das an Regionalität kaum zu überbieten ist. Ist es auch beliebt? «Es ist eine gute Suppe, aber nicht jedermanns Sache», sagt Wanner. «Vor allem internationale Gäste aus arabischen und asiatischen Ländern sind sich solche Gerichte gewöhnt.» Während sich die Situation in Dättwiler Weiher und im Badener Stadtbach langsam entspannt, verschärft sie sich andernorts: Von Zürich her breitet sich der Signalkrebs in der Limmat aus, und von Solothurn aus erobert er die Aare flussabwärts. Im Rhein verbreiten sich die Kamberkrebse, die ebenfalls die Krebspest auf sich tragen.

Gleiches gilt für die Roten Sumpfkrebse. Diese kommen in einem Weiher auf einem Privatareal in Mellingen vor, wo sie ebenfalls für kulinarische Zwecke gefangen werden. Pikant: Bis zu zwei Kilometer weite Strecken können die amerikanischen Krebse «zu Fuss» zurücklegen. Deshalb könnten sie dereinst auch die nahe Reuss erobern — der einzige der grossen Aargauer Flüsse, den die amerikanischen Krebse noch unberührt liessen.

Gewässer wie der Dättwiler Weiher werden sich jedenfalls weiter wandeln. «Früher entnahm man dem Weiher im Winter Eisblöcke, um das Bier zu kühlen. Und einst war im Weiher auch eine Forellenzucht angesiedelt», sagt Fritz Wanner. Er ist Vorsitzender der Pächtergemeinschaft des Weihers. Diese hat neun Mitglieder, Fritz Wanner ist eines davon. Eigentümer des Weihers sind die Badener Ortsbürger.

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