Er war hochbegabt, sensibel und morphiumsüchtig. Und: Er litt am Leben. Der Churer Pfarrerssohn Andreas Walser (1908–1930) starb knapp vor seinem 22. Geburtstag in seiner Wahlheimat Paris – vermutlich an einer Drogenüberdosis. Was blieb? Schmerz. Schmerz über den Verlust eines Menschen, der – befreundet mit Ernst Ludwig Kirchner, Pablo Picasso und Jean Cocteau – auf dem Weg war, ein ganz Grosser zu werden: Ein Maler, dessen Werke in einem Atemzug genannt werden mit jenen der Genannten. Es sollte nicht sein. 

(Quelle: Youtube)

Métro zum Höllentor - Sogar Theater Zürich

Das vielfältige Oeuvre des mitunter wie in einem Fieberrausch malenden jungen Mannes blieb nach seinem Tod mehr als 50 Jahre verschollen, bis es 1981 zufällig in einem Pariser Estrich entdeckt wurde. Eine Sensation? Man scheut sich, dieses Wort zu verwenden; zutreffender ist das Wort Gewinn. Dies insbesondere im Hinblick auf jene 200 Briefe, die Andreas Walser an die junge Sopranistin Bärby Hunger schrieb und in denen er seine malerischen Entdeckungen, sein Leben in der französischen Kunstmetropole, aber auch seine immer grösser werdende Seelenpein offenbarte.

Wie heftig diese war, wird erlebbar in der szenischen Lesung «Métro zum Höllentor» im ThiK, die der Regisseur Heinz Bütler mit den Schauspielern Graziella Rossi und Helmut Vogel erarbeitet hat. Projektionen (François Haymoz) von Walser-Porträts, Skizzen und Bildern, aber auch von Briefen, deren Schrift gegen das Lebensende immer unleserlicher wird, vervollständigen die szenische Lesung. Dazu wird ihr ein nie aufdringlicher, jazziger Musikteppich unterlegt.

Abdriften in die Drogensucht

Mehr ist nicht, braucht es auch nicht für einen Abend, der ganz von dem subtil gestalteten Wort und von akzentuierenden Pausen lebt. Links auf der Bühne sitzt Graziella Rossi, die dem jungen Walser durch dessen anfänglich vor Schaffenslust nur so sprühenden Briefe eine kräftige, später brüchige Stimme gibt; rechts sitzt Helmut Vogel, der Ernst Ludwig Kirchner spricht. Walsers Mentor beobachtet besorgt das Abdriften des Freundes in die Drogensucht.

Kirchner weiss, wovon er spricht, denn auch er ist dem Morphium verfallen. Das permanente Auf und Ab von glücklichen und depressiven Momenten, von Ruhmsucht und Todeswunsch, verweist auf ein beklemmendes, tragisches Schicksal. Heinz Bütler hat es der Vergessenheit entrissen und – mit zwei feinfühligen Schauspielern – als berührendes Kammerspiel Gestalt werden lassen.