«Too Good To Go»

Zu gut für den Müll: Anti-Foodwaste-App ist in der Region Baden auf Erfolgskurs

Auch in der Region Baden bieten immer mehr Dienstleistungsbetriebe ihre übrig gebliebenen Lebensmittel auf «Too Good To Go» an.

Bis vor kurzem war das Angebot noch etwas lau, Menschen aus der Region Baden konnten nur aus ein paar wenigen Dienstleistungsbetrieben wählen, die in der Smartphone-App «Too Good To Go» ihre übrig gebliebenen Lebensmittel anboten. Über die Gratis-App verkaufen registrierte Hotels, Restaurants, Bäckereien, Gross- und Detailhändler ihre Restposten zu einem deutlich günstigeren Preis, damit diese nicht im Müll landen.

In den letzten Monaten hat das Angebot nicht nur in der Region Baden zugenommen, die App ist in der ganzen Schweiz im Aufwind. Das dänische Start-up hat seinen Schweizer Sitz seit bald zwei Jahren im Zürcher Seefeld. Inzwischen verzeichnet das Unternehmen laut eigenen Angaben schweizweit 690'000 registrierte Nutzer, rund 2000 Anbieter und kann auf etwa 840'000 gerettete Mahlzeiten verweisen.

Ende Januar hat die Migros angekündigt, die Partnerschaft mit «Too Good To Go» auszuweiten und künftig «Überraschungstüten» in der ganzen Schweiz anzubieten. Der Kunde weiss damit nicht, was er am Ende des Tages – also zumeist zwischen 19.30 und 20 Uhr – für 5.90 statt für 18 Franken erhält. Es handelt sich um eine erweiterte Pilotphase, bei der auch die Filialen in Gebenstorf, Spreitenbach und Wettingen mit dabei sind. In der Badener Filiale am Bahnhof hingegen gibt es «Too Good To Go» noch nicht.

Hamsterer im Hotel Blume

Seit Oktober 2019 bei der App mit dabei ist auch das Badener Atrium-Hotel Blume im Bäder-Quartier. Dieses bietet über die App die übrig gebliebenen Lebensmittel vom Frühstücksbuffet an. Hier können Nutzer am Abend vorher bestellen und sich am Morgen darauf zwischen 9.30 und 10.15 Uhr beim Buffet bedienen – ebenfalls für 5.90 statt für 18 Franken, wie in der App aufgeführt ist. Ob Brot, Käse, Aufschnitt, Früchte, es gibt das, was die Hotelgäste nicht gegessen haben: «Auch wenn die Käseplatte einmal leer ist, so gibt es immer noch anderes, das übrig bleibt», sagt Silvio Erne, der gemeinsam mit seinem Bruder Patrik Inhaber des Hotels ist.

Die letzten drei Wochen sei fast jeden Tag jemand da gewesen und habe etwas abgeholt. Am Dienstag sei zum Beispiel eine junge Frau da gewesen, die hin und wieder auch für ihre pensionierte Nachbarin etwas mitnehme. Einmal habe jemand einfach eingepackt, obwohl nicht alles, was auf dem Tisch steht, mitgenommen werden darf, weil es das Hotel selbst noch brauchen kann. Wer das war, ist aus der App nicht ersichtlich.

Erne kennt die Namen der Menschen nicht, die bestellen, sie sind nur als Nummern gekennzeichnet: «Sollte es aber nötig werden, kann ich immer noch die App-Betreiber kontaktieren.» Er freut sich sehr über die neuen Möglichkeiten, welche die App eröffnen: «Wir konnten dadurch schon viele Nahrungsmittel retten.» Er hofft darauf, dass diese aber nicht stattdessen bei den App-Nutzern im Abfalleimer landen.

«Spar»: der erste Grossverteiler in der Schweizer App

Die erste Schweizer Supermarktkette, die eine Partnerschaft mit der App eingegangen ist, war im Sommer 2019 die Spar-Gruppe. Auch die Filialen in Baden-Rütihof, Wettingen, Spreitenbach und Turgi sind mit an Bord. Liridona Sokoli, Verkäuferin in Turgi, ist ganz begeistert vom Konzept: «Wir haben fast täglich Kunden, die am Abend vorbeikommen und von den günstigeren Waren profitieren wollen.»

Sie sehe, dass die Menschen froh seien um das Angebot. Auch hier ist in der App wieder derselbe Preis wie in den vorhergehenden Beispielen aufgeführt: Für 5.90 statt für 18 Franken können Kunden zwischen 19.30 und 20 Uhr Restposten abholen.

Bisher sei sie erst einmal mit einem Problem konfrontiert gewesen: «Da wir ja nicht wissen, was am Abend übrig bleibt, bieten wir ebenfalls Überraschungstüten. Einmal kam eine Vegetarierin und konnte keine Tüte mitnehmen, weil Fleisch darin war.» Die grösste Schwierigkeit sei, dass bei den Überraschungstüten in der App nicht auf mögliche Allergien und verschiedene Ernährungstypen hingewiesen werden könne. Das ist dann aber auch schon der einzige Nachteil für Sokoli: «Inzwischen sind wir eingespielt und es erfordert auch keine grosse Mehrarbeit mehr, die Tüten vorzubereiten.»

Kanti-Mensa: «Wir verdienen nicht daran»

Auch die Genossenschaft Mensa der Kantonsschule Wettingen hat sich vor sechs Monaten der App angeschlossen. «Für uns ist es aktuell aber eher ein Ausloten», sagt Betriebsleiter Christoph Mosimann, «um herauszufinden, ob sich der zusätzliche Aufwand für uns überhaupt lohnt.» Sie seien bereits so eingerichtet, dass so wenig Lebensmittel wie möglich verschwendet werden.

In der Mensa Wettingen gilt das Familientisch-Prinzip, so wie die App eine skandinavische Erfindung: «Die Anzahl Schülerinnen und Schüler steht bis 8 Uhr morgens fix fest. So können wir die Menus nach genauerer Anzahl vorbereiten. Diese werden aber nicht in Tellern serviert, sondern wir stellen das Essen in Schüsseln auf die Tische.» Die Schüler schöpfen dann selbst so viel wie sie mögen.

Trotzdem: «Ganz bringt man Foodwaste nie weg», so Mosimann, «aber man kann probieren, es so gut wie möglich in den Griff zu kriegen.» Deshalb nun der zusätzliche Pilotversuch mit der App. Es verwundert nicht, wer davon bisher am meisten profitiert hat: «Oft sind es gleich die Schülerinnen und Schüler selbst, die nun die übrig gebliebenen Esswaren mit nach Hause nehmen», so Mosimann.
Einen Punkt gibt es aber, der ihm etwas zu schaffen macht, und dazu führen könnte, in naher Zukunft mit den App-Anbietern das Gespräch zu suchen: «Wir wollen nicht an diesem Angebot verdienen, aber es ist für uns doch ein Mehraufwand, den wir dafür betreiben müssen.»

Mehr als 400 Angestellte arbeiten weltweit für die App

So müsse das Angebot in der App veröffentlicht und die Waren so parat gemacht werden, dass die Nutzer sie – notabene in mitgebrachten Behältern – einpacken und mitnehmen können. Die App-Betreiber hingegen müssten nur die Plattform bieten und verdienen daran: «Wir erwirtschaften damit keinen Gewinn», so Mosimann. Mahlzeiten im Wert von 15 Franken kosten über die App entweder noch 4.90 Franken (einfache Portion vom Tagesmenu) oder 9.90 statt 30 Franken (doppelte Portion vom Tagesmenü). Davon gehen pro Transaktion 2.90 Franken an «Too Good To Go».

Verdient sich das Unternehmen mit seiner App eine goldene Nase? Mette Lykke, die vor fünf Jahren damit begonnen hat, von Dänemark aus das Unternehmen aufzubauen, sagte in der Handelszeitung zu dieser fixen Gebühr: «So hoch ist das gar nicht. Denn damit müssen wir die Payment-Kosten begleichen, die Plattform der App pflegen, und einen Kundendienst sicherstellen.»

Das gehe ins Geld und benötige eine ziemlich grosse Belegschaft, um innerhalb von 24 Stunden Antworten liefern zu können. Inzwischen arbeiten weltweit über 400 Angestellte für die App. Zudem fliesse Geld in deren Unterhalt und Weiterentwicklung. Weiter sei es nicht nur erklärtes Ziel, Lebensmittel zu retten, sondern auch Infomaterial zu kreieren, das man kostenlos downloaden könne. Wer sich auf der Website umsieht, findet denn auch viele Informationen zum Thema Lebensmittelverschwendung.

App kritisch beleuchtet

Die Handelszeitung warf vor kurzem einen kritischen Blick hinter die App. Urs Niggli von der Forschungsanstalt für biologischen Landbau sagte im Interview mit der Zeitung: «Die Gefahr, dass mehr produziert wird, ist inhärent.» Die App sei ein zusätzlicher Vertriebskanal. Das Problem dabei: «Wenn, wie das bei ‹Too Good To Go› häufig der Fall ist, die Inhalte schon am Vortag angeboten und verkauft werden, dann müssen die Betriebe das in ihre Kalkulationen einbeziehen» – gerade im Falle von klar umrissenen Angeboten, die es in der App auch gibt.

Diese Gefahr besteht bei den vom BT angefragten Dienstleistungsbetrieben eher nicht, sie alle bieten Überraschungstüten, deren genauer Inhalt für die Kunden im Vorfeld nicht klar ist. Doch das hinterfragt die Handelszeitung ebenfalls: «Auch diese müssen irgendwann in den Stunden vor dem Abholtermin gefüllt werden.

Sonst riskieren die Betriebe, dass sie gekaufte Ware nicht liefern können.» Es kann vorkommen, dass ein Nutzer ein Angebot zwar reserviert hat, am nächsten Tag aber doch nichts zum Abholen da ist. Dann haben die Betriebe bei «Too Good To Go» die Möglichkeit, ihre Angebote zu stornieren. Christoph Mosimann von der Kanti-Mensa sagt, er hätte kein Problem damit, das zu tun, sollte an einem Tag nichts übrig bleiben. Nur: «Das war bisher noch nie der Fall.»

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