Baden
Zu jung, um im Schützengraben zu sterben

Die neue Produktion des Teatro Palino zum Ersten Weltkrieg konfrontiert den Zuschauer mit eindrücklichen Bildern, die zum einen vergangenen Zeiten angehören und zum anderen einen zweifellos kontemporären Charakter besitzen.

Ursula Burgherr
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Soldat im Theater-Schützengraben. ZVG

Soldat im Theater-Schützengraben. ZVG

Bevor die Soldaten zwischen 1914 und 1918 in den Krieg zogen, schrieben sie in grossen Lettern auf Wände und Eisenbahnwaggons: «An Weihnachten sind wir zurück». Es war ein Zeichen von Hoffnung auf ein schnelles Ende des Kampfes. «An Weihnachten sind wir zurück» ist auch der Titel der neuen Theaterproduktion über den Ersten Weltkrieg von Stella Luna Palino und Hilde Schneider. Die Vorführung auf drei Schauplätzen beginnt mit Euphorie und spitzt sich zum Drama zu.

Die UnvermeidBar mutiert zu einem Bistro im Jahr 1914, einer Zeit des grossen wirtschaftlichen Umbruchs und der Globalisierung. Mitten im Publikum sitzen die Protagonisten und unterhalten sich über den Krieg. Collagenartig und musikalisch begleitet kommen Textpassagen bekannter Dichter und Schriftsteller wie Hesse, Hauptmann, Mann oder Zuckmayer zu Gehör.

Grosse geistige Koryphäen, die allesamt Befürworter eines Krieges waren. Doch auch Zweifel erfüllen den Raum. Die Spaltung zwischen Arm und Reich wird immer grösser. In einer Volksküche köchelt eine billige aber sättigende Schleimsuppe. Dann fällt der Blick der Zuschauenden durchs Fenster auf die Strasse, und die Stimmung ändert sich schlagartig.

Flüchtlinge ziehen schweigend vorbei. Von der anfänglichen Auf- und Umbruchsstimmung knallt man unvermittelt auf den Boden der Realität. Die aus ihrer Heimat Vertriebenen werden teilweise von Schauspielern in historischen Kleidern gespielt. Aber es sind auch Menschen aus Syrien und Afghanistan darunter, die unlängst das Grauen eines Krieges am eigenen Leib erfuhren und flüchten mussten.

Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. «Im Ersten Weltkrieg gehörten fünf Prozent der Zivilbevölkerung zu den Kriegsopfern, heute sind es 80 Prozent», sagt Regisseurin Hilde Schneider zu diesem zweiten Akt des Schauspiels, der als Symbol für alle Ausgewiesenen steht.

Dann disloziert das Publikum ins gegenüberliegende Teatro Palino und erlebt zwei Soldaten, die im Schützengraben liegen. Der eine Franzose, der andere Deutsche – beide den Tod vor Augen. Ihre Ängste und Sehnsüchte werden hörbar (Text: Matthias Dix). Sie sind jung, und was hätten sie nicht noch alles erleben können, wenn es die Kugeln nicht gäbe? Das Ende des Dramas wird offen gelassen. Es sei aber sehr ergreifend und werfe Fragen auf.

Denkveranstaltung mit Bezug

Nahrhafte Kost bietet das Teatro Palino mit seiner neuen Produktion «An Weihnachten sind wir zurück». «Was die Menschheit und auch mich am meisten beschäftigt, sind Liebe, Tod und Krieg», meint Stella zum Stück und Schneider erklärt: «Wir wollten zum Jubiläum 100 Jahre Erster Weltkrieg nicht eine Gedenk-, sondern eine Denkveranstaltung machen. Es sollte zudem kein Geschichtsunterricht sein, sondern einen direkten Bezug zum Hier und Jetzt haben. Das Bizarre und die Brutalität des Krieges bleiben immer gleich.»

An Weihnachten sind wir zurück

Premiere am 19. November

Weitere Aufführungen:

21./22./26./28./29. November 3./5./6./10./12./13. Dezember

jeweils 20.30 Uhr in der UnvermeidBar