Kolumne
Zu viel Schweizer DNA in mir

Wie der AZ-Chefredaktor eine Einladung auf ein Bier ausschlug - und es sogleich bereute.

Patrik Müller
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„Chrättli“-Betreiber Tim.

„Chrättli“-Betreiber Tim.

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In unserem Quartier in Baden gibt es einen Laden mit dem schönen Namen «Chrättli». Vorgestern haben wir dort unseren Samstagseinkauf gemacht, doch beim Znachtkochen merken wir, dass uns für die Suppe der Hartweizengriess fehlt.

Es ist schon 40 Minuten nach Ladenschluss, aber es ist quartierbekannt, dass Tim, der «Chrättli»-Betreiber, seine Tür auch später aufmacht, wenn er noch arbeitet. Also nichts wie hin. Am Eingang hängt ein «sorry, we’re closed»-Schild, doch als Tim den Kunden erblickt, spricht aus seinem Gesicht nicht Stress, sondern Freude. «Komm! Was brauchst du?»

Ich entschuldige mich, dass ich seinen Arbeitstag verlängere. Tim winkt ab: «Hör auf. Ich bin ja noch da. In der Türkei gibt es auch keinen Ladenschluss.» Dazu muss man wissen, dass «Chrättli»-Mann Tim den Nachnamen Demir trägt und türkische Wurzeln hat.

Als ich beim Bezahlen wegen schlechten Gewissens aufrunden will, winkt er wieder ab. «Gib das deinen Kindern. Nimmst ein Bier?» Ich entschuldige mich: Ich wolle ihn nicht länger aufhalten, ausserdem seien wir schon am Kochen. Draussen stutze ich. Spielt es eine Rolle, ob wir eine halbe Stunde früher oder später essen? Wie konnte ich nur ablehnen, ein Bierchen zu trinken mit Tim, in diesem gemütlichen Laden?

Ich erkläre es mir, zu meiner Entlastung, mit der Schweizer DNA. Lieber Tim, beim nächsten Mal nehm ich eins, und ich werde mich bei dir für nichts entschuldigen.