Region Baden

Zu wenig Kinderärzte: Werdende Eltern kommen auf die Warteliste

In der Region fehlt es an Kinderärzten. (Symbolbild)

In der Region fehlt es an Kinderärzten. (Symbolbild)

In Baden gibt es zu wenig Kinderärzte – werdende Eltern sollten sich früh auf eine Warteliste setzen lassen.

In den letzten Jahren hat die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die in der Kindernotfallstation des Kantonsspitals Baden (KSB) behandelt werden, drastisch zugenommen. Laut Markus Wopmann, Leiter der Kinderklinik, ist dieser Umstand auch darauf zurückzuführen, dass viele Eltern heute gar keinen Kinderarzt mehr haben. Stimmt das, und wenn ja, was sind die Gründe? Das «Badener Tagblatt» hat mit der Badener Kinderärztin Sandra Baumgartner gesprochen. Sie führt seit 25 Jahren zusammen mit drei Mitarbeitenden die Jugendpraxis am Bahnhofplatz in Baden. Für das Gespräch hat sie nur eine halbe Stunde Zeit, dann ruft schon der nächste Termin.

Frau Baumgartner, viele Eltern haben heute gar keinen Kinderarzt mehr, während Sie von frühmorgens bis spätabends ausgelastet sind. Wie geht das auf?

Sandra Baumgartner: Das ist kein Widerspruch, sondern das eine hängt mit dem anderen zusammen. Es gibt tendenziell zu wenig Kinderärzte in der Region, weshalb nicht alle Eltern einen Kinderarzt finden, selbst wenn sie möchten.

Stimmt es, dass es wegen dieses Engpasses Eltern oft auch nicht möglich ist, den Kinderarzt zu wechseln, wenn sie mit dem aktuellen nicht zufrieden sind?

Ja, das trifft leider zu. Ich erhalte immer wieder Anfragen von Eltern, deren Kinder wir aber beim besten Willen nicht aufnehmen können.

Aber frischgebackene Eltern können damit rechnen, einen Platz für ihr Neugeborenes zu finden?

Leider auch nicht in jedem Fall, was ich sehr bedauere. Es tut mir persönlich wahnsinnig leid, wenn ich Eltern mit einem Neugeborenen keinen Termin anbieten kann und auffordern muss, bei weiteren Kinderärzten der Region um einen Platz anzufragen.

Also keine Garantie für Neugeborene?

Faktisch schon: Wenn sich werdende Eltern früh genug, das heisst schon während der Schwangerschaft, auf eine Warteliste setzen lassen, dann ist die Chance sehr gross, bei einem Kinderarzt aufgenommen zu werden ...

... auf die Gefahr hin, dass man dann mit diesem Kinderarzt doch nicht zufrieden ist, aber nicht mehr wechseln kann.

Deshalb ist es sehr wichtig, dass sich werdende Eltern in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis gut umhören und sich Referenzen einholen. Gerade weil man später fast nicht mehr wechseln kann, ist die Wahl sorgfältig anzugehen. Doch die fehlende Wechselmöglichkeit ist nicht nur schlecht.

Wie meinen Sie das?

Früher gab es Eltern, die einfach mal alle Ärzte ausprobiert haben. Das verunmöglichte es den Ärzten, eine Vertrauensbasis zu den Kindern aufzubauen und generierte wegen Doppelspurigkeiten unnötige Kosten.

Wie verhält es sich bei Geschwistern? Riskieren Eltern, dass ihre Kinder von verschiedenen Kinderärzten behandelt werden, weil der Arzt des ersten Kindes keinen Platz mehr für die Geschwister hat?

Nein. Ziel ist es, dass alle Kinder einer Familie den gleichen Kinderarzt haben.

Gibt es weniger Kinderärzte als vor 20 Jahren?

Nein, die Zahl hat sich in Baden, Wettingen und Brugg mit rund 20 Kinderärzten sogar leicht erhöht. Doch weil sich die Arbeit eines Kinderarztes stark geändert hat, müsste es eigentlich noch mehr Praxen geben.

Was ist anders als früher?

Mein Vorgänger hat pro Tag rund 40 bis 50 Patienten behandelt. Heute sind es noch knapp die Hälfte. Die Abklärungen sind viel umfassender und es geht längst nicht mehr nur um medizinische Themen. Heute geht es auch um Wachstum, Ernährung, Erziehung bis hin zu schulischen Problemen.

Unter dem Strich fehlen Kinderpraxen. Wehalb gibt es nicht genügend Kinderärzte?

Wie auch in anderen Disziplinen haben wir ein Nachwuchsproblem. Natürlich sage ich als Kinderärztin, es gibt nichts Schöneres, als mit den kleinen Patienten gross zu werden. Aber leider sind die Verdienstmöglichkeiten verglichen mit anderen Fachrichtungen beschränkt. Als selbstständig praktizierender Kinderarzt muss man gut disponieren, um allen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen und die Altersvorsorge zu regeln. Da wählen viele lieber eine sichere Anstellung zum Beispiel in einem Spital, wo man auch Teilzeit arbeiten kann und die Sozialleistungen Bestandteil des Verdienstes sind.

Wieso ist der Lohn vergleichsweise gering?

Weil wir als Kinderärzte vor allem viel Gespräche und Beratungen führen und wenig technische Leistungen wie etwa Laboruntersuchungen oder Röntgenaufnahmen durchführen. Ziel der Kinderärzte ist es, die Kinder nur wenn wirklich notwendig belastenden Untersuchungen auszusetzen. Die Gesprächstarife sind verglichen mit den Tarifen für technische Leistungen relativ tief.

Wäre aus Ihrer Sicht hier die Politik gefordert?

Ja, ich denke schon, dass eine Angleichung erstrebenswert wäre. Nur: Mit Geld allein ist es nicht getan. Jüngst wurde bekannt, dass jede fünfte Ärztin und jeder fünfte Arzt nach zehn Jahren nicht mehr auf dem Beruf arbeitet. Das gibt mir wirklich zu denken. Wenn wir mehr Kinder-, aber auch Hausärzte wollen, dann müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden; ich denke etwa an Krippenplätze und bessere Wiedereinstiegsmöglichkeiten für Ärztinnen.

Sie erwähnen den Hausärztemangel. Inwiefern bekommen Sie den zu spüren.

Indem ich viele über 18-jährige Patientinnen und Patienten habe, die bei mir bleiben, weil sie keinen Hausarzt gefunden haben.

Kinderärzte verdienen vergleichsweise wenig. Lohn ist auch Wertschätzung. Spüren Sie genug Wertschätzung für Ihre Arbeit?

Von meinen Patienten und deren Eltern ganz bestimmt. Doch innerhalb der Ärzte-Zunft ist bisweilen die Meinung verbreitet, unser Hauptthema seien banale Infekte. Dabei machen Entwicklungsbeurteilungen und Vorsorgeuntersuchungen, neben durchaus komplexen Krankheitsbildern, einen Grossteil der Arbeit aus. Ohne genaueres Hinsehen können diese Untersuchungen als «Spielen» missinterpretiert werden.

Sie spielen ja sicher auch, aber wohl mit einem klaren Ziel?

Genau. Wir können Kindern mit der Entwicklungsbeurteilung und entsprechenden Massnahmen den Weg für später vorbereiten. Wobei wir wie gesagt nicht nur medizinische Arbeit leisten, sondern uns auch pädagogischen und psychologischen Themen widmen. Glauben Sie mir: Um das Vertrauen eines Kindes zu gewinnen, müssen Sie sehr viel tun. Manchmal würde ich mich gerne hinter dem Medizinischen verstecken, doch das geht nicht (lacht). Wie auch die Hausärzte leisten Kinderärzte sehr viel im Bereich Familie und Integration. Ich bin überzeugt: Davon profitiert letztlich die ganze Gesellschaft.

Es gibt ja durchaus auch Parallelen zum Schulbereich, wo Kindergarten- oder Primarschullehrer eher wenig verdienen, obwohl sie wichtige Arbeit verrichten.

Richtig. Und wie bei den Kinderärzten wird das nicht entsprechend honoriert. Wenn wir eine gute und umfassende Betreuung der Kinder möchten, muss auch politisch ein Umdenken stattfinden.

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