Die Luft ist geschwängert vom Duft der Räucherstäbchen und auf dem Boden liegt ein schauderhaft schöner Flusenteppich in Pink. Die UnvermeidBar mutiert in «Zukunftsmusik!», dem neuen Stück der Compagnia Teatro Palino, zum Badener Jugendhaus. Der Zuschauer sitzt mitten in der Szenerie und wird Zeuge, wie der Nachwuchs eine Todesanzeige auf die Bürgerlichkeit verliest. «Spiritual Needs sind wichtiger als Karriere und Geld», ist der Tenor.

Mit vielen Klischees werden die 68er wiedererweckt. Minirock, Langhaarfrisuren, Hare Krishna-Jünger. Auf das eine oder andere etwas zu karnevaleske Detail hätte man besonders bei den Perücken gut verzichten können. Und dann wuselt da noch ein grauhaariger Regisseur mit Italo-Akzent im Bühnenbild herum. Er heisst Federico (nicht Fellini), will einen Fernsehfilm zum Thema «50 Jahre Generalstreik 1918» produzieren und gleichzeitig die revolutionäre Stimmung einfangen, die auch in den 1968ern herrscht.

Dafür ist ein Ort wie das Badener Jugendhaus natürlich ideal. Gesendet wird erstmals live und in Farbe, wie Moderatorin Heidi (Stella Palino) stolz verkündet. Sobald die Sachlage nach dem etwas holprigen Einstieg geklärt ist, gewinnt das Stück an Dramatik und Tempo. Spannende Gäste sind in der bevorstehenden TV-Talkshow angesagt: Zum Beispiel Frau Bodinger, die Tochter des Oberleutnants, der sich im November 1918 mit seinen berittenen Dragonern der streikenden Arbeiterpartei entgegensetzte. Oder Karl Killer, 20 Jahre Stadtammann von Baden, der Streikleiter vor Ort war und 1948 verstarb. Deswegen wurde in Hansrudolf Twerenbold ein würdiges Alter Ego gefunden.

«Ein absoluter Hühnerhautmoment»

Zwischen Bodinger als Vertreterin des Establishments und dem Killer-Double, das sich für die Unterschicht stark macht, entbrennt eine hitzige Diskussion. Die Gesprächsthemen beruhen auf Tatsachen. Dafür hat die Compagnia Teatro Palino, die ihr Stück in einer Kooperation mit dem Historischen Museum Baden erarbeitete, im Stadtarchiv recherchiert. Die Einspielung der historischen Streiknacht 1918 wird für das Publikum auf der Rathausgasse in Szene gesetzt. Es späht durch die Fenster der Unvermeidbar und sieht, wie der junge Karl Killer die Erklärung des Oltner Aktionskomitees vorliest.

Zu den Stärken von Regisseurin Hilde Schneider und der 14-köpfigen Schauspielertruppe gehört es, poetische und atmosphärisch dichte Bilder zu schaffen, die der Zuschauer so schnell nicht mehr vergisst. Eindrücklich auch der Ausschnitt aus «Die grosse Schmährede an der Stadtmauer» von Dramatiker Tankred Dorst. Das Stück wurde im Badener Theater im Kornhaus tatsächlich aufgeführt. In «Zukunftsmusik!» kommt mit dieser Sequenz das schmerzhafte Aufbegehren der Frauen zum Ausdruck, die sich endlich aus ihrem engen Korsett befreien wollen. Dabei wird es mucksmäuschenstill im Zuschauerraum. Nach vielen turbulenten Szenen finden sich alle Protagonisten in der Musik wieder.

Maren Gamper zeigt ihr virtuoses Können als Pianistin und wechselt von Beethovens Mondscheinsonate nahtlos in «Because» von den Beatles über. Der Blick schweift wieder auf die Rathausgasse, wo Menschen mit Hippiekostümen und Regenschirmen in Slow Motion tanzen. Ein absoluter Hühnerhautmoment.

Vergangenheit trifft Gegenwart

Doch die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Denn dank der neuen Technik soll das Fernsehen auch Übertragungen in die Zukunft machen können. So beamt sich der 68er-Tross kurzerhand 50 Jahre nach vorne ins Jahr 2018. Für das Publikum bedeutet das einen Ortswechsel. Denn die Zukunft (beziehungsweise unsere Gegenwart) findet im Keller des Teatro Palino statt. Dort treffen die Hippies auf Digital Natives. Wie sich die Jugendlichen aus den verschiedenen Epochen einander annähern, sei nicht verraten. Der Schluss von «Zukunftsmusik!» ist auf jeden Fall frappant und lässt keinen kalt.