Baden
Zusätzliche Sitzungen verrechnet: Hat die Badener Ärztin betrogen?

Ein Patient erhebt schwere Vorwürfe gegen eine Badener Psychotherapeutin. Sie soll ihm mehrere Sitzungen zu Unrecht berechnet haben. Die Ärztin betont, dass alles seine Richtigkeit habe.

Martin Rupf
Drucken
Teilen
Patient: «Es waren Sitzungen an Tagen aufgeführt, an denen ich weder die Psychotherapeutin noch den Psychologen besucht habe»

Patient: «Es waren Sitzungen an Tagen aufgeführt, an denen ich weder die Psychotherapeutin noch den Psychologen besucht habe»

Keystone

Christian Eggerlin (richtiger Name der Redaktion bekannt) staunte nicht schlecht, als er vor etwas mehr als einem Jahr von seiner Psychotherapeutin die Rechnung inklusive Rückforderungsbeleg für die Krankenkasse erhielt. Auf diesen waren fein säuberlich die von ihm bezogenen Leistungen respektive Sitzungen aufgeführt.

Der Haken: Eggerlin besuchte die Badener Ärztin (Name der Redaktion bekannt) dreimal; auf Empfehlung der Badener Ärztin begab er sich zudem zweimal in die Behandlung bei einem Psychologen. Die Ärztin habe ihm angeboten, dessen Leistungen über sie abzurechnen. Stolzer Kostenpunkt: 2089 Franken. «Ich wurde stutzig; eine so hohe Rechnung für fünf einstündige Sitzungen?!»

Bei genauerer Prüfung war dann auch schnell klar, weshalb der Betrag so hoch war. «Es waren Sitzungen an Tagen aufgeführt, an denen ich weder die Psychotherapeutin noch den Psychologen besucht habe», so Eggerlin. Er habe seine Ärztin daraufhin sofort auf diesen Umstand aufmerksam gemacht. «Sie sagte mir damals sinngemäss, sie müsse aus abrechnungstechnischen Gründen auch an Tagen Konsultationen abrechnen, an denen ich gar keine Sitzungen hatte; alles habe seine Richtigkeit.» Er habe sich damals mit dieser Antwort zufrieden gegeben.

Doch weil ihm die ganze Angelegenheit keine Ruhe liess, habe er sich Anfang dieses Jahres mit einem Schreiben an seine Krankenkasse gewendet. «Es ging mir dabei nicht um das Finanzielle, da meine Franchise und der Selbstbehalt unabhängig von der fraglichen Rechnung ausgeschöpft wurden», so Eggerlin. Er habe vielmehr vermeiden wollen, dass weiteren Prämienzahler ungerechtfertigte Kosten auferlegt werden. «Das Ganze stinkt doch zum Himmel; ich gehe von einem offensichtlichen Betrugsfall aus.»

Das Schreiben an die Krankenkasse ging mit Kopie auch an die Ärztin. Diese liess ihrerseits mit einer Antwort an die Krankenkasse nicht lange auf sich warten. «Ich bin besorgt und enttäuscht über die durch meinen ehemaligen Patienten eingereichte Beschwerde», beginnt der Brief. Und weiter: «In seinem Brief an Sie stehen diverse widersprüchliche Aussagen, auf die ich im Detail nicht eingehen möchte . . . und es scheint mir auch nicht sinnvoll zu sein.» Deshalb verzichte sie auf alle Forderungen der bestrittenen Konsultationen in Höhe von 1866 Franken. Der Brief endet mit den Worten: «Der ganze Fall hat mich als Ärztin verletzt; ich hoffe, dass wir die Angelegenheit schnellstmöglich beenden können.»

«Alles seine Richtigkeit»

Auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag» will die Ärztin nicht genauer auf den Fall eingehen. Sie betont aber, dass alles seine Richtigkeit habe und sie ganz sicher keine Betrügerin sei. Auf die Frage, weshalb sie einfach so auf 1866 Franken verzichte, wenn sie doch im Recht sei, meint sie lapidar: «Das ist nicht aussergewöhnlich; die ganze Sache ist sehr komplex.» Ihrem Wunsch, die Sache unkompliziert zu beenden, kam die Krankenkasse tatsächlich nach, indem sie es bei einigen Belehrungen («durchgeführte Leistungen sind zwingend mit dem korrekten Behandlungsdatum abzurechnen») beliess und sich ansonsten mit der Rückerstattung der 1866 Franken zufrieden gab.

Und in einem Brief an Eggerlin schreibt die Krankenkasse: «Wir erachten das Angebot der Ärztin, auf die bestrittenen Konsultationen zu verzichten, in diesem Fall als fairen Kompromiss.» Eggerlin: «Es erstaunte mich, dass da nicht mehr an Reaktion kam, da es ja mutmasslich um eine bewusste Täuschung ging.» Die Krankenkasse müsste doch davon ausgehen, dass die Ärztin nicht zum ersten Mal falsch abgerechnet habe.

Die betroffene Krankenkasse war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Eine Anfrage bei den grossen Krankenversicherern Helsana und Sanitas zeigt: Missbrauchsfälle, in denen Leistungen nicht erbracht, aber durch den Arzt verrechnet werden, kommen relativ selten vor. Beide Kassen betonen, sie würden diverse Kontrollen und Überprüfungen durchführen, um Missbräuche zu vermeiden.

«Klar führen die Versicherer Kontrollen durch», sagt Daniel Wiedmer, Sprecher der Tarif Suisse AG, der grössten Leistungseinkäuferin im KVG-Bereich. Doch kontrolliert werde nur die Wirtschaftlichkeit der erbrachten Leistungen, ob die Tarife eingehalten werden und ob der Arzt für die Erbringung der Leistungen überhaupt qualifiziert sei. «Ob eine Leistung tatsächlich erbracht wurde oder nicht, kann eine Krankenkasse in der Regel nicht verifizieren», so Wiedmer. «Tarif Suisse hat extra eine Meldestelle eingerichtet, bei der sich Versicherte bei Unregelmässigkeiten oder Verdachtsfällen melden können.» Letzte Zahlen von 2010 zeigen: Rund 13 Prozent der untersuchten Rechnungen waren nicht in der Norm. «In der Schweiz werden jährlich rund 90 Mio. Rechnungen in der Höhe von rund 23 Mrd. Franken ausgestellt», sagt Wiedmer. Dank Rechnungskontrollen und Rückforderungen könne man rund 2 Mrd. Franken einsparen.

Aktuelle Nachrichten