Das Jahr ist 41 Stunden alt, die Links-rechts-links-Küsschen und die guten Wünsche sind ungezählt. Im Wettinger Tägerhard-Saal spiegeln sich 30 Kronleuchter in der verspiegelten Decke, die üppig-bunten Blumengestecke am Bühnenrand verbreiten einen zarten Duft von Lilien und Rosen: Am Tag nach dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker folgte das der Aargauer Philharmoniker, Pardon, der argovia philharmonic.

Das ist seit 1992 so, und einmal mehr war der Saal gestern bis auf den letzten Platz besetzt mit bestens gelaunten Promis und «gewöhnlich Sterblichen». Erstere sind jeweils in der Minderheit, von der wiederum eine Mehrheit eiserne Stammgäste sind.

Nebst den Nationalrätinnen Corina Eichenberger und Ruth Humbel, ihren männlichen Kollegen Maximilian Reimann ist das unter anderm Josef Meier, der VR-Präsident der Neuen Aargauer Bank, welche jeweils vor dem Konzert einen Apéro für geladene Gäste ausrichtet. Dort traf man auf Staatsschreiberin Vincenza Trivigno und es begrüsste NAB-CEO Roland Herrmann den designierten Grossratspräsidenten Benjamin Giezendanner, der mit seiner hübschen Gattin Jasmine um die Wette strahlte.

Natürlich fehlte weder der frischgebackene Regierungsrat Markus Dieth noch dessen Nachfolger als Wettinger Gemeindeammann: Roland Kuster begrüsste die Konzertbesucher voller Stolz «in dieser wahnsinnigen Kulisse, wo Wettingen das musikalische Mass aller Dinge ist.»

Wie es die Tradition ebenfalls will, bietet das Neujahrskonzert dem Landammann die Plattform für seinen ersten Auftritt in Amt und Würden. Stephan Attiger sprach viel über Musik. «Als Landammann habe ich in der Aargauer Regierung eine ähnliche Funktion wie der Dirigent eines Orchesters … Im Gremium aber spielt niemand die erste Geige. Wir verfolgen ein gemeinsames Ziel: Den Aargau in eine blühende Zukunft zu führen ...» Musik sei ein altbewährtes Rezept. «Es schwinden jedes Kummers Falten, solang des Liedes Zauber walten», zitierte er aus Schillers Gedicht «Die Macht des Gesangs».

Ob das einmal mehr beglückende Konzert tatsächlich Falten zum Verschwinden brachte, war schwer zu kontrollieren. Eindeutig aber haben die grossartig spielenden Musikerinnen und Musiker unter der bewährten Leitung von Marc Kissóczy Kummer und Sorgen vertrieben und, wenn schon, denn schon, Freude- und Wonne-Fältchen auf die Gesichter der Zuhörer gezaubert.

Das Programm war durch seinen Abwechslungsreichtum besonders reizvoll, reichte vom «Holzschuhtanz» aus Albert Lotzings komischer Oper «Zar und Zimmermann» über die «Tritsch-Tratsch-Polka» von Johann Strauss und den «Lagunenwalzer» aus dessen Operette «Eine Nacht in Venedig» bis zum zauberhaften Menuett aus der «Arlésienne Suite» von Georges Bizet.

An jedem Wettinger Neujahrskonzert sponsert die Ortsbürgergemeinde den Auftritt eines Solisten oder einer Solistin. Dieses Mal war es die aus Argentinien gebürtige Sopranistin Leonora del Rio. Mit ihrer warmen, weichen Stimme verlieh sie dem Lied «Sei nicht bös» aus Carl Zellers wenig bekannten Operette «Der Obersteiger» einen etwas verhaltenen, eigenen Reiz. Begeisterter Beifall war ihr, genauso wie dem – im wahrsten Sinne des Wortes – mitreissenden Orchester sicher. Beim anschliessenden, von der Gemeinde offerierten Apéro für alle Besucher klang die Musik noch lange nach.