Ja, das Haus Langmatt, wenn seine Wände reden könnten, es gäbe einiges zu berichten. «Stimmen der Zimmer – im Zwischenraum von Kunst und Literatur», so heisst die neueste Ausstellung im Museum Langmatt, die am Samstag eröffnet wurde.

Es knarzt im Gebälk. Das Dach – ist es dicht, wenn es regnet? Da sind Geräusche. Schritte im Korridor. Ein Flüstern aus den Wänden. Sind das Gedichte? Macht es Sinn oder ist es Dada? Unheimlich vielleicht? Spielt da jemand auf einem Flügel? Dieses Mal haben sich sieben namhafte Schweizer Künstler zusammengetan, der Direktor des Hauses, Markus Stegmann hatte sie dazu eingeladen, sich mit dem Haus Langmatt auseinanderzusetzen, drei aus der Sparte Bildende Kunst und vier Schriftsteller, darunter Autor Simon Libsig, Schriftstellerin Michelle Steinbeck, Autor Klaus Merz oder die bildende Künstlerin Nina Riben. Entstanden ist eine witzig-skurrile Collage rund um das Museum Langmatt und seine ehemaligen Bewohner, der Familie Brown (ABB).

Briefe an Haile Selassie

Betritt der Besucher den ersten Stock im Haus Langmatt, begegnen ihm als allererstes kurios-bizarre Zeichnungen vom St. Galler Kunstschaffenden Beni Bischof, die dem Betrachter unweigerlich ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern oder ihn im nächsten Moment nachdenklich stimmen.

«Die Grenzen zwischen bildender Kunst und Literatur werden immer durchlässiger», sagt Stegmann. «Immer mehr Kunstschaffende entwickeln Werke, in denen die Sprache als künstlerisches Material einen zentralen Platz einnimmt. Und umgekehrt interessieren sich in zunehmendem Mass Schriftstellerinnen und Schriftsteller für die visuellen und materiellen Möglichkeiten der Kunst», sagt er. Spätestens seit dem Dadaismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts fänden Sprache und Bildende Kunst immer wieder zusammen.

Da begegnen dem Besucher im nächsten Raum Gedichte der Schriftstellerin Elisabeth Wandeler-Deck, der Grand Dame der Schweizer Lyrik. Sie bietet dem Besucher Poesie zum Mitnehmen. Es sind Gedichte, die unweigerlich an Dada erinnern. Dabei erklingt aus den Lautsprechern ein fast monotones Raunen. Es ist ein Hörstück, das ebenfalls die experimentierfreudige Spracharbeit der Autorin vermittelt. Um den historischen Steinway-Flügel der Familie Brown, entwickelte die Schriftstellerun Sarah Elena Müller ein komplexes Hörstück. Wer sich im nächsten Zimmer aufs Sofa setzt und die Kopfhörer aufsetzt, lässt sich auf ein rasantes, doppelbödiges Kopfkino ein.

Sidney Hamilton Brown jr. Der älteste Sohn der Familie Brown (1892-1975) hatte in jungen Jahren, in Mission für das IKRK den letzten Kaiser von Abessinien, dem heutigen Äthiopien, Haile Selassie persönlich kennen gelernt. Für das Museum Langmatt hatte sich die Schriftstellerin Michelle Steinbeck auf seine Geschichte eingelassen. In seinem Namen schrieb sie 13 fiktive Briefe, an ihre Majestät Haile Selassie, und zeichnet gleichzeitig ein ganzes Lebensporträt auf. Die Briefe darf der Besucher selber suchen im ehemaligen Arbeitszimmer. Im hintersten Zimmer steht ein Telefonapparat. Hebt man den Hörer ab, lässt man sich ein auf eine wunderbare Geschichte rund um ein Findelkind, dem Jenny Brown ein Obdach gab. Die fiktive Geschichte um das Bildnis eines Mädchens gemalt von einem unbekannten Künstler stammt aus der Feder von Simon Libsig.

Die Besucher der neuen Ausstellung dürfen sich freuen auf sieben ganz neue Perspektiven auf das Haus Langmatt und seine Bewohner - aber auch auf eine wunderbare Gegenüberstellung von zeitgenössischer Literatur und Kunst. Die Ausstellung dauert noch bis zum 19. August.